Dienstag, 26. Februar 2013

Ohne Titel


Heute hatten wir wieder ein Treffen der Lesegruppe – diesmal ging es um Heine. Oh, wie kultiviert, junge Israelis und junge Deutsche, umgeben von Büchern von Rosenzweig, Kafka, Buber, Scholem, Freud, Klemperer, Arendt, wie wunderbar, wir diskutieren die Symbolik des Rheins, Loreley und Rabbi von Bacharach, ist der Rhein bei Heine das Symbol des Todes fragt eine hübsche deutsche Doktorandin (Thema: irgendein drittklassiger deutsch-jüdischer Bühnenautor aus den 20gern) und schwingt eine schmale Hüfte über die andere, wie aufregend aufklärend, Deutsche und Juden reden wieder über Deutsche und Juden,  ist es Purim jetzt, fragt ein deutscher Theologie-Student aus Göttingen, sein Wissen über den Judentum angebend, nein, es sind Schüsse, erwidere ich und mache das Fenster zu, unser Campus liegt schlecht. 

Samstag, 19. Januar 2013

Israelisches Tagebuch 64


Liebe Freunde,

Donnerstagmorgen, fünf Tage vor dem Wahltag, bin ich leicht erkältet aufgewacht neben meiner sich im tiefsten Schlaf befindlichen Tochter. Klar, dachte ich, sie hat noch sechzehn Jahre bevor sie wählen muss, an ihrer Stelle hätte ich auch einen ruhigen Schlaf. Es ist wirklich nicht einfach zu erklären wie Ernst man die Wahlen hier in Israel sieht – oder, ehrlich gesagt, jede Wahlen. Auch die in 2009, oder 2006, oder 1977, oder 1949. Und täglich grüßt das Murmeltier, nur dass es bei uns immer der 9 November ist. Ob Ihr Merkel oder Steinbrück wählt, Rösle- oops – Brüde- oops – Lindner, Trittin oder Gysi – Ihr wisst dass Eure Demokratie weiter bestehen wird. Klar darf man sich nicht auf die Lorbeeren ausruhen, jedoch ist die größte Gefahr für das Projekt "Demokratisches Deutschland" eher die Langeweile (was nicht immer ungefährlich ist). Bei uns sind es ca. 50 Prozent der Parteien, bei denen bei der Wahl zwischen Gott, Boden, jüdischem Staat, Jerusalem, Schlag auf Iran und koscheren McDonalds Restaurants die Demokratie nicht mal über die bei uns herrschende zwei-Prozent Hürde kommen würde.

Ich bin abgelenkt, eigentlich wollte ich vom Donnerstagmorgen berichten. Ich musste früh raus da ich auf eine Beschneidung in Jerusalem eingeladen war. Im Auto hörte ich Wahlsendungen der verschiedenen Parteien, "starker Führer für ein starkes Israel", "Wir sind die echten Kämpfer – bei uns sind unter den ersten zehn Listenplätzen 9 Kampfsoldaten" und so weiter – habe ich schon 9 November gesagt? – und ein wenig Musik, bis ich das Haus in der Pionierstraße erreicht habe. Bei der Beschneidung handelte es sich um den Sohn eines engen Freundespaares. Die Frau ist mit mir zur Schule gegangen, sie saß blass auf einem Stuhl und kämpfte gegen den Drang hin- und wegzuschauen. Der Mann ist ein ehemaliger religiöser Siedler, er kehrte Gott seinen Rücken zu und führt ein säkulares Leben, jedoch seine gesamte Familie kommt aus Siedlungen im Westjordanland, und so standen um das betäubte Baby Kreise von bärtigen Männern in weißen Hemden, Gebete murmelnd, während der Mohel seine Arbeit verrichtete. Beschneidung ist ein furchtbares Wort. Bei uns heißt es Brit – Allianz, oder Bund. Die Brit ist ein Symbol für die Allianz zwischen Gott und den Juden, angefangen mit Abraham im alten Testament durch eine Kette abgeschnippelter Verfolgter, bis zu der murmelnden vibrierenden Runde am letzten Donnerstag um den Sohn meiner Freunde. Erst nachdem die Vorhaut entfernt wurde – ich habe nicht hingeschaut, ich bin eine Memme – darf man den Namen des Kindes laut rufen. "Amos," rief der Mohel, "Willkommen im Volke Israels." Alle im Saal nickten zustimmend, Amos ist der Name des Propheten der als einfacher Hirte für soziale Gerechtigkeit plädierte, eine Art jüdischer Sozialist.

