Ich feiere Weihnachten nicht.
"Gar nicht?" fragt 12-jährige Annemarie aus Berlin am Telefon (der wahre Name liegt bei der Redaktion…).
"Gar nicht."
"Gibt´s auch keine Bescherung?" fragt sie erschrocken.
"Nein, wieso sollte ich Geschenke bekommen am Geburtstag eines Anderen? Außerdem haben wir Chanukka. Chanukka ist schön, in Chanukka zünden wir jeden Tag eine Kerze mehr bis wir acht Kerzen in der…"
"Chanukkia!" unterbricht mich Annemarie, ihr Wissen in Sachen Judentum angebend.
"Genau, Chanukkia. Wir zünden acht Kerzen an in Andenken an eine Zeit, wo man wieder versucht hat uns kleinzukriegen und wir es nicht zugelassen haben." Ich merke, wie meine Brust vor Stolz schwillt. "Wir haben nämlich die bösen Griechen aus unserem Land vertrieben und Jerusalem gerettet."
"Die Griechen?"
Annemarie verunsichert mich leicht und zwingt mich zum Nachdenken. Waren es doch die Römer? Nein, gegen sie haben wir doch verloren. Die Babylonen? Auch nicht – sie haben uns aus Gnade gehen lassen, und mit auf den Weg die wunderbare Oper "Nabucco" gegeben. Also doch die Griechen.
"Komisch, ich hätte es den Griechen gar nicht zugetraut." Verständlicher Satz aus dem Munde eines kleinen deutschen Mädchens im Jahre 2012. "Und wieso hattet Ihr Streit mit den Griechen?" fragt meine kleine politisch-Interessierte weiter.
"Nun ja, sie wollten dass wir wie sie werden, dass wir ihre Götter anbeten, ihre Sprache annehmen, ihre Bräuche. Und das wollten wir nicht, also hat´s gekracht zwischen uns. Und wir haben eben gewonnen, zumindest bis die Römer kamen."
Ich verabschiede mich von Annemarie, lege auf, und drehe die Musik etwas lauter. Es ist Heiligabend und beim NDR (Internetradio...) gibt´s so herrliche Musik, laute Choräle mit dem Thomanerchor. Ori fragt mich nach den Plätzchen, die ich ihr versprochen habe. "Die müssen wir erst backen, liebste", sage ich, und suche nach Zimt für den Teig. "Welche Musik ist das Papa?" fragt Ori, die für eine zweijährige über einen überraschend ausgeprägten Musikgeschmack verfügt. Nun ja.
"Chanukkalieder."
Liebste Freunde, ich hoffe dass Ihr alle ein wunderbares Fest hattet. Ori, Gili und ich wünschen Euch ein wunderbares Jahr 2013, ein Jahr voller Frieden, Freude und Freunde.
Euer Ofer
Freitag, 28. Dezember 2012
Mittwoch, 21. November 2012
Israelisches Tagebuch 61 - Waffenstillstand
Liebe Freunde,
dies ist der letzte Eintrag
für die nächste Zeit. In den Nachrichten steht, dass ab 21:00 jerusalemer Ortszeit
eine Waffenruhe in Kraft treten wird.
Ein deutscher Freund schrieb
mir vor ein Paar Tage eine verzweifelte Mail. Er schrieb von der Kraftlosigkeit
der Worte. Vor der Sinnlosigkeit des ewigen Geredes um Israel, um Palästina. Es
kann gut sein, dass er Recht hat. Meine Worte, diese an Euch seit Donnerstag gerichteten
Worte haben – so habe ich vielen Reaktionen ablesen konnte – vielen das Gefühl
gegeben, einen unmittelbaren Zugang zu den Menschen hinter den Worten zu haben.
Also, hier ist so ein Zugang –
Heute fing eigentlich fast
normal an. Gili ging zum Kindergareten mit Ori, sie hatte ja "Kinder zum
Schutzraum Schleppen" Dienst, was zum Glück nicht in Anspruch genommen
werden musste. Ich fuhr zur Oper, wieder eine ermödende Wozzeck Probe. Da ich
kaum was zu spielen habe, las ich die ganze Zeit die Nachrichten, die alle auf
einen Waffenstillstand hindeuteten. Um Punkt zwölf hatten wir eine kurze Pause,
ich kaufte mir eine Tasse Kaffee und ging raus, um die Sonnenstrahlen zu
genießen.
