Heute hatten wir wieder ein
Treffen der Lesegruppe – diesmal ging es um Heine. Oh, wie kultiviert, junge
Israelis und junge Deutsche, umgeben von Büchern von Rosenzweig, Kafka, Buber,
Scholem, Freud, Klemperer, Arendt, wie wunderbar, wir diskutieren die Symbolik
des Rheins, Loreley und Rabbi von Bacharach, ist der Rhein bei Heine das Symbol
des Todes fragt eine hübsche deutsche Doktorandin (Thema: irgendein drittklassiger
deutsch-jüdischer Bühnenautor aus den 20gern) und schwingt eine schmale Hüfte
über die andere, wie aufregend aufklärend, Deutsche und Juden reden wieder über
Deutsche und Juden, ist es Purim jetzt,
fragt ein deutscher Theologie-Student aus Göttingen, sein Wissen über den
Judentum angebend, nein, es sind Schüsse, erwidere ich und mache das Fenster zu,
unser Campus liegt schlecht.
Dienstag, 26. Februar 2013
Samstag, 19. Januar 2013
Israelisches Tagebuch 64
Liebe Freunde,
Donnerstagmorgen, fünf Tage
vor dem Wahltag, bin ich leicht erkältet aufgewacht neben meiner sich im
tiefsten Schlaf befindlichen Tochter. Klar, dachte ich, sie hat noch sechzehn
Jahre bevor sie wählen muss, an ihrer Stelle hätte ich auch einen ruhigen
Schlaf. Es ist wirklich nicht einfach zu erklären wie Ernst man die Wahlen hier
in Israel sieht – oder, ehrlich gesagt, jede Wahlen. Auch die in 2009, oder
2006, oder 1977, oder 1949. Und täglich grüßt das Murmeltier, nur dass es bei
uns immer der 9 November ist. Ob Ihr Merkel oder Steinbrück wählt, Rösle- oops –
Brüde- oops – Lindner, Trittin oder Gysi – Ihr wisst dass Eure Demokratie
weiter bestehen wird. Klar darf man sich nicht auf die Lorbeeren ausruhen,
jedoch ist die größte Gefahr für das Projekt "Demokratisches
Deutschland" eher die Langeweile (was nicht immer ungefährlich ist). Bei
uns sind es ca. 50 Prozent der Parteien, bei denen bei der Wahl zwischen Gott,
Boden, jüdischem Staat, Jerusalem, Schlag auf Iran und koscheren McDonalds
Restaurants die Demokratie nicht mal über die bei uns herrschende zwei-Prozent Hürde kommen würde.
Ich bin abgelenkt, eigentlich
wollte ich vom Donnerstagmorgen berichten. Ich musste früh raus da ich auf eine
Beschneidung in Jerusalem eingeladen war. Im Auto hörte ich Wahlsendungen der
verschiedenen Parteien, "starker Führer für ein starkes Israel",
"Wir sind die echten Kämpfer – bei uns sind unter den ersten zehn
Listenplätzen 9 Kampfsoldaten" und so weiter – habe ich schon 9 November
gesagt? – und ein wenig Musik, bis ich das Haus in der Pionierstraße erreicht
habe. Bei der Beschneidung handelte es sich um den Sohn eines engen
Freundespaares. Die Frau ist mit mir zur Schule gegangen, sie saß blass auf
einem Stuhl und kämpfte gegen den Drang hin- und wegzuschauen. Der Mann ist ein
ehemaliger religiöser Siedler, er kehrte Gott seinen Rücken zu und führt ein
säkulares Leben, jedoch seine gesamte Familie kommt aus Siedlungen im
Westjordanland, und so standen um das betäubte Baby Kreise von bärtigen Männern
in weißen Hemden, Gebete murmelnd, während der Mohel seine Arbeit verrichtete.
Beschneidung ist ein furchtbares Wort. Bei uns heißt es Brit – Allianz, oder
Bund. Die Brit ist ein Symbol für die Allianz zwischen Gott und den Juden, angefangen
mit Abraham im alten Testament durch eine Kette abgeschnippelter Verfolgter, bis zu der
murmelnden vibrierenden Runde am letzten Donnerstag um den Sohn meiner Freunde.