Es ist schon erstaunlich, dachte ich mir während ich, Mazal Tov sagend, Menschen küsste und umarmte die in fünf Tagen Parteien wählen werden die ich als faschistisch bezeichne. Es sind Menschen, mit denen ich normalerweise schreiend auf Demonstrationen kommuniziere, und hier stehen wir mit Kaffee und Kuchen und plaudern höflich über das Wetter, der linke Verräter mit dem Apartheidbefürworter.

So ist das immer bei Juden, oder eigentlich vielleicht bei allen Menschen. Die gemeinsam erlittenen Verletzungen, die Jahrtausende Verfolgung durch Rabbi-Scheren, vor allem wenn die vor unsere Augen geführt wird, rückt uns näher zusammen. Es sind die Verletzungen anderer – auch wenn es sich hier ebenfalls um "Blut-Allianz" handelt – bei denen unsere Geister sich scheiden.

Ich wünsche Euch allen ein friedliches Wochenende,

Euer Ofer

p.s. es würde mich freuen, wie immer, wenn Ihr diese Worte – falls sie Euch gefallen haben - weiterverbreiten werdet.


Dienstag, 15. Januar 2013

Israelisches Tagebuch 63 - die Wahlen kommen!


Ein Wegweiser der israelischen Politik

Liebe Freunde,

Es ist keine leichte Aufgabe, ausländische Leserschaft über die politischen Verhältnisse in Israel aufzuklären, zwei Wochen vor den Wahlen. Man könnte sagen – es ist nie einfach, einem Außenstehenden klar zu machen wer gegen wen ist, ob in den USA, Griechenland oder Niedersachsen. Jedoch stellt die israelische Politik eine besonders flüssige Version des Demokratiebegriffs dar, dessen Beschreibung den Autoren zum Zurückgreifen auf ungewöhnliche Hilfsmittel zwingt. So entstand die Idee, ein ABC der israelischen Politik aufzuschreiben. Jedoch wirkt sich, wie gleich zu merken sein wird, die paradigmatische Realitätsverzerrung der hiesigen Politik sogar überraschend auf ein solch einfach scheinendes Unternehmen aus.

A: Alternativlosigkeit, zum Beispiel. Der häufigste Satz den ich in meiner europäisch-westlich orientierten Umgebung höre ist – "ich weiß nicht wen ich wählen soll". Dabei hat der israelische Wähler, der sich gerne der "einzigen Demokratie im Nahem Osten" rühmt, mehr als genügend Möglichkeiten – 32 Parteien sind für die bevorstehenden Wahlen zugelassen. Auch in Deutschland gibt es ein Paar unverbesserliche, die es jedes Mal erneut versuchen; dort müssen sie allerdings über eine fünf-prozent Hürde springen. Bei uns genügen ca. 70,000 Stimmen – knapp unter einer ausverkauften Allianz Arena – und man ist in der Knesset, wie unser 120 Mann- und Frau starkes Parlament heißt. Das führt zu einer Zersplitterung der Parteienlandschaft, und die großen Parteien zerbröseln in ihre Einzelteile. So müssten bei uns, um mal den Vergleich mit Deutschland weiter zu ziehen, Andrea Nahles und Peer Steinbrück niemals in einer Partei sitzen, Brüderle wäre gegen Rainer, Philip gegen Rösler, und zwischen Angela Merkel und Roland Koch lägen mindestens fünf Parteien mit verschiedenen Kombinationen der Worte "Deutsch", "Frei", "Union", "Bund", "Christ", und – natürlich – "Vereint". Man könnte also meinen, bei solch einem reichen Parteienspektrum käme jeder auf seinen Geschmack. Jedoch steht schon der Ausgang der Wahlen fest – egal ob "Das jüdische Haus" mehr Stimmen als "Israel ist unser Zuhause" bekäme, "Die Bewegung" mehr als "Die Arbeit" – der nächste Ministerpräsident Israelis wird Benjamin Netanjahu, von allen als "Bibi" bekannt, heißen. Keiner gefährdet seinen Stuhl, er ragt aus dem Parteienmeer heraus als der einzige der die ganze angeblich gegen uns gerichtete Welt aufhalten kann. Die anderen Parteien kämpfen eigentlich nur darum, wer welchen Ministerposten in seinem Kabinett bekommt.