Um 12:05 explodierte ein Bus
300 Meter von der Oper, auf der König Saul Allee.
Auf Einmal war die Welt wie ein
Ameisennest, auf das man einen Stein geschmießen hat. Polizei, Rettungs- und
Feuerwehrwagen, Syrenen, Rufe. Und das Wort, das man in dieser Stadt seit
Jahren nicht mehr gehört hat. Attentat. Eine Polizistin fuhr an uns vorbei und
rief uns zu – geht rein, wir haben den Terroristen noch nicht gefasst. Ich rief
meinen Bruder an, der ja normalerweise – wenn er nicht gerade als Reservist in
einem Loch im Süden Israels weilt – als Journalist arbeitet, um ihm von dem
Attentat zu berichten. Es war ganz schön laut um ihn, Amit, rief ich – so heißt
er -, hier ist gerade ein Bus explodiert. "Wir sind auf dem Weg nach
Süden," sagte er. "Wie meinst Du das?" Fragte ich. "Wie
soll ich es meinen?Nach Gaza. Also – Berlin oder Rom?".
Da konnte ich nicht mehr,
meine Beine haben gezittert, die Welt drehte sich um mich. Mein Bruder auf dem
weg nach Gaza, meine Tochter und meine schwangere Frau in der Reichweite von
Raketen, und in der Nase der ätzende Rauch von dem brennenden Bus. Und das
Gefühl der Ohnmacht, dass sogar der Boden, auf dem man steht, nicht mehr sicher
ist.
Ich wollte heute gar nicht
schreiben, ehrlich gesagt. Aber es ist gerade die Mail meines teueren Freundes,
die mich dazu gezwungen hat. Weil Worte das einzige sind, was ich zur Zeit
anbieten kann. Es kursierte rum um meine Einträge die Diskussion um die Frage
der Schuld und der Verantwortung. Das Wort "Verantwortung" auf
Hebräisch ist dem Wort "Haftung" identisch. Karl Jaspers schrieb –
"Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit". Ich vergleiche den Fall,
auf den sich Jaspers bezog, nämlich Nazideutschland, nicht mit dem Fall Israels im Jahre 2012. Jedoch bleibt dieser
Satz immer richtig, für eine Diktatur, und erst recht für eine Demokratie. Auch
wenn ich die jetztige Regierung nicht gewählt habe, trage ich eine
Verantwortung für das, was in meinem Land geschieht, und für das, was mein Land
anrichtet.
Und diese Worte sind zur Zeit
meine stärkste, fähigste, und auch einzige Waffe. Diese Verbindung zu Euch. Dass
sie auf verschiedene Seiten verbreitet werden, eine andere israelische Stimme
verbreiten. Einen Zugang schaffen. Ich brauche diese Worte, weil ich mit dem
Gefühl der Ohnmacht nicht leben kann.
Waffenstillstand.
Danke für Eure Worte, Danke für Eure Unterstützung, Danke für das Weiterleiten.
Danke für den Zugang.
Seid alle lieb gegrüßt,
Bis zum nächsten Mal,
Euer Ofer
Dienstag, 20. November 2012
Israelisches Tagebuch 60
Liebe Freunde,
Jetzt geht das große Warten
auf die Waffenruhe los. Und wie es bei den letzten Runden mit Gaza war,
schießen sie und wir was das Zeug hält, um noch einen Punktsieg erklären zu
können. In den Städten und Dörfern um Gaza sind in den letzten Stunden über
hudert Raketen eingeschlagen, auch bei uns liegen die Nerven blank, man reagiert gereizt auf jedes Geräuch. Im Gaza Streifen fordert unsere Armee die
Einwohner, den Norden des Streifens zu verlassen, um nicht zum Schaden zu kommen
bei den nächsten, heftigen Stunden. Hier und dort sind Menschen ums Leben gekommen.
Seht Ihr – ich habe gerade
geschrieben, "unsere Armee".
Heute Nachmittag saß ich im
Taxi auf dem Weg nachhause. Der Fahrer war sehr gesprächig. "Der Neger im
Weißen Haus ist daran schuld," sagte er, die anderen Autos vor uns hupend.
