Dienstag, 17. März 2020

Galiläa Quarantäne Teil 1

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

meine Mutter schlägt vor, bunte Schutzmasken für die Kinder zu nähen. Sie ist vor zwei Jahren in Rente gegangen, unvorbereitet, womit sie schon Einiges an Erfahrung gesammelt hat, wie man mit unerwartet großen Zeitmengen umgeht. Ganz schön nützlich zurzeit. Jedenfalls schickte sie uns ein Bild einer bunten Schutzmaske, rosa mit kleinen Mickymaus-Figürchen. Ich weiß nicht, wie wir an die Maske kommen, seit heute gilt ein Shut Down, und Jerusalem, das für die meisten Israelis sowieso wie ein Stück Ausland im eigenen Land gilt, rückte damit in weitere Ferne. 

Sowieso, Shut Down, oder auf Hebräisch – Seger – ist ein Wort, das man eher mit dem Konflikt in Verbindung bringt. Dem Konflikt mit den Palästinenser*innen. Jedes Mal, wenn dieser eskaliert, ist die erste Reaktion des Militärs ein Seger. Seger bedeutet, dass alle Zugangsstraßen zu einem Ort versperrt sind, von müden Soldaten und genervten Polizisten. Ich frage mich, ob wir demnächst auch müde Soldaten und genervte Polizisten am Ortseingang haben werden. Ich stehe nicht so auf Rollenspiele, aber es sind nun mal keine normalen Zeiten, man muss halt Neues ausprobieren, um die Zeit totzuschlagen. Ich bin bereit, für einige Zeit die palästinensische Rolle zu übernehmen, wenn sie im Gegenzug den Gedanken genauso lang ertragen müssen, Netanyahu sei ihr Ministerpräsident. Ein Seger hat übrigens einige Untergattungen, wie zum Beispiel „Seger Noschem“, oder zu Deutsch „Atmender Seger“. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher, was das bedeutet – ich war Musiker in der Armee, habe also nie am Check Point in den besetzten Gebieten gestanden. Jedes Mal, wenn ich „Seger Noschem“ höre, stelle ich mir vor wie Ramallah oder Nablus wie eine riesige Brust aufschwellen und wieder absinken. Manchmal wird der Seger prophylaktisch angesetzt, zum Beispiel vor den jüdischen Feiertagen, an denen schon oft Anschläge verübt wurden. Es gehört schon fast zu der feierlichen Stimmung vor einem Fest, sagen wir Neujahr. Im Radio werden schöne Lieder aus den 1960ern gespielt, als Israel noch klein war und immer Recht hatte, der Moderator erzählt, dass der Staatspräsident seine Wünsche an das Volk Israels schickt, in Usbekistan entdeckte man ein jüdisches Dorf, das man anlässlich des Neujahrs komplett nach Israel geholt hat, und auf die besetzten Gebiete wurde ein Seger gelegt. Prosit Neujahr. 

Die bunte Maske meiner Mutter erinnerte mich übrigens an was vollkommen anderes, ich weiß nicht wie ich plötzlich zum Seger kam. Ich wollte schreiben, dass dekorierte Masken mich an den Winter 1991 erinnerten. Damals haben wir in der Schule die Kartonboxen dekoriert, in denen unsere Gasmasken, Atropin-Spritzen und Gas-sichere Trinkhalme verstaut waren. Irgendwann schloss die Schule für drei Monate, bis die Amerikaner und Sadam Houssein ihre Meinungsverschiedenheiten vorläufig beigelegt haben, und wir keine irakischen Raketen fürchten mussten. Aber das ist, wie gesagt, eine andere Geschichte, und man sollte mit seinen Ideen sparsam umgehen. Zeit haben wir ja genug.

Euer

Ofer