Das führt zum nächsten Wort in "A" – Apathie. Alle wissen, dass es bei den nächsten Wahlen eigentlich um kritische Themen geht - um die Identität Israels als ein demokratischer, menschrechtsachtender Staat, um eine Auslegung des Judentums die die Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts nicht vergisst. Man muss wählen gehen, ansonsten gewinnen die, die den Boden mehr achten als den Menschen der auf ihm geht. Man fühlt sich aber machtlos, gelähmt. Hier sitze ich und schreibe diese Zeilen auf Deutsch, statt auf die Straßen zu gehen und die Bilder derer herunterzureißen, die sich und meinen Staat in einem religiösen Gewaltrausch dem Himmel näher bringen wollen. Bilder auf denen immer ein Davidstern zu sehen ist, und ein Soldat, und irgendein gottverlassener Hügel im "heiligen" Westjordanland, auf einer Art die die Geschichte meines Volkes und meines Landes auf pornographischer Weise missbraucht. Und von diesen Bildern herab lächeln uns die sogenannten Nationalisten an weil sie wissen um die süße, unwiderstehliche Verführungskraft ihrer selbstherrlichen Nationalismusparolen, die die müden, komplizierten Argumente für Demokratie, Kompromiss und Pluralismus mit einem Schwenk der Nationalfahne zur Seite wischen.

Und so wird Israel wahrscheinlich auch nach den nächsten Wahlen die Siedlungen ausbauen, die Uno-Resolutionen missachten, und die Zweistaatenlösung endgültig unmöglich machen. Jedoch wird hier ein weiteres "A" kommen, die Bezeichnung eines Staatssystems, die langsam - wenn auch nur flüsternd - in den politischen Diskurs eindringt. Denn es leben mit uns auf diesem Fleck Erde Millionen von Palästinensern, rechtlos, staatenlos, fast ohne Stimme bei diesem Wahlkampf. Wenn wir aber bald keine Lösung finden, die einen unabhängigen Staat Palästina an unserer Seite als Ziel hat, müssten wir sie – nach der bestehenden Logik - weiter besetzen, kontrollieren, segregieren, diskriminieren müssen, wie in Südafrika des letzten Jahrhunderts.

Wie schon erahnt und vorausgesagt, erwies sich der Versuch das Wahlen-ABC aufzuschreiben als äußerst schwierig, und kann hier nur unvollständig abgeschlossen werden. Denn wie sollte man dieses ABC weiterführen, wenn das einzige Wort das einem  unter "B" einfällt "Bibi" lautet?

Seid alle lieb gegrüßt,

Euer Ofer

Freitag, 28. Dezember 2012

Israelisches Tagebuch 62 - frohes Neues!

Ich feiere Weihnachten nicht.

"Gar nicht?" fragt 12-jährige Annemarie aus Berlin am Telefon (der wahre Name liegt bei der Redaktion…).

"Gar nicht."

"Gibt´s auch keine Bescherung?" fragt sie erschrocken.

"Nein, wieso sollte ich Geschenke bekommen am Geburtstag eines Anderen? Außerdem haben wir Chanukka. Chanukka ist schön, in Chanukka zünden wir jeden Tag eine Kerze mehr bis wir acht Kerzen in der…"

"Chanukkia!" unterbricht mich Annemarie, ihr Wissen in Sachen Judentum angebend.

"Genau, Chanukkia. Wir zünden acht Kerzen an in Andenken an eine Zeit, wo man wieder versucht hat uns kleinzukriegen und wir es nicht zugelassen haben." Ich merke, wie meine Brust vor Stolz schwillt. "Wir haben nämlich die bösen Griechen aus unserem Land vertrieben und Jerusalem gerettet."

"Die Griechen?"

Annemarie verunsichert mich leicht und zwingt mich zum Nachdenken. Waren es doch die Römer? Nein, gegen sie haben wir doch verloren. Die Babylonen? Auch nicht – sie haben uns aus Gnade gehen lassen, und mit auf den Weg die wunderbare Oper "Nabucco" gegeben. Also doch die Griechen.