"Der Bush – der hätte es uns erlaubt, den Streifen platt zu machen, diese
Hunde." Er machte das Radio etwas leiser und schaute mich im Rückspiegel
an, um sicher zu stellen dass ich ihm zuhöre. "Ich habe einen Sohn da
unten, Reservist," fuhr er fort, "Und meine große Tochter lebt in
Sderot." Er überholte irgendjemand mit einer rückartigen Bewegung, hupte,
und fluchte (auf Arabisch, natürlich, wie alle Israelis). Er schaute mich noch
einmal an, wahrscheinlich merkte er plötzlich dass ich nicht antworte, oder
dass ich ein wenig "feiner" angezogen bin, und dachte sich vielleicht
– das ist sicherlich einer von den blöden Linken die gegen den Krieg sind.
"Ich habe in Libanon gekämpft, weißt du." Versuchte er mich zu
besänftigen. "Ich kann mich an Libanon kaum erinnern," antworte ich,
"ich war erst drei."
Er freute sich jedoch
offensichtlich dass ich ihm antwortete, und bescherte mich mit Erzählungen über
seine Heldentaten. Der Mann hat offensichtlich Beirut allein erobert.
"Am Israeli Chai, motek,
am israel chai," sagte er als wir meine Straße erreichten, erleichtert
darüber, dass ich ihm doch Trinkgeld gab. "Das Volk Israel lebe, süßer,
das Volk Israel lebe."
Unsere Armee, wir. Das ist
sehr verführerisch, dieses Wir. Ganz Israel sitzt jetzt vor dem Fernseher, ich
ja auch, und bekommt eine konstante Dosis von Patriotismus, von der ewigen
israelischen Pathetik zu spüren. So wurde ich ja auch erzogen – Papa kämpfte in
´67, ´73, und alles was dazwischen kam. Mein Bruder verbrachte über ein Jahr in
Südlibanon, und als Reservist kämpfte er im Westjordanland. Ich wurde erzogen
mit "wir sind ein kleines Land, von Feinden umgeben", oder, "Nie
wieder wird ein Jude wehrlos in den Tod gehen". Ich bin mit dem Glauben
großgeworden, wir sind das moralischste Land der Erde, sowohl bei der
Entstehung wie auch seitdem, in jeder Handlung des Staates.
Heinz Bude unterschied mal
zwischen der DDR und der BRD mit dem sehr vortrefflichen Satz – die Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit war in der DDR auf Tragik basiert. In der BRD basierte
sie auf Ironie ("Die Ironische Nation"). Auf Israel trifft die erste
Satzhälfte genauso zu – ich bin in einem Land mit wahren Helden und wahren
Bösewichten gewachsen, das – genauso wie die DDR – sich als ewigen "Trotz"
versteht.
Und da spielt das
"Wir" eine immengroße Rolle, dieses Zusammenrücken, vor allem wenn
die Kanonen schießen. Und es ist nicht gerade einfach, sich diesem
"Wir" zu entziehen, eine Ironie
- also Distanz – davon zu entwickeln. Mein Vater, zum Beispiel, hat sich
ganz schön geärgert dass ich in dem ersten Eintrag über den jetzigen Krieg von
"Flucht" berichtet habe (so wie der Freund, den ich in dem nächsten Eintrag
erwähnt habe).
Aber man kann auch schnell in
die andere Richtung rutschen, und versuchen, es den "Europäern" recht
zu machen, also das schreiben und sagen was in Berlin oder London für genehm erklärt
wird. Applaus macht süchtig, ist verführerisch. Seid immer skeptisch wenn ein
Iraner, Ägypter oder Iraker – oder auch Israeli – plötzlich wie Claudia Roth
spricht. Nicht, dass das was sie – was wir – sagen nicht stimmt. Aber da man
sich von dem einen "Wir" verabschiedete, will man möglich schnell
beim anderen "Wir" – also bei Euch – aufgenommen werden. Ich habe es während
der letzten Woche versucht, diesem Balance-Akt, dieser doppelten Ironie,
gerecht zu werden.
Es ist schon spät, und gerade
hieß es in den Nachrichten – keine Waffenruhe, noch nicht. Gili, die auf jeden
Fall die Pragmatikerin zuhause stellt, ist gerade ins Bett gegangen nachdem sie
den "Dienst" beim Kindergarten mit den anderen Eltern geklärt hat.