Erst nachdem die Vorhaut entfernt wurde – ich habe nicht hingeschaut, ich bin
eine Memme – darf man den Namen des Kindes laut rufen. "Amos," rief
der Mohel, "Willkommen im Volke Israels." Alle im Saal nickten
zustimmend, Amos ist der Name des Propheten der als einfacher Hirte für soziale
Gerechtigkeit plädierte, eine Art jüdischer Sozialist.
Es ist schon erstaunlich,
dachte ich mir während ich, Mazal Tov sagend, Menschen küsste und umarmte die
in fünf Tagen Parteien wählen werden die ich als faschistisch bezeichne. Es
sind Menschen, mit denen ich normalerweise schreiend auf Demonstrationen
kommuniziere, und hier stehen wir mit Kaffee und Kuchen und plaudern höflich
über das Wetter, der linke Verräter mit dem Apartheidbefürworter.
So ist das immer bei Juden,
oder eigentlich vielleicht bei allen Menschen. Die gemeinsam erlittenen
Verletzungen, die Jahrtausende Verfolgung durch Rabbi-Scheren, vor allem wenn
die vor unsere Augen geführt wird, rückt uns näher zusammen. Es sind die
Verletzungen anderer – auch wenn es sich hier ebenfalls um
"Blut-Allianz" handelt – bei denen unsere Geister sich scheiden.
Ich wünsche Euch allen ein
friedliches Wochenende,
Euer Ofer
p.s. es würde mich freuen,
wie immer, wenn Ihr diese Worte – falls sie Euch gefallen haben - weiterverbreiten
werdet.
Dienstag, 15. Januar 2013
Israelisches Tagebuch 63 - die Wahlen kommen!
Ein Wegweiser der israelischen
Politik
Liebe Freunde,
Es ist keine leichte Aufgabe,
ausländische Leserschaft über die politischen Verhältnisse in Israel
aufzuklären, zwei Wochen vor den Wahlen. Man könnte sagen – es ist nie einfach,
einem Außenstehenden klar zu machen wer gegen wen ist, ob in den USA,
Griechenland oder Niedersachsen. Jedoch stellt die israelische Politik eine
besonders flüssige Version des Demokratiebegriffs dar, dessen Beschreibung den
Autoren zum Zurückgreifen auf ungewöhnliche Hilfsmittel zwingt. So entstand die
Idee, ein ABC der israelischen Politik aufzuschreiben. Jedoch wirkt sich, wie
gleich zu merken sein wird, die paradigmatische Realitätsverzerrung der hiesigen
Politik sogar überraschend auf ein solch einfach scheinendes Unternehmen aus.
A: Alternativlosigkeit,
zum Beispiel. Der häufigste Satz den ich in meiner europäisch-westlich
orientierten Umgebung höre ist – "ich weiß nicht wen ich wählen soll".
Dabei hat der israelische Wähler, der sich gerne der "einzigen Demokratie
im Nahem Osten" rühmt, mehr als genügend Möglichkeiten – 32 Parteien sind
für die bevorstehenden Wahlen zugelassen. Auch in Deutschland gibt es ein Paar unverbesserliche,
die es jedes Mal erneut versuchen; dort müssen sie allerdings über eine
fünf-prozent Hürde springen. Bei uns genügen ca. 70,000 Stimmen – knapp unter
einer ausverkauften Allianz Arena – und man ist in der Knesset, wie unser 120
Mann- und Frau starkes Parlament heißt. Das führt zu einer Zersplitterung der
Parteienlandschaft, und die großen Parteien zerbröseln in ihre Einzelteile. So
müssten bei uns, um mal den Vergleich mit Deutschland weiter zu ziehen, Andrea
Nahles und Peer Steinbrück niemals in einer Partei sitzen, Brüderle wäre gegen
Rainer, Philip gegen Rösler, und zwischen Angela Merkel und Roland Koch lägen
mindestens fünf Parteien mit verschiedenen Kombinationen der Worte
"Deutsch", "Frei", "Union", "Bund",
"Christ", und – natürlich – "Vereint". Man könnte also
meinen, bei solch einem reichen Parteienspektrum käme jeder auf seinen
Geschmack. Jedoch steht schon der Ausgang der Wahlen fest – egal ob "Das
jüdische Haus" mehr Stimmen als "Israel ist unser Zuhause"
bekäme, "Die Bewegung" mehr als "Die Arbeit" – der nächste
Ministerpräsident Israelis wird Benjamin Netanjahu, von allen als
"Bibi" bekannt, heißen. Keiner gefährdet seinen Stuhl, er ragt aus
dem Parteienmeer heraus als der einzige der die ganze angeblich gegen uns
gerichtete Welt aufhalten kann. Die anderen Parteien kämpfen eigentlich nur
darum, wer welchen Ministerposten in seinem Kabinett bekommt.