"Komisch, ich hätte es den Griechen gar nicht zugetraut." Verständlicher Satz aus dem Munde eines kleinen deutschen Mädchens im Jahre 2012. "Und wieso hattet Ihr Streit mit den Griechen?" fragt meine kleine politisch-Interessierte weiter.

"Nun ja, sie wollten dass wir wie sie werden, dass wir ihre Götter anbeten, ihre Sprache annehmen, ihre Bräuche. Und das wollten wir nicht, also hat´s gekracht zwischen uns. Und wir haben eben gewonnen, zumindest bis die Römer kamen."

Ich verabschiede mich von Annemarie, lege auf, und drehe die Musik etwas lauter. Es ist Heiligabend und beim NDR (Internetradio...) gibt´s so herrliche Musik, laute Choräle mit dem Thomanerchor. Ori fragt mich nach den Plätzchen, die ich ihr versprochen habe. "Die müssen wir erst backen, liebste", sage ich, und suche nach Zimt für den Teig. "Welche Musik ist das Papa?" fragt Ori, die für eine zweijährige über einen überraschend ausgeprägten Musikgeschmack verfügt. Nun ja.

"Chanukkalieder."

Liebste Freunde, ich hoffe dass Ihr alle ein wunderbares Fest hattet. Ori, Gili und ich wünschen Euch ein wunderbares Jahr 2013, ein Jahr voller Frieden, Freude und Freunde.

 Euer Ofer

Mittwoch, 21. November 2012

Israelisches Tagebuch 61 - Waffenstillstand

Liebe Freunde,

dies ist der letzte Eintrag für die nächste Zeit. In den Nachrichten steht, dass ab 21:00 jerusalemer Ortszeit eine Waffenruhe in Kraft treten wird.

Ein deutscher Freund schrieb mir vor ein Paar Tage eine verzweifelte Mail. Er schrieb von der Kraftlosigkeit der Worte. Vor der Sinnlosigkeit des ewigen Geredes um Israel, um Palästina. Es kann gut sein, dass er Recht hat. Meine Worte, diese an Euch seit Donnerstag gerichteten Worte haben – so habe ich vielen Reaktionen ablesen konnte – vielen das Gefühl gegeben, einen unmittelbaren Zugang zu den Menschen hinter den Worten zu haben.

Also, hier ist so ein Zugang –

Heute fing eigentlich fast normal an. Gili ging zum Kindergareten mit Ori, sie hatte ja "Kinder zum Schutzraum Schleppen" Dienst, was zum Glück nicht in Anspruch genommen werden musste. Ich fuhr zur Oper, wieder eine ermödende Wozzeck Probe. Da ich kaum was zu spielen habe, las ich die ganze Zeit die Nachrichten, die alle auf einen Waffenstillstand hindeuteten. Um Punkt zwölf hatten wir eine kurze Pause, ich kaufte mir eine Tasse Kaffee und ging raus, um die Sonnenstrahlen zu genießen.

Um 12:05 explodierte ein Bus 300 Meter von der Oper, auf der König Saul Allee.

Auf Einmal war die Welt wie ein Ameisennest, auf das man einen Stein geschmießen hat. Polizei, Rettungs- und Feuerwehrwagen, Syrenen, Rufe. Und das Wort, das man in dieser Stadt seit Jahren nicht mehr gehört hat. Attentat. Eine Polizistin fuhr an uns vorbei und rief uns zu – geht rein, wir haben den Terroristen noch nicht gefasst. Ich rief meinen Bruder an, der ja normalerweise – wenn er nicht gerade als Reservist in einem Loch im Süden Israels weilt – als Journalist arbeitet, um ihm von dem Attentat zu berichten. Es war ganz schön laut um ihn, Amit, rief ich – so heißt er -, hier ist gerade ein Bus explodiert. "Wir sind auf dem Weg nach Süden," sagte er. "Wie meinst Du das?" Fragte ich. "Wie soll ich es meinen?Nach Gaza. Also – Berlin oder Rom?".

Da konnte ich nicht mehr, meine Beine haben gezittert, die Welt drehte sich um mich. Mein Bruder auf dem weg nach Gaza, meine Tochter und meine schwangere Frau in der Reichweite von Raketen, und in der Nase der ätzende Rauch von dem brennenden Bus. Und das Gefühl der Ohnmacht, dass sogar der Boden, auf dem man steht, nicht mehr sicher ist.