Morgen ist sie dran – wir machen es so, dass immer zwei Erwachsene der
Kindergärtnerin zur Seite stehen. Sollte es zum Luftalarm kommen, nehmen sie
dann jeweils zwei Kinder – die Kindergärnterin nimmt eins, sie ist schon etwas
älter – und laufen runter zum Schutzraum.
Ich hoffe dass es sich morgen
als überflüßig herausstellt.
Seid alle lieb gegrüßt,
Euer Ofer
Montag, 19. November 2012
Israelisches Tagebuch 59
Liebe Freunde,
was hat es für einen Sinn,
wenn man sich ent-schuldigen möchte. Was ist es überhaupt, sich zu
entschuldigen. Ist es möglich? Ist es nötig? Wird eine solche Entschuldigung,
eine Bitte um Verzeihung, um eine Anerkennung des Willen, miteinander zu leben,
anerkannt?
Ein Freund hat geschrieben –
ich sollte nicht von "Frauen und Kinder" sprechen, da auch die Männer
leiden. Auch du, hat er geschrieben, leidest – mit deiner kleinen Tochter, mit
deiner Frau, die heute morgen, nachdem wir Ori in den Kindergarten geschickt
hat, plötzlich zu weinen anfing. Das stimmt, habe ich ihm geschrieben, jeder,
der in dieser Situation steckt, leidet. Was ist aber dieses Leiden im Vergleich
mit dem, was die Menschen im Gaza Streifen gerade durchmachen?
Ist das Wort
"Vergleich" hier aber überhaupt angebracht? Was interessiert es den
Mann in Gaza, der gerade die Leichen seiner Kinder aus den Trümmern eines aus
Versehen bombardierten Hauses trägt, dass Gili und ich Albträume haben? Lindern
meine Albträume seinen Schmerz? Nimmt sein Schmerz meinen Albträumen das
Schrecken weg?
Ich habe dem Freund
geschrieben – die Differenzierung ist ein Garant menschlichen Denkens.
Menschlichen Geistes. Ich hüte mich davor, mich in politische Diskussionen
einzubringen, weil sie hier keinen Platz haben. Nicht, weil Politik unwichtig
ist. Sondern weil meine Welt gerade ganz schön klein geworden ist – 90 mal 90
Sekunden klein – und ich schlicht damit überfordert bin, an die größeren
Zusammenhänge zu denken.
Was würde es auch bringen,
einen solchen morbiden Vergleich zu ziehen? Die vielen Menschen, die jetzt Tag
und Nacht in Facebook aktiv sind, mit Fotoshop Bilder von Kinderleichen
nebeneinander einreihen, oder die, die eine beinah göttliche Vorsehung in jeder
Bewegung eines heiligen jüdischen Kampfjets sehen, sind für mich Pornographiker
die keine Beachtung verdienen. Ich bin zu müde und aufgeschreckt für Propaganda
Kriege.
Und doch – die
Differenzierung muss gemacht werden. Und wo Leiden entsteht, das durch
menschliches Handeln verursacht wurde, entsteht auch Schuld. Ich habe keine
Rakete abgefeuert – die größte Mehrheit in Gaza aber ebenfalls nicht. Jedoch
zahlt diese Mehrheit einen wesentlich höheren Preis für das Versagen der
öffentlichen Systeme in unserer Region, für das Versagen meiner Regierung, der
Uno, der EU, der USA, der arabischen Liga. Und was man gerne vergisst – diese
Organisationen, Länder und Bündnisse, die übermenschlich groß zu sein scheinen,
bestehen nur und allein aus Menschen. Und diese Menschen tragen eine Schuld,
auch wenn mit vielen anderen Millionen geteilt. Und ich trage diese Schuld mit.