Das führt zum nächsten Wort in "A" – Apathie. Alle wissen, dass es bei den nächsten
Wahlen eigentlich um kritische Themen geht - um die Identität Israels als ein
demokratischer, menschrechtsachtender Staat, um eine Auslegung des Judentums
die die Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts nicht vergisst. Man muss wählen
gehen, ansonsten gewinnen die, die den Boden mehr achten als den Menschen der
auf ihm geht. Man fühlt sich aber machtlos, gelähmt. Hier sitze ich und
schreibe diese Zeilen auf Deutsch, statt auf die Straßen zu gehen und die
Bilder derer herunterzureißen, die sich und meinen Staat in einem religiösen
Gewaltrausch dem Himmel näher bringen wollen. Bilder auf denen immer ein
Davidstern zu sehen ist, und ein Soldat, und irgendein gottverlassener Hügel im
"heiligen" Westjordanland, auf einer Art die die Geschichte meines
Volkes und meines Landes auf pornographischer Weise missbraucht. Und von diesen
Bildern herab lächeln uns die sogenannten Nationalisten an weil sie wissen um
die süße, unwiderstehliche Verführungskraft ihrer selbstherrlichen Nationalismusparolen,
die die müden, komplizierten Argumente für Demokratie, Kompromiss und
Pluralismus mit einem Schwenk der Nationalfahne zur Seite wischen.
Und so wird Israel wahrscheinlich
auch nach den nächsten Wahlen die Siedlungen ausbauen, die Uno-Resolutionen
missachten, und die Zweistaatenlösung endgültig unmöglich machen. Jedoch wird
hier ein weiteres "A" kommen, die Bezeichnung eines
Staatssystems, die langsam - wenn auch nur flüsternd - in den politischen
Diskurs eindringt. Denn es leben mit uns auf diesem Fleck Erde Millionen von
Palästinensern, rechtlos, staatenlos, fast ohne Stimme bei diesem Wahlkampf.
Wenn wir aber bald keine Lösung finden, die einen unabhängigen Staat Palästina
an unserer Seite als Ziel hat, müssten wir sie – nach der bestehenden Logik - weiter
besetzen, kontrollieren, segregieren, diskriminieren müssen, wie in Südafrika
des letzten Jahrhunderts.
Wie schon erahnt und
vorausgesagt, erwies sich der Versuch das Wahlen-ABC aufzuschreiben als äußerst
schwierig, und kann hier nur unvollständig abgeschlossen werden. Denn wie
sollte man dieses ABC weiterführen, wenn das einzige Wort das einem unter "B" einfällt "Bibi"
lautet?
Seid alle lieb gegrüßt,
Euer Ofer
Freitag, 28. Dezember 2012
Israelisches Tagebuch 62 - frohes Neues!
Ich feiere Weihnachten nicht.
"Gar nicht?" fragt 12-jährige Annemarie aus Berlin am Telefon (der wahre Name liegt bei der Redaktion…).
"Gar nicht."
"Gibt´s auch keine Bescherung?" fragt sie erschrocken.
"Nein, wieso sollte ich Geschenke bekommen am Geburtstag eines Anderen? Außerdem haben wir Chanukka. Chanukka ist schön, in Chanukka zünden wir jeden Tag eine Kerze mehr bis wir acht Kerzen in der…"
"Chanukkia!" unterbricht mich Annemarie, ihr Wissen in Sachen Judentum angebend.
