Freitag, 24. Dezember 2010

Israelisches Tagebuch 41

Liebe Freunde,

Glücklich– und Müde. Das sind die zwei Adjektive, mit denen man mein Leben zurzeit beschreiben kann. Die kleine meinem Leben gebende Sonne scheint aus dem Lächeln meiner Tochter, und rechtfertigt den Namen den wir ihr gegeben haben – Ori (auf Deutsch Orri, also mit einem kurzen "O"). Er bedeutet soviel wie "mein Licht" oder das Imperativ "Scheine!", was sie auch fleißig tut.

Die Geburt, die Krankenhausaufenthalt, die Rückkehr nachhause – das alles war noch so märchenhaft, so unglaublich. Der Moment, in dem den durch die wie ein Tag fliegende Woche in mir akkumulierten Gefühlsstau sich löste ereignete sich ein Paar Stunden nachdem wir endlich zuhause waren. Ich nahm Ori in meine Armen, legte eine CD von Emma Kirkby in die Anlage, und schaute wie die Augen meiner Tochter sich wundernd öffneten. Es können mir tausend Ärzte sagen dass Babys in dem Alter nicht in der Lage sind dieses oder jenes Wahrzunehmen – ich kann aber mit Sicherheit sagen, die bezauberten Töne des "Laudate Dominum" von Mozart streichelten ihre Seele, mit einer nur der Seele des geborenen Kindes ausweichende Reinheit. Ich schaute meine Tochter an, und habe geweint.

Liebe Freunde, ich werde Euch über Windeln, Schlaflose Nächte und solches später berichten. Jetzt aber will ich Euch, da die meisten von Euch einen Geburtstag eines anderen im Großraum Bethlehem geborenen Kindes feiert, ein frohes Fest wünschen, schöne Stunden mit Euren Familien und Freunden, und wenn Ihr heute ein Glas Glühwein trinkt – denkt an uns, an kleine Ori, und an ihre sie liebenden Eltern.

Frohe Weihnachten aus Israel,

Euer Ofer

Freitag, 26. November 2010

Israelisches Tagebuch 40

Liebe Freunde,

ein israelischer Sänger schlägt dumpfe Töne aus seiner Gitarre und ruft mit rauer Stimme nach Regen, es ist ein Lied aus den 90gern, aber immer wieder aktuell, "vielleicht hilft es," sagt die Nachrichtensprecherin im Radio, und meine Hand schwebt über den Klimaanlageknopf im Auto, um sich dann doch für das offene Fenster zu entscheiden. Es ist Ende November, eine angenehmen warme Luft streichelt mein Gesicht, ich fahre wieder durch die besetzten Gebiete zur Uni, hier gibt es ja keinen Stau, wie soll es einen geben, seitdem die Araber hier durchfahren dürfen haben die meisten Israelis Angst vor dieser Strasse.

"Wegen der Regenknappheit ruft das Hauptrabinneramt in Jerusalem zum allgemeinen Fasten am Montag auf," berichtet die Radiodame weiter, ich warte vor dem Checkposten, es kommt ein kurzer Moment der Panik weil einer der Autofahrer, den ich durch seinen Rückspiegel als einen älteren Nationalreligiösen Herrn identifizieren kann, wollte dem Soldaten in der Wachhütte einen Schokoriegel zuwerfen. Der arme Junge dachte, es sei eine Handgranate, und warf sich schreiend zum Boden.

Regen, gib uns Regen, schreit der Sänger weiter, 18 israelische Bauern sind mit einem Heißluftballon über ihre Felder geflogen und tanzten den berühmten Regentanz von "Honi Ha´maagel", ein alter heiliger der vor vielen Jahren Gott herausgefordert, um sich einen Kreis gemalt und gesagt hatte – bis es regnet, gehe ich nicht mehr aus dem Kreis heraus. "Der Korb von dem Ballon ist quadratisch, und Honis Kreis war ja rund – uns ist also zumindest die Quadratur des Kreises gelungen", knistert das Lachen eines Bauers mit einer Stimme, die so trocken wirkt wie sein Land.

Jetzt spricht ein Professor und sagt, seit Beginn der Wetteraufzeichnung vor 83 Jahren ist nie so wenig Wasser während des Monats November in den See Genezareth geflossen. Und ich denke mir – wer ist 1927 auf die Idee gekommen, das Wetter aufzuzeichnen, gab es damals nichts besseres zu tun, und wer weiß wie viel Wasser damals bei Honi geflossen ist, und ob es für ihn überhaupt von Bedeutung wäre, er hat sich wahrscheinlich einfach gern in seinem Kreis gedreht, und sowieso – ohne diese Aufzeichnung hätten wir ja eine schlechte Nachricht weniger.