Bis jetzt habe ich, ehrlich
gesagt, meine Beiträge sehr sanft formuliert. Aber heute sind 12 Menschen aus
einer Familie in meinem Namen ums Leben gebracht. Ihr Leiden ist meine Schuld,
die durch mein eigenes Leiden nicht im Geringsten vermindert wird. Es kann auch
gesagt werden – auch durch dieses Bekenntniss, was mir für´s erste ein etwas
leichteres Gewissen verschafft, wird diese Schuld nicht getilgt. Das gleiche
gilt für diejenigen, die als Reaktion auf meinen Blog mich als "Hardliner
Israeli", als "Zyniker" beschimpft haben. Ob ich so bin – ich
hoffe nicht, ich versuche es nicht zu sein, aber das werden andere
wahrscheinlich anders sehen. Aber allein durch das Schimpfen wird die
Verantwortung derer, die mit uns Israelis tag und nacht schimpfen, auch nicht
für erfüllt erklärt. Nicht den Palästinensern gegenüber, auch nicht den
Menschen in Syrien, die – weil alle Medien auf "unseren" Schlagabtausch
konzentriert sind – von dem Assad Regime weiter massekriert werden. Was mein
Anliegen wiederum nicht um das Mindeste weniger wichtig macht.
Liebe Freunde, ich füge
diesem Beitrag einige Bilder zu, die ich heute in der Oper und in Tel Aviv gemacht
habe. Es sind Beweise für die Risse in meiner Realität.
Uns allen eine ruhige Nacht,
Euer Ofer
p.s. - wie gestern schon geschrieben - wenn Ihr das wichtig findet, teilt es bitte weiter.
p.s. - wie gestern schon geschrieben - wenn Ihr das wichtig findet, teilt es bitte weiter.
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| Zur Bühne; Zu den Tanzräumen; Zu den Solistenräumen; Zum Luftschutzbunker |
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| Der leere Rabin-Platz - nur die Tauben sind da |
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| Die leere Rotschildalle |
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| Ein öffentlicher Luftschutzbunker, sein Wächter im tiefen Schlaf |
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| Runter zum Schutzraum |
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| Ein leer stehender Spielplatz, um diese Uhrzeit meistens sehr voll |
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| Am Bühneneingang |
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| Zu den Proberäumen links; Zum Luftschutzraum rechts |
Sonntag, 18. November 2012
Israelisches Tagebuch 58
Liebe Freunde,
ich habe mir lang überlegt,
was ich heute schreiben soll. Anfangen werde ich wieder mit einem großen Dank
an Euch alle – die Einladungen fließen ununterbrochen an unsere Mailadressen,
sowie die Mutmachungen – und der Satz der sich dabei wiederholt – passt auf
Euch auf.
Aber was nun?
Wir sind wieder in Tel Aviv.
Gestern standen wir in einem ewigen Stau, da die wichtigste Nord-Süd Axe vom
Militär beansprucht wurde, um Truppen und Gerät schnell an den Gaza Streifen
bringen zu können. Wir sind an ihnen vorbei gefahren, sie tauchten immer wieder
aus der Dunkelheit auf – stille Stahlriesen auf LKWs, ihre Kanonen verhüllt,
die kryptischen Schriftzeichen die sie in Einheiten, Herkunft und Ziel
einteilen, an ihren Seiten mit grobem weissen Schrift geschmiert . Wie der Stau
sich bis nach Tel Aviv zog überkam mich ein mulmiges Gefühl – was würden wir
tun wenn dieses blöde Alarm jetzt wieder ertönt? Man fängt plötzlich an, in
Distanzen zu denken. Wie lange würden wir bis zu diesem Hauseingang, bis zu
dieser Brücke, bis zu dieser Raststätte brauchen?
Zum Glück sind ist es nicht
dazu gekommen, die Nacht war ebenfalls ruhig. Da unsere Kindergärtnerin sich
damit überfordert sah, ihren regelmäßigen Ablauf zu ändern, sagte sie – "es
kann kommen wer will, ich bin da. In den Schutzraum gehe ich aber nicht. Und
basta. Und rein statistisch gesehen wird hier sowieso nichts passieren."
Nun, ich mag Statistik nicht, vor allem wenn sie sich um die Treffquote von Kindergärten
und Raketen dreht. Und so ist Gili zuhause geblieben. Ich musste zur Probe, die
10:30 anfing.