"Genau, Chanukkia. Wir zünden acht Kerzen an in Andenken an eine Zeit, wo man wieder versucht hat uns kleinzukriegen und wir es nicht zugelassen haben." Ich merke, wie meine Brust vor Stolz schwillt. "Wir haben nämlich die bösen Griechen aus unserem Land vertrieben und Jerusalem gerettet."
"Die Griechen?"
Annemarie verunsichert mich leicht und zwingt mich zum Nachdenken. Waren es doch die Römer? Nein, gegen sie haben wir doch verloren. Die Babylonen? Auch nicht – sie haben uns aus Gnade gehen lassen, und mit auf den Weg die wunderbare Oper "Nabucco" gegeben. Also doch die Griechen.
"Komisch, ich hätte es den Griechen gar nicht zugetraut." Verständlicher Satz aus dem Munde eines kleinen deutschen Mädchens im Jahre 2012. "Und wieso hattet Ihr Streit mit den Griechen?" fragt meine kleine politisch-Interessierte weiter.
"Nun ja, sie wollten dass wir wie sie werden, dass wir ihre Götter anbeten, ihre Sprache annehmen, ihre Bräuche. Und das wollten wir nicht, also hat´s gekracht zwischen uns. Und wir haben eben gewonnen, zumindest bis die Römer kamen."
Ich verabschiede mich von Annemarie, lege auf, und drehe die Musik etwas lauter. Es ist Heiligabend und beim NDR (Internetradio...) gibt´s so herrliche Musik, laute Choräle mit dem Thomanerchor. Ori fragt mich nach den Plätzchen, die ich ihr versprochen habe. "Die müssen wir erst backen, liebste", sage ich, und suche nach Zimt für den Teig. "Welche Musik ist das Papa?" fragt Ori, die für eine zweijährige über einen überraschend ausgeprägten Musikgeschmack verfügt. Nun ja.
"Chanukkalieder."
Liebste Freunde, ich hoffe dass Ihr alle ein wunderbares Fest hattet. Ori, Gili und ich wünschen Euch ein wunderbares Jahr 2013, ein Jahr voller Frieden, Freude und Freunde.
Euer Ofer
"Gar nicht?" fragt 12-jährige Annemarie aus Berlin am Telefon (der wahre Name liegt bei der Redaktion…).
"Gar nicht."
"Gibt´s auch keine Bescherung?" fragt sie erschrocken.
"Nein, wieso sollte ich Geschenke bekommen am Geburtstag eines Anderen? Außerdem haben wir Chanukka. Chanukka ist schön, in Chanukka zünden wir jeden Tag eine Kerze mehr bis wir acht Kerzen in der…"
"Chanukkia!" unterbricht mich Annemarie, ihr Wissen in Sachen Judentum angebend.
"Genau, Chanukkia. Wir zünden acht Kerzen an in Andenken an eine Zeit, wo man wieder versucht hat uns kleinzukriegen und wir es nicht zugelassen haben." Ich merke, wie meine Brust vor Stolz schwillt. "Wir haben nämlich die bösen Griechen aus unserem Land vertrieben und Jerusalem gerettet."
"Die Griechen?"
Annemarie verunsichert mich leicht und zwingt mich zum Nachdenken. Waren es doch die Römer? Nein, gegen sie haben wir doch verloren. Die Babylonen? Auch nicht – sie haben uns aus Gnade gehen lassen, und mit auf den Weg die wunderbare Oper "Nabucco" gegeben. Also doch die Griechen.
"Komisch, ich hätte es den Griechen gar nicht zugetraut." Verständlicher Satz aus dem Munde eines kleinen deutschen Mädchens im Jahre 2012. "Und wieso hattet Ihr Streit mit den Griechen?" fragt meine kleine politisch-Interessierte weiter.
"Nun ja, sie wollten dass wir wie sie werden, dass wir ihre Götter anbeten, ihre Sprache annehmen, ihre Bräuche. Und das wollten wir nicht, also hat´s gekracht zwischen uns. Und wir haben eben gewonnen, zumindest bis die Römer kamen."
Ich verabschiede mich von Annemarie, lege auf, und drehe die Musik etwas lauter. Es ist Heiligabend und beim NDR (Internetradio...) gibt´s so herrliche Musik, laute Choräle mit dem Thomanerchor. Ori fragt mich nach den Plätzchen, die ich ihr versprochen habe. "Die müssen wir erst backen, liebste", sage ich, und suche nach Zimt für den Teig. "Welche Musik ist das Papa?" fragt Ori, die für eine zweijährige über einen überraschend ausgeprägten Musikgeschmack verfügt. Nun ja.