Ich wollte heute gar nicht schreiben, ehrlich gesagt. Aber es ist gerade die Mail meines teueren Freundes, die mich dazu gezwungen hat. Weil Worte das einzige sind, was ich zur Zeit anbieten kann. Es kursierte rum um meine Einträge die Diskussion um die Frage der Schuld und der Verantwortung. Das Wort "Verantwortung" auf Hebräisch ist dem Wort "Haftung" identisch. Karl Jaspers schrieb – "Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit". Ich vergleiche den Fall, auf den sich Jaspers bezog, nämlich Nazideutschland, nicht mit dem Fall  Israels im Jahre 2012. Jedoch bleibt dieser Satz immer richtig, für eine Diktatur, und erst recht für eine Demokratie. Auch wenn ich die jetztige Regierung nicht gewählt habe, trage ich eine Verantwortung für das, was in meinem Land geschieht, und für das, was mein Land anrichtet.

Und diese Worte sind zur Zeit meine stärkste, fähigste, und auch einzige Waffe. Diese Verbindung zu Euch. Dass sie auf verschiedene Seiten verbreitet werden, eine andere israelische Stimme verbreiten. Einen Zugang schaffen. Ich brauche diese Worte, weil ich mit dem Gefühl der Ohnmacht nicht leben kann.

Es ist jetzt schon 21:30. Das heißt –

Waffenstillstand.

Danke für Eure Worte, Danke für Eure Unterstützung, Danke für das Weiterleiten. 

Danke für den Zugang.

Seid alle lieb gegrüßt,

Bis zum nächsten Mal,

Euer Ofer




Dienstag, 20. November 2012

Israelisches Tagebuch 60


Liebe Freunde,

Jetzt geht das große Warten auf die Waffenruhe los. Und wie es bei den letzten Runden mit Gaza war, schießen sie und wir was das Zeug hält, um noch einen Punktsieg erklären zu können. In den Städten und Dörfern um Gaza sind in den letzten Stunden über hudert Raketen eingeschlagen, auch bei uns liegen die Nerven blank, man reagiert gereizt auf jedes Geräuch. Im Gaza Streifen fordert unsere Armee die Einwohner, den Norden des Streifens zu verlassen, um nicht zum Schaden zu kommen bei den nächsten, heftigen Stunden. Hier und dort sind Menschen ums Leben gekommen.

Seht Ihr – ich habe gerade geschrieben, "unsere Armee".

Heute Nachmittag saß ich im Taxi auf dem Weg nachhause. Der Fahrer war sehr gesprächig. "Der Neger im Weißen Haus ist daran schuld," sagte er, die anderen Autos vor uns hupend. "Der Bush – der hätte es uns erlaubt, den Streifen platt zu machen, diese Hunde." Er machte das Radio etwas leiser und schaute mich im Rückspiegel an, um sicher zu stellen dass ich ihm zuhöre. "Ich habe einen Sohn da unten, Reservist," fuhr er fort, "Und meine große Tochter lebt in Sderot." Er überholte irgendjemand mit einer rückartigen Bewegung, hupte, und fluchte (auf Arabisch, natürlich, wie alle Israelis). Er schaute mich noch einmal an, wahrscheinlich merkte er plötzlich dass ich nicht antworte, oder dass ich ein wenig "feiner" angezogen bin, und dachte sich vielleicht – das ist sicherlich einer von den blöden Linken die gegen den Krieg sind. "Ich habe in Libanon gekämpft, weißt du." Versuchte er mich zu besänftigen. "Ich kann mich an Libanon kaum erinnern," antworte ich, "ich war erst drei."

Er freute sich jedoch offensichtlich dass ich ihm antwortete, und bescherte mich mit Erzählungen über seine Heldentaten. Der Mann hat offensichtlich Beirut allein erobert.

"Am Israeli Chai, motek, am israel chai," sagte er als wir meine Straße erreichten, erleichtert darüber, dass ich ihm doch Trinkgeld gab. "Das Volk Israel lebe, süßer, das Volk Israel lebe."