10:30 gab die Oboe das
"A" zum einstimmen, 10:31 kam das Luftalarm. Am Anfang haben wir gar
nichts gehört, da jeder auf sein Instrument noch ein wenig rumgespielt hat, bis
ein Bühnentechniker seinen Kopf in unseren Proberaum steckte uns sagte – ihr solltet
vielleicht in den Schutzraum gehen. Wie ich Gili anrief, die sich mit Ori schon
im Bombenkeller unter unserem Haus befand – ich war selber im Treppenhaus -
haben wir die Explosion gehört. Die Rakete wurde, so haben wir später
erfahren, von der Luftabwehr in der Luft zerstört.
Ebenfalls wie bei der zweiten
Rakete auf Tel Aviv, vor anderthalb Stunden in etwa. Da waren wir schon alle
zuhause, diesmal nahm ich schon Schokokekse mit in den Schutzraum, was bei den Nachbarkindern gut
ankam. Ich glaube, für die Eltern nehme ich das nächste Mal Schnaps mit.
Gili ist mit Ori im
Badezimmer, und ich schreibe Euch diese Worte. Ich sehe den Schreck in ihren
Augen, die Müdigkeit, Ori eine gute Laune vorzuspielen. Ich merke die Spannung
in ihren Schultern, ich sehe, wie ihre Hand ihren Bauch weniger streichelt als
davor, vielleicht will sie nicht dass unser noch Ungeborenes von diesem Zustand
etwas mitbekommt, vielleicht will sie die Schwangerschaft von der Realität, bis
die Waffenruhe kommt, beschützen.
Ursprünglich wollte ich Euch
von den Reaktionen der Menschen aus der Umgebung berichten –
Von Gilis Mutter, die aus
angsvoller Muttersliebe nicht anderes sagen konnte als – "und zieh dich
immer schön an, auch im Schutzraum muss man eine gute Figur machen",
Von unserem Dirigenten, der
die Heldentat seines Vaters – der während eines Raketenangriffs im Golfkrieg
auf der Bühne blieb,und eine zitternde Bach Partita spielte – wiederholen möchte,
Von meiner Freundin in New
Jersey, die mir erst jetzt über ihren Schmerz und Leid während des Sturms in
den USA berichtet hat, um mir so ihre verzweifelte Teilnahme, ihre mitgespürte
Ohnmacht zu zeigen,
Von meiner Nachbarin, die zu
alt ist um in den Keller zu rennen – und so fand ich sie heute, oh Gott wie
sehr ich mich geschämt habe, in der Dunkelheit des Treppenhauses, vor ihrer Tür,
mit einer Decke auf den Schultern, "im Treppenhaus ist man sicher, sagten
sie im Radio, in den anderen Kriegen war es sowieso schlimmer, und wie geht es
Ori?",
Von der Angst, die wie ein
feiner Faden in den Worten meines Bruders der an der Grenze vor Gaza steht,
per SMS geschickt, verwoben ist.
Von dem Horror, wenn man von
den Toten in Gaza hört. Kinder und Frauen. Familien, die weder Schutzräume noch 90 Sekunden Vorwarnung haben.
Und jede Nacht gehen wir ins
Bett, das Fenster offen um das Alarm zu hören, und beim Aufwachen gilt der
erste Blick dem Handy – ist es schon vorbei?
Gute Nacht aus Tel Aviv,
Euer Ofer
p.s. es ehrt und freut mich, dass ihr
meine Worte weiterverbreitet.
Samstag, 17. November 2012
Israelisches Tagebuch 57
Liebe Freunde,
Und was ist mit Gaza?
Seit drei Tagen berichte ich
Euch über die vier Wände meiner Realität, und bekomme die wärmsten, schönsten
Reaktionen. Es ist um uns auch ruhig geworden, seitdem wir im Norden sind – aus
dem Fenster, aus dem ich schaue, sehe ich grüne Felder, Sonne, idyllische
Dorflandschaft. Nur das Drohnen der Kampfjets ist ein Hinweis auf die andere
Realität, die dort beginnt, wo die Reichweite der Kassam-, Silsal-, und
iranischen Fager Raketen anfängt. Und, eben auch, wo das Ziel der Maschinen,
die unweit von hier starten, liegt.
Die Frage, was im Gaza Streifen
passiert, ist keine intelektuelle. Sie beeinflußt aufs Engste was in Israel
passiert. Vorbei sind die Tage, an denen man auf den Straßen von Tel Aviv über
Krieg und Frieden hätte disskutieren können wie auf den Straßen von Berlin,
ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, ob die eigene Kindergärtnerin es
schafft mit Ori und vier anderen Kindern in 90 Sekunden in den Schutzkeller zu
gehen. An der Meinung – man nennt sie politisch – die man äußert, hängt jetzt
ein wahres Preisschild.