"Chanukkalieder."
Liebste Freunde, ich hoffe dass Ihr alle ein wunderbares Fest hattet. Ori, Gili und ich wünschen Euch ein wunderbares Jahr 2013, ein Jahr voller Frieden, Freude und Freunde.
Euer Ofer
Mittwoch, 21. November 2012
Israelisches Tagebuch 61 - Waffenstillstand
Liebe Freunde,
dies ist der letzte Eintrag
für die nächste Zeit. In den Nachrichten steht, dass ab 21:00 jerusalemer Ortszeit
eine Waffenruhe in Kraft treten wird.
Ein deutscher Freund schrieb
mir vor ein Paar Tage eine verzweifelte Mail. Er schrieb von der Kraftlosigkeit
der Worte. Vor der Sinnlosigkeit des ewigen Geredes um Israel, um Palästina. Es
kann gut sein, dass er Recht hat. Meine Worte, diese an Euch seit Donnerstag gerichteten
Worte haben – so habe ich vielen Reaktionen ablesen konnte – vielen das Gefühl
gegeben, einen unmittelbaren Zugang zu den Menschen hinter den Worten zu haben.
Also, hier ist so ein Zugang –
Heute fing eigentlich fast
normal an. Gili ging zum Kindergareten mit Ori, sie hatte ja "Kinder zum
Schutzraum Schleppen" Dienst, was zum Glück nicht in Anspruch genommen
werden musste. Ich fuhr zur Oper, wieder eine ermödende Wozzeck Probe. Da ich
kaum was zu spielen habe, las ich die ganze Zeit die Nachrichten, die alle auf
einen Waffenstillstand hindeuteten. Um Punkt zwölf hatten wir eine kurze Pause,
ich kaufte mir eine Tasse Kaffee und ging raus, um die Sonnenstrahlen zu
genießen.
Um 12:05 explodierte ein Bus
300 Meter von der Oper, auf der König Saul Allee.
Auf Einmal war die Welt wie ein
Ameisennest, auf das man einen Stein geschmießen hat. Polizei, Rettungs- und
Feuerwehrwagen, Syrenen, Rufe. Und das Wort, das man in dieser Stadt seit
Jahren nicht mehr gehört hat. Attentat. Eine Polizistin fuhr an uns vorbei und
rief uns zu – geht rein, wir haben den Terroristen noch nicht gefasst. Ich rief
meinen Bruder an, der ja normalerweise – wenn er nicht gerade als Reservist in
einem Loch im Süden Israels weilt – als Journalist arbeitet, um ihm von dem
Attentat zu berichten. Es war ganz schön laut um ihn, Amit, rief ich – so heißt
er -, hier ist gerade ein Bus explodiert. "Wir sind auf dem Weg nach
Süden," sagte er. "Wie meinst Du das?" Fragte ich. "Wie
soll ich es meinen?Nach Gaza. Also – Berlin oder Rom?".
Da konnte ich nicht mehr,
meine Beine haben gezittert, die Welt drehte sich um mich. Mein Bruder auf dem
weg nach Gaza, meine Tochter und meine schwangere Frau in der Reichweite von
Raketen, und in der Nase der ätzende Rauch von dem brennenden Bus. Und das
Gefühl der Ohnmacht, dass sogar der Boden, auf dem man steht, nicht mehr sicher
ist.
Ich wollte heute gar nicht
schreiben, ehrlich gesagt. Aber es ist gerade die Mail meines teueren Freundes,
die mich dazu gezwungen hat. Weil Worte das einzige sind, was ich zur Zeit
anbieten kann. Es kursierte rum um meine Einträge die Diskussion um die Frage
der Schuld und der Verantwortung. Das Wort "Verantwortung" auf
Hebräisch ist dem Wort "Haftung" identisch. Karl Jaspers schrieb –
"Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit". Ich vergleiche den Fall,
auf den sich Jaspers bezog, nämlich Nazideutschland, nicht mit dem Fall Israels im Jahre 2012. Jedoch bleibt dieser
Satz immer richtig, für eine Diktatur, und erst recht für eine Demokratie. Auch
wenn ich die jetztige Regierung nicht gewählt habe, trage ich eine
Verantwortung für das, was in meinem Land geschieht, und für das, was mein Land
anrichtet.