Schabat Schalom aus Tel Aviv,

Euer Ofer

Mittwoch, 24. November 2010

Israelisches Tagebuch - Sondereintrag

"Erbe"

(Dieser Eintrag wurde in Zusammenhang mit der "Begegnungen" Reihe beim Goethe Institut in Tel Aviv geschrieben. Für Die Einladung, bei dieser Reihe mich und mein Tagebuch vorstellen zu dürfen, und vor allem für das Gefühl dass ich von Yael Goldmann und Dr. Georg Blochmann bekommen habe, für einen Tag mich wie ein echter Schriftsteller fühlen zu dürfen – samt Kordjacke – bin ich den beiden zutiefst dankbar.)

Es bleibt am Ende eine Frage, die mir des Öfteren gestellt wird, wenn ich über mein langes Aufenthalt in Deutschland erzähle, über meine Zuneigung gegenüber diesem Land, seinen Leuten, seiner Kultur – und seiner Sprache. Die Frage wäre gültig auch wenn es um, sagen wir, Namibia gehen würde, oder Island. Sie hat aber natürlich viel mehr Brisanz eben weil es sich um Deutschland handelt. Es gibt einen jüdischen Satz, der oft in Bezug auf Deutschland verwendet wird – nicht von seinem Honig, nicht von seinem Stachel. Der Stachel ist als Jude nicht vermeidbar. Der Honig aber, auf den wollte ich auch nicht verzichten. Also stelle ich mich der deutsch-israelischen Geschichte, mit all ihren Facetten. Und um auf die Frage zurückzukommen – wieso, also wieso Deutschland, bedarf die Antwort eine kurze Geschichte. Na gut, vielleicht doch nicht so eine kurze.

Diese Geschichte wurde immer zu Anlässen besonderer Nähe ausgepackt, wie zum Beispiel am Freitagnachmittag in der Jerusalemer Wohnung meiner Eltern, kurz vor der heiligen Schlafstunde. Sie wurde immer nur mir erzählt, dem musikalischen Nesthäkchen, vielleicht als Beweis für die (tief verborgene) musikalische Begabung unserer Familie. Da sie mir in mehreren Varianten erzählt wurde, je nach Lust und Laune, und da Ihr bedenken müsst – sie wurde von meinem Vater vor vielen Jahren erlebt, und von ihm dann an mich weitergegeben, und ich gebe sie jetzt weiter an Euch – also bekommt Ihr sie quasi über dritte Hand – könnt Ihr nicht allerernstes erwarten, sie würde eins-zu-eins zu den tatsächlichen Ereignissen passen, die ihr zum Grunde liegen. Sie ist also nicht frei von den Früchten der (lebhaften) Vorstellungskraft zweier Waldman-Generationen. Die Geschichte dieses Tagebuchs beweist aber, Ihr nehmt es mir nicht allzu übel.

Und jetzt, genug drum herum geredet – und zurück zur Geschichte.

Es war, so erzählt es mein Vater, am Anfang der 50gern. Die Waldman Familie lebte in einer Wohnung in der King George Strasse (Liebevoll genannt "Rechov hamelech King George Strasse", wobei "Rehov" Straße bedeutet, "Hamelech" – der König), unweit des vorläufigen Sitzes des israelischen Parlaments, der Knesset. Meine Großeltern stammten beide aus Wien (sie wurden in Wien aufgezogen. Geboren wurden sie ein wenig östlicher, darüber redet aber keiner, da "östlicher" in der damaligen Nachbarschaft von Rehavia zwangsläufig "niedriger" bedeutete), und so hat sich um sie ein kleiner Kreis bunter Typen versammelt mit Namen, die ich immer wieder von meinem Vater und meinen Tanten höre, wie der verrückte Tryphus, Tante Klara mit den obligatorischen drei Dackeln, und andere "Jekkes" ("Jekke" ist eine allgemeine Bezeichnung für deutschstämmige Juden, die Pünktlichkeit, Ordnungswahn, und eine gewisse – meiner Meinung nach natürlich gut begründete – kulturelle Arroganz bedeutet), deren durstigen Seele bei jedem deutschen Satz, aufgeweicht durch den Wiener Dialekt meiner Großeltern, dankbar aufging.

Eines Tages kam mein Großvater zurück nachhause, umgeben von einer Luft voller Feierlichkeit, in seiner Hand, mit braunem Papier umwickelt, eine große Pappkartonbox. Er balancierte die Box vorsichtig auf einer Hand während die andere seinen Hut abnahm, und ging in das Wohnzimmer. Meine Oma, mit ihrem scharfen Sinn für besondere Momente, eilte zu meinem Großvater, streckte ihren Kopf ihm entgegen um seinem aufgeregten Flüstern besser zuhören zu können, und nach einigen Sätzen von denen mein Vater nur einige "wooooos" und "jau mei….." verstanden hat, verschwand sie in ihrem Schlafzimmer, um fünf Minuten später heraus zu kommen mit ihrem besten, prächtigen Schabbat-Kleid angezogen und mit dem knappen Satz: "I bin mol weg."