Also – was ist mit Gaza? Gibt
es einen Spalt in der doch immer so blinden Diskussion, zwischen "Israel
übt Kriegsverbrechen aus" und "Die Araber sind alle gewalttätig und
fanatisch"? Das weiss ich ehrlich gesagt nicht. Wie immer, werden
diejenigen die die Weisheit dahinter bezweifeln, einen führenden
Hamas-Aktivisten umzubringen, als Verräter gebrandmarkt. Dass der Mann ein, wie
man auf Hebräisch sagt, Sohn des Todes war – daran besteht keinen Zweifel. Aber
mit wem sollten wir denn sonst reden, gesetzten Falls, wir wollen überhaupt
reden? Haben unsere Anführer nicht alle ihre Laufbahn beim Militär angefangen?
Aber andererseits fragt man
sich auch – wieso, verdammt, schießen sie diese Raketen ununterbrochen nach
Israel? Und zwar immer auf Zivilisten gezielt? Sie leiden unter keiner
Besatzung, sie haben von Gaza aus eine offene Grenze nach Ägypten, den
schönsten Strand am Mittelmeer, Geld von den Golfstaaten – wieso opfern sie
alles auf um alle Paar Tage einige Raketen auf israelische Dörfer und Städte
abzufeueren?
Anscheinend sind die Feigen,
die Blinden, nicht nur auf unserer Seite an der Macht.
Zurück zu den vier Wänden.
Wieder schau ich aus dem Fenster, ein einsames Militärfahrzeug fährt vorbei.
Vielleicht ein Offizier, der noch etwas von zuhause nehmen will bevor er sich
bei seiner Einheit meldet. Mein Bruder wurde eingezogen, sowie Gilis Bruder
auch. Anscheinend brauchen sie keine Musiker, ich werde nicht einberufen. Sie
riefen meinen Bruder gestern an, während des Schabbat-Abendessens. Er solle
sich doch am nächsten Morgen persönlich an einem Sammelpunkt melden, seine
Waffe abholen, und mit einem Transport nach Süden fahren.
Mein Bruder wird in einem Monat
vierzig. Er hat zwei Kinder, und eine aus Italien stammende Frau, die gestern,
als die Hamas Raketen auf Jerusalem feuerten, zum ersten Mal in ihrem Leben ein
Luftalarm gehört hat.
Wir reisen jetzt zurück nach
Tel Aviv, wir wollen nachhause. Ich werde heute Abend den Schutzraum etwas
sauber machen und Proviant bereit stellen, für alle Fälle. Danach werde ich mit
den anderen Eltern von Oris Kindergarten sprechen um eine Lösung zu finden, wie
die Kindergärtnerin es schaffen kann, mit fünf Kindern in 90 Sekunden die vier
Etagen die den Kindergarten vom Schutzraum trennen herunterzurennen.
Liebe Grüße aus Israel,
Euer Ofer
Freitag, 16. November 2012
Israelisches Tagebuch56
Meine lieben Freunde,
ich bin von Euren zahlreichen
Reaktionen überwältigt. "Kommt doch zu uns", so lauten sie. Wie gerne
wäre ich jetzt mit Ori und Gili im Hochtaunus, in Nürnberg, Berlin, Brandenburg
oder Hamburg – weit weg von diesem Irrsinn.
Gestern Nacht, nachdem ich
Euch ein Paar Zeilen geschrieben habe, stand ich noch kurz am Fesnter. Das Haus
von Gilis Eltern liegt unweit von einem Stutzpunkt der israelischen Luftwaffe,
und alle Paar Minuten konnte man die drohnenden Motoren der Bomber hören, die
in ihrem Bauch, neben den klugen Bomben und schlauen Raketen, die Samen der
nächsten und übernächsten Gewaltrunde nach Gaza tragen.
Ein lieber israelischer und
deutsch lesender Freund war mit meinem Eintrag gestern nicht zufrieden. Er
schrieb – ich weiß nicht genau wieso, aber ich fand es unangenehmen diese Worte
zu lesen. Und dann fügte er hinzu – vielleicht weil sie auf Deutsch geschrieben
wurden.