Und diese Worte sind zur Zeit
meine stärkste, fähigste, und auch einzige Waffe. Diese Verbindung zu Euch. Dass
sie auf verschiedene Seiten verbreitet werden, eine andere israelische Stimme
verbreiten. Einen Zugang schaffen. Ich brauche diese Worte, weil ich mit dem
Gefühl der Ohnmacht nicht leben kann.
Waffenstillstand.
Danke für Eure Worte, Danke für Eure Unterstützung, Danke für das Weiterleiten.
Danke für den Zugang.
Seid alle lieb gegrüßt,
Bis zum nächsten Mal,
Euer Ofer
Dienstag, 20. November 2012
Israelisches Tagebuch 60
Liebe Freunde,
Jetzt geht das große Warten
auf die Waffenruhe los. Und wie es bei den letzten Runden mit Gaza war,
schießen sie und wir was das Zeug hält, um noch einen Punktsieg erklären zu
können. In den Städten und Dörfern um Gaza sind in den letzten Stunden über
hudert Raketen eingeschlagen, auch bei uns liegen die Nerven blank, man reagiert gereizt auf jedes Geräuch. Im Gaza Streifen fordert unsere Armee die
Einwohner, den Norden des Streifens zu verlassen, um nicht zum Schaden zu kommen
bei den nächsten, heftigen Stunden. Hier und dort sind Menschen ums Leben gekommen.
Seht Ihr – ich habe gerade
geschrieben, "unsere Armee".
Heute Nachmittag saß ich im
Taxi auf dem Weg nachhause. Der Fahrer war sehr gesprächig. "Der Neger im
Weißen Haus ist daran schuld," sagte er, die anderen Autos vor uns hupend.
"Der Bush – der hätte es uns erlaubt, den Streifen platt zu machen, diese
Hunde." Er machte das Radio etwas leiser und schaute mich im Rückspiegel
an, um sicher zu stellen dass ich ihm zuhöre. "Ich habe einen Sohn da
unten, Reservist," fuhr er fort, "Und meine große Tochter lebt in
Sderot." Er überholte irgendjemand mit einer rückartigen Bewegung, hupte,
und fluchte (auf Arabisch, natürlich, wie alle Israelis). Er schaute mich noch
einmal an, wahrscheinlich merkte er plötzlich dass ich nicht antworte, oder
dass ich ein wenig "feiner" angezogen bin, und dachte sich vielleicht
– das ist sicherlich einer von den blöden Linken die gegen den Krieg sind.
"Ich habe in Libanon gekämpft, weißt du." Versuchte er mich zu
besänftigen. "Ich kann mich an Libanon kaum erinnern," antworte ich,
"ich war erst drei."
Er freute sich jedoch
offensichtlich dass ich ihm antwortete, und bescherte mich mit Erzählungen über
seine Heldentaten. Der Mann hat offensichtlich Beirut allein erobert.
"Am Israeli Chai, motek,
am israel chai," sagte er als wir meine Straße erreichten, erleichtert
darüber, dass ich ihm doch Trinkgeld gab. "Das Volk Israel lebe, süßer,
das Volk Israel lebe."
Unsere Armee, wir. Das ist
sehr verführerisch, dieses Wir. Ganz Israel sitzt jetzt vor dem Fernseher, ich
ja auch, und bekommt eine konstante Dosis von Patriotismus, von der ewigen
israelischen Pathetik zu spüren. So wurde ich ja auch erzogen – Papa kämpfte in
´67, ´73, und alles was dazwischen kam. Mein Bruder verbrachte über ein Jahr in
Südlibanon, und als Reservist kämpfte er im Westjordanland. Ich wurde erzogen
mit "wir sind ein kleines Land, von Feinden umgeben", oder, "Nie
wieder wird ein Jude wehrlos in den Tod gehen". Ich bin mit dem Glauben
großgeworden, wir sind das moralischste Land der Erde, sowohl bei der
Entstehung wie auch seitdem, in jeder Handlung des Staates.