Unsere Armee, wir. Das ist sehr verführerisch, dieses Wir. Ganz Israel sitzt jetzt vor dem Fernseher, ich ja auch, und bekommt eine konstante Dosis von Patriotismus, von der ewigen israelischen Pathetik zu spüren. So wurde ich ja auch erzogen – Papa kämpfte in ´67, ´73, und alles was dazwischen kam. Mein Bruder verbrachte über ein Jahr in Südlibanon, und als Reservist kämpfte er im Westjordanland. Ich wurde erzogen mit "wir sind ein kleines Land, von Feinden umgeben", oder, "Nie wieder wird ein Jude wehrlos in den Tod gehen". Ich bin mit dem Glauben großgeworden, wir sind das moralischste Land der Erde, sowohl bei der Entstehung wie auch seitdem, in jeder Handlung des Staates.

Heinz Bude unterschied mal zwischen der DDR und der BRD mit dem sehr vortrefflichen Satz – die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war in der DDR auf Tragik basiert. In der BRD basierte sie auf Ironie ("Die Ironische Nation"). Auf Israel trifft die erste Satzhälfte genauso zu – ich bin in einem Land mit wahren Helden und wahren Bösewichten gewachsen, das – genauso wie die DDR – sich als ewigen "Trotz" versteht.

Und da spielt das "Wir" eine immengroße Rolle, dieses Zusammenrücken, vor allem wenn die Kanonen schießen. Und es ist nicht gerade einfach, sich diesem "Wir" zu entziehen, eine Ironie  - also Distanz – davon zu entwickeln. Mein Vater, zum Beispiel, hat sich ganz schön geärgert dass ich in dem ersten Eintrag über den jetzigen Krieg von "Flucht" berichtet habe (so wie der Freund, den ich in dem nächsten Eintrag erwähnt habe).

Aber man kann auch schnell in die andere Richtung rutschen, und versuchen, es den "Europäern" recht zu machen, also das schreiben und sagen was in Berlin oder London für genehm erklärt wird. Applaus macht süchtig, ist verführerisch. Seid immer skeptisch wenn ein Iraner, Ägypter oder Iraker – oder auch Israeli – plötzlich wie Claudia Roth spricht. Nicht, dass das was sie – was wir – sagen nicht stimmt. Aber da man sich von dem einen "Wir" verabschiedete, will man möglich schnell beim anderen "Wir" – also bei Euch – aufgenommen werden. Ich habe es während der letzten Woche versucht, diesem Balance-Akt, dieser doppelten Ironie, gerecht zu werden.

Es ist schon spät, und gerade hieß es in den Nachrichten – keine Waffenruhe, noch nicht. Gili, die auf jeden Fall die Pragmatikerin zuhause stellt, ist gerade ins Bett gegangen nachdem sie den "Dienst" beim Kindergarten mit den anderen Eltern geklärt hat. Morgen ist sie dran – wir machen es so, dass immer zwei Erwachsene der Kindergärtnerin zur Seite stehen. Sollte es zum Luftalarm kommen, nehmen sie dann jeweils zwei Kinder – die Kindergärnterin nimmt eins, sie ist schon etwas älter – und laufen runter zum Schutzraum.

Ich hoffe dass es sich morgen als überflüßig herausstellt.

Seid alle lieb gegrüßt,

Euer Ofer






Montag, 19. November 2012

Israelisches Tagebuch 59


Liebe Freunde,

was hat es für einen Sinn, wenn man sich ent-schuldigen möchte. Was ist es überhaupt, sich zu entschuldigen. Ist es möglich? Ist es nötig? Wird eine solche Entschuldigung, eine Bitte um Verzeihung, um eine Anerkennung des Willen, miteinander zu leben, anerkannt?

Ein Freund hat geschrieben – ich sollte nicht von "Frauen und Kinder" sprechen, da auch die Männer leiden. Auch du, hat er geschrieben, leidest – mit deiner kleinen Tochter, mit deiner Frau, die heute morgen, nachdem wir Ori in den Kindergarten geschickt hat, plötzlich zu weinen anfing. Das stimmt, habe ich ihm geschrieben, jeder, der in dieser Situation steckt, leidet. Was ist aber dieses Leiden im Vergleich mit dem, was die Menschen im Gaza Streifen gerade durchmachen?