Ich kann ihn gut verstehen. Zum
einen ist das Fliehen nach einer einzigen Begegnung mit dem Luftalarm oder mit
der darauf folgenden Explosion ziemlich feige, und ich schreibe es ganz und gar
ironiefrei. Was die Menschen im Süden Israels durchmachen ohne zu fliehen – das
ist wahrer Mut. Und die in Gaza können ja gar nicht fliehen. Zum Zweiten – das Wort
Flucht hat auf Deutsch einen starken Beigeschmack. Es ist sowohl schwierig,
weil man dem Ausland – also Euch – nicht zeigen will, wie lose unser Griff in
diesem Boden ist. Und – wie soll ich es schreiben – dieser Freund gehört einer
Generation an, die sich das Fliehen abgeschworen hat. Man ist genug auf Deutsch
geflohen, jetzt will man auf Hebräisch seßhaft werden.
Und doch. Und doch, dieses
Gefühl – mit Socken, Ori auf dem Arm, die Treppen runter, schnell, schnell, im
Kopf der Gedanke – das kann doch gar nicht wahr sein, was mache ich da, es
handelt sich sicherlich um einen Irrtum. Aber die Hände halten fest, der süße Kindesatem
ist in der Nase, und die Beine wissen – 90 Sekunden. So viel Zeit hat man
zwischen dem Luftalarm und dem Raketeneinschlag.
90 Sekunden. Los. Wo seid Ihr
gerade? Wo lest Ihr diesen Text? Über dem Savigny Platz in Berlin? Wie lang
braucht man um zu begreifen, aufzustehen, das Kind nehmen, runterrennen? Seid
Ihr in den Stimmzimmern in Nürnberg – da ist man sicher – aber wo ist die
Familie gerade? Seid Ihr am Spielplatz in Prenzlauer Berg – schaut um Euch
herum, was ist 90 Sekunden weit weg von Euch?
Also sind wir weg gefahren,
wie andere auch. Gestern, als ich den Koffer in das Auto steckte, sah ich zwei
alte Nachbarn, gebrächlich, leise, wie sie mit einer kleinen Tasche zum Auto
laufen. Ich schaute sie kurz an, wie still und gekrümmt sie an uns
vorbeigingen. Man wollte sich nicht direkt anschauen, man mied den direkten
Blickkontakt. Ehrenhaftigkeit sieht anderes aus, aber die alten Finger der
Frau, die in einem Wintermantel ihre Damentasche festhielten, ja ihr ganzes
Wesen war um dieses Damentasche gekrümmt, war das Menschlichste was es gibt.
Aus dem Nebenzimmer höre ich –
eine Rakete ist in Tel Aviv eingeschlagen. Gili steht an der Tür – wir bleiben
hier. Mal schauen, ich habe ja eine Wozzeck Probe am Sonntag. Ich mag diese
Musik nicht, und doch will ich eher an die Probe denken. Ich will nicht wieder
an den süßen Kindesatem in meiner Nase im Treppenhaus gestern denken.
Es ist meine Therapie, Euch
diese Worte schreiben zu können. Ich weiß um Eure Teilnahme. Ich weiß dass F. Seinen
neugeborenen Sohn jetzt in Berlin festhält und an uns denkt. Ich weiß dass B. In
Brandenburg das Gästezimmer freigemacht hat, so wie M. In Berlin oder im
Hochtaunus und viele andere auch. Ihr macht mich stark. Und ich bin Euch für
das Recht, dies an Euch schreiben zu dürfen sehr dankbar.
Wenn das vorbei ist, werde
ich mich hinsetzen und mir überlegen was zu tun ist. Das Recht, nichts zu tun,
ist mir in dem Moment aberkannt worden, in dem Gili, erschöpft, mir ihre Hand
gab und eingeschlafen ist. Man kann ja nicht immer fliehen.
Ich habe gestern geschrieben –
betet für den Frieden, hier und in Gaza. Ich glaube, es wird mehr als nur beten
nötig sein um die Regenschaft der Dummen in unserer Welt abzubrechen.
Seid alle lieb gegrüßt und
umarmt,
Euer Ofer
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