Heinz Bude unterschied mal
zwischen der DDR und der BRD mit dem sehr vortrefflichen Satz – die Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit war in der DDR auf Tragik basiert. In der BRD basierte
sie auf Ironie ("Die Ironische Nation"). Auf Israel trifft die erste
Satzhälfte genauso zu – ich bin in einem Land mit wahren Helden und wahren
Bösewichten gewachsen, das – genauso wie die DDR – sich als ewigen "Trotz"
versteht.
Und da spielt das
"Wir" eine immengroße Rolle, dieses Zusammenrücken, vor allem wenn
die Kanonen schießen. Und es ist nicht gerade einfach, sich diesem
"Wir" zu entziehen, eine Ironie
- also Distanz – davon zu entwickeln. Mein Vater, zum Beispiel, hat sich
ganz schön geärgert dass ich in dem ersten Eintrag über den jetzigen Krieg von
"Flucht" berichtet habe (so wie der Freund, den ich in dem nächsten Eintrag
erwähnt habe).
Aber man kann auch schnell in
die andere Richtung rutschen, und versuchen, es den "Europäern" recht
zu machen, also das schreiben und sagen was in Berlin oder London für genehm erklärt
wird. Applaus macht süchtig, ist verführerisch. Seid immer skeptisch wenn ein
Iraner, Ägypter oder Iraker – oder auch Israeli – plötzlich wie Claudia Roth
spricht. Nicht, dass das was sie – was wir – sagen nicht stimmt. Aber da man
sich von dem einen "Wir" verabschiedete, will man möglich schnell
beim anderen "Wir" – also bei Euch – aufgenommen werden. Ich habe es während
der letzten Woche versucht, diesem Balance-Akt, dieser doppelten Ironie,
gerecht zu werden.
Es ist schon spät, und gerade
hieß es in den Nachrichten – keine Waffenruhe, noch nicht. Gili, die auf jeden
Fall die Pragmatikerin zuhause stellt, ist gerade ins Bett gegangen nachdem sie
den "Dienst" beim Kindergarten mit den anderen Eltern geklärt hat.
Morgen ist sie dran – wir machen es so, dass immer zwei Erwachsene der
Kindergärtnerin zur Seite stehen. Sollte es zum Luftalarm kommen, nehmen sie
dann jeweils zwei Kinder – die Kindergärnterin nimmt eins, sie ist schon etwas
älter – und laufen runter zum Schutzraum.
Ich hoffe dass es sich morgen
als überflüßig herausstellt.
Seid alle lieb gegrüßt,
Euer Ofer
Montag, 19. November 2012
Israelisches Tagebuch 59
Liebe Freunde,
was hat es für einen Sinn,
wenn man sich ent-schuldigen möchte. Was ist es überhaupt, sich zu
entschuldigen. Ist es möglich? Ist es nötig? Wird eine solche Entschuldigung,
eine Bitte um Verzeihung, um eine Anerkennung des Willen, miteinander zu leben,
anerkannt?
Ein Freund hat geschrieben –
ich sollte nicht von "Frauen und Kinder" sprechen, da auch die Männer
leiden. Auch du, hat er geschrieben, leidest – mit deiner kleinen Tochter, mit
deiner Frau, die heute morgen, nachdem wir Ori in den Kindergarten geschickt
hat, plötzlich zu weinen anfing. Das stimmt, habe ich ihm geschrieben, jeder,
der in dieser Situation steckt, leidet. Was ist aber dieses Leiden im Vergleich
mit dem, was die Menschen im Gaza Streifen gerade durchmachen?
Ist das Wort
"Vergleich" hier aber überhaupt angebracht? Was interessiert es den
Mann in Gaza, der gerade die Leichen seiner Kinder aus den Trümmern eines aus
Versehen bombardierten Hauses trägt, dass Gili und ich Albträume haben? Lindern
meine Albträume seinen Schmerz? Nimmt sein Schmerz meinen Albträumen das
Schrecken weg?
Ich habe dem Freund
geschrieben – die Differenzierung ist ein Garant menschlichen Denkens.