Ist das Wort "Vergleich" hier aber überhaupt angebracht? Was interessiert es den Mann in Gaza, der gerade die Leichen seiner Kinder aus den Trümmern eines aus Versehen bombardierten Hauses trägt, dass Gili und ich Albträume haben? Lindern meine Albträume seinen Schmerz? Nimmt sein Schmerz meinen Albträumen das Schrecken weg?

Ich habe dem Freund geschrieben – die Differenzierung ist ein Garant menschlichen Denkens. Menschlichen Geistes. Ich hüte mich davor, mich in politische Diskussionen einzubringen, weil sie hier keinen Platz haben. Nicht, weil Politik unwichtig ist. Sondern weil meine Welt gerade ganz schön klein geworden ist – 90 mal 90 Sekunden klein – und ich schlicht damit überfordert bin, an die größeren Zusammenhänge zu denken.

Was würde es auch bringen, einen solchen morbiden Vergleich zu ziehen? Die vielen Menschen, die jetzt Tag und Nacht in Facebook aktiv sind, mit Fotoshop Bilder von Kinderleichen nebeneinander einreihen, oder die, die eine beinah göttliche Vorsehung in jeder Bewegung eines heiligen jüdischen Kampfjets sehen, sind für mich Pornographiker die keine Beachtung verdienen. Ich bin zu müde und aufgeschreckt für Propaganda Kriege.

Und doch – die Differenzierung muss gemacht werden. Und wo Leiden entsteht, das durch menschliches Handeln verursacht wurde, entsteht auch Schuld. Ich habe keine Rakete abgefeuert – die größte Mehrheit in Gaza aber ebenfalls nicht. Jedoch zahlt diese Mehrheit einen wesentlich höheren Preis für das Versagen der öffentlichen Systeme in unserer Region, für das Versagen meiner Regierung, der Uno, der EU, der USA, der arabischen Liga. Und was man gerne vergisst – diese Organisationen, Länder und Bündnisse, die übermenschlich groß zu sein scheinen, bestehen nur und allein aus Menschen. Und diese Menschen tragen eine Schuld, auch wenn mit vielen anderen Millionen geteilt. Und ich trage diese Schuld mit.

Bis jetzt habe ich, ehrlich gesagt, meine Beiträge sehr sanft formuliert. Aber heute sind 12 Menschen aus einer Familie in meinem Namen ums Leben gebracht. Ihr Leiden ist meine Schuld, die durch mein eigenes Leiden nicht im Geringsten vermindert wird. Es kann auch gesagt werden – auch durch dieses Bekenntniss, was mir für´s erste ein etwas leichteres Gewissen verschafft, wird diese Schuld nicht getilgt. Das gleiche gilt für diejenigen, die als Reaktion auf meinen Blog mich als "Hardliner Israeli", als "Zyniker" beschimpft haben. Ob ich so bin – ich hoffe nicht, ich versuche es nicht zu sein, aber das werden andere wahrscheinlich anders sehen. Aber allein durch das Schimpfen wird die Verantwortung derer, die mit uns Israelis tag und nacht schimpfen, auch nicht für erfüllt erklärt. Nicht den Palästinensern gegenüber, auch nicht den Menschen in Syrien, die – weil alle Medien auf "unseren" Schlagabtausch konzentriert sind – von dem Assad Regime weiter massekriert werden. Was mein Anliegen wiederum nicht um das Mindeste weniger wichtig macht.

Liebe Freunde, ich füge diesem Beitrag einige Bilder zu, die ich heute in der Oper und in Tel Aviv gemacht habe. Es sind Beweise für die Risse in meiner Realität.

Uns allen eine ruhige Nacht,

Euer Ofer

p.s. - wie gestern schon geschrieben - wenn Ihr das wichtig findet, teilt es bitte weiter. 


Zur Bühne; Zu den Tanzräumen; Zu den Solistenräumen; Zum Luftschutzbunker




Der leere Rabin-Platz - nur die Tauben sind da



Die leere Rotschildalle



Ein öffentlicher Luftschutzbunker, sein Wächter im tiefen Schlaf



Runter zum Schutzraum



Ein leer stehender Spielplatz, um diese Uhrzeit meistens sehr voll



Am Bühneneingang



 Zu den Proberäumen links; Zum Luftschutzraum rechts