Menschlichen Geistes. Ich hüte mich davor, mich in politische Diskussionen
einzubringen, weil sie hier keinen Platz haben. Nicht, weil Politik unwichtig
ist. Sondern weil meine Welt gerade ganz schön klein geworden ist – 90 mal 90
Sekunden klein – und ich schlicht damit überfordert bin, an die größeren
Zusammenhänge zu denken.
Was würde es auch bringen,
einen solchen morbiden Vergleich zu ziehen? Die vielen Menschen, die jetzt Tag
und Nacht in Facebook aktiv sind, mit Fotoshop Bilder von Kinderleichen
nebeneinander einreihen, oder die, die eine beinah göttliche Vorsehung in jeder
Bewegung eines heiligen jüdischen Kampfjets sehen, sind für mich Pornographiker
die keine Beachtung verdienen. Ich bin zu müde und aufgeschreckt für Propaganda
Kriege.
Und doch – die
Differenzierung muss gemacht werden. Und wo Leiden entsteht, das durch
menschliches Handeln verursacht wurde, entsteht auch Schuld. Ich habe keine
Rakete abgefeuert – die größte Mehrheit in Gaza aber ebenfalls nicht. Jedoch
zahlt diese Mehrheit einen wesentlich höheren Preis für das Versagen der
öffentlichen Systeme in unserer Region, für das Versagen meiner Regierung, der
Uno, der EU, der USA, der arabischen Liga. Und was man gerne vergisst – diese
Organisationen, Länder und Bündnisse, die übermenschlich groß zu sein scheinen,
bestehen nur und allein aus Menschen. Und diese Menschen tragen eine Schuld,
auch wenn mit vielen anderen Millionen geteilt. Und ich trage diese Schuld mit.
Bis jetzt habe ich, ehrlich
gesagt, meine Beiträge sehr sanft formuliert. Aber heute sind 12 Menschen aus
einer Familie in meinem Namen ums Leben gebracht. Ihr Leiden ist meine Schuld,
die durch mein eigenes Leiden nicht im Geringsten vermindert wird. Es kann auch
gesagt werden – auch durch dieses Bekenntniss, was mir für´s erste ein etwas
leichteres Gewissen verschafft, wird diese Schuld nicht getilgt. Das gleiche
gilt für diejenigen, die als Reaktion auf meinen Blog mich als "Hardliner
Israeli", als "Zyniker" beschimpft haben. Ob ich so bin – ich
hoffe nicht, ich versuche es nicht zu sein, aber das werden andere
wahrscheinlich anders sehen. Aber allein durch das Schimpfen wird die
Verantwortung derer, die mit uns Israelis tag und nacht schimpfen, auch nicht
für erfüllt erklärt. Nicht den Palästinensern gegenüber, auch nicht den
Menschen in Syrien, die – weil alle Medien auf "unseren" Schlagabtausch
konzentriert sind – von dem Assad Regime weiter massekriert werden. Was mein
Anliegen wiederum nicht um das Mindeste weniger wichtig macht.
Liebe Freunde, ich füge
diesem Beitrag einige Bilder zu, die ich heute in der Oper und in Tel Aviv gemacht
habe. Es sind Beweise für die Risse in meiner Realität.
Uns allen eine ruhige Nacht,
Euer Ofer
p.s. - wie gestern schon geschrieben - wenn Ihr das wichtig findet, teilt es bitte weiter.
p.s. - wie gestern schon geschrieben - wenn Ihr das wichtig findet, teilt es bitte weiter.
![]() |
| Zur Bühne; Zu den Tanzräumen; Zu den Solistenräumen; Zum Luftschutzbunker |
![]() |
| Der leere Rabin-Platz - nur die Tauben sind da |
![]() |
| Die leere Rotschildalle |
![]() |
| Ein öffentlicher Luftschutzbunker, sein Wächter im tiefen Schlaf |
![]() |
| Runter zum Schutzraum |
![]() |
| Ein leer stehender Spielplatz, um diese Uhrzeit meistens sehr voll |
![]() |
| Am Bühneneingang |
![]() |
| Zu den Proberäumen links; Zum Luftschutzraum rechts |
Abonnieren
Posts (Atom)