Mein Opa setzte sich derweilen aufs Sofa im Wohnzimmer, seine Augen auf die Box fixiert, in seinen Gedanken verloren. Mein Vater benutzte die Gelegenheit um die Box etwas näher zu betrachten. Er musste nicht lange suchen bevor er das fand, wonach er gesucht hat – die Briefmarken, die meinen Papa damals brennend interessiert hatten. Komisch sahen sie aus, offensichtlich ausländisch, aber bevor mein junger Erzeuger seinem diebischen Plan nachgehen konnte hörte er die Wohnungstür sich öffnend, und gerade schnell genug war er um sich zurückzuziehen und der Kolonne Knutchen-Gebender Freunde seiner Eltern zu entkommen.

Natürlich hatte er die Szene weiter aus einer sicheren Distanz beobachtet, und zu seinem großen Verblüffen machte sich meine Oma erstmals an die Fenster, schließ sie und lies auch die Jalousien runter, um sich dann majestätisch zu ihrem Gatten zu setzten. Er, also der Gatte, also – mein Großvater, Meir Waldman, ein Wiener Rechtsanwalt und Zionist, wartete bis die Gesellschaft sich beruhigt hat. Alle waren sie da – der Tryphus, Tante Klara, der Onkel vom Erdgeschoss (über den meine Oma immer lässig sagte- Mog I net, Kenn I net, will I net.) und noch ein Paar, die mein Vater nicht kannte.

Mein Opa streifte die Box, einmal links, einmal rechts, und begann sie langsam zu öffnen. Bei jedem Reisgeräusch dachte mein Vater, sein Herz platzt gleich, da die Briefmarken beschädigt werden könnten. Aber als er den Gesichtausdruck meines Opas merkte, verging ihm dieser Gedanke. Was war da, auf dem Gesicht des alten Meir, das mein Vater auch heute, mehr als fünfzig Jahre später, immer noch ohne Worte lässt, aber voller Bewunderung? War das Sehnsucht? Heimweh?

Langsam ging die Box auf, alle hielten ihren Atem an, und mein Vater, der schon damals nicht so gut seinen Atem anhalten konnte, eilte um über die Schulter seines Vaters zu schauen. In der Box, nebeneinander stehend, waren längliche, schwarze Hüllen. Mein Opa nahm eine heraus, gab sie meiner Oma, die sich ans Grammofon machte. Aus der Hülle nahm sie eine LP heraus, legte sie auf die Drehscheibe, und setzte die Nadel darauf. Bald füllten merkwürdige, zauberhafte Klänge die kleine Jerusalemer Wohnung, und mein Opa, seine Augen voller Licht, schaute seinen Sohn an und sagte, "das, mein Sohn, was Du da hörst, ist die Matthäus Passion."

Und die alten Jekkes saßen alle da, und obwohl man sie nicht verdächtigen konnte, dem christlichen Glauben nachzuhängen, haben sie irgendwie gebetet.

Die Box soll noch irgendwo im Keller jenes Hauses an der King Georg Strasse stehen, die andere aber, die metaphorische, nahm mein Vater damals, packte die Sehnsucht, das Heimweh, die Deutsche Sprache (die er nicht spricht obwohl er jedes Wort, was ich sage, versteht) und die Kaffee-und-Kuchen Nachmittage, die Heinrich Heine Bänder, den Hut und das Gehstock meines Großvaters, legte sie behutsam zu den LPs von der Matthäus Passion, und klappte die Box zu. Er wusste vielleicht nicht, was er damit anfangen soll – er hatte vielleicht das Gefühl, die israelischen Sandalen und die Uniformen von den "Mezada" Pfadfindern die er stets trug, die so sehr von HIER waren und so wenig von DORT, könnten diese Box beschmutzen.

Aber jedes Mal, wenn die Jerusalemer Hitze wieder mal unerträglich wurde, wenn ein Schwarze Haiie uns bei der Schlange im Supermarkt wieder überholte, oder eben an jenen goldenen Freitagnachmittagen, lächelte mich mein Vater an und erzählte mir von dieser Box.

Für ein Kind wie mich hörte sich Deutschland wie ein Märchenland an. Ruhige, höfliche Menschen, die mit ihren Kindern ständig irgendwelche Konzerte besuchen, Bäckereien mit traumhaften Kuchen, und eine unvorstellbare Kultur, getragen in der kühlen Luft der Alpen. Vielleicht wollte er mich mit diesen Klischees trösten, mich vor einem harten Land und vor harten Menschen beschützen, ohne es zu merken aber pflanzte er in mir den Keim der Sehnsucht, des Heimwehs, jenes Heimweh das in meiner Familie stets von den göttlichen Klängen der Matthäus Passion begleitet wird. Diese Geschichten, diese Sehnsucht nach einem Land wo alles immer "in Ordnung" ist, lies meinen Vater als einziger wahrer Israeli da stehen, zwischen seinem Vater der seine Heimat nie vergas und seinem Sohn, mir, der sich nach einem Land sehnte das er nie kannte.

Liebe Grüße aus Jerusalem,

Euer Ofer

p.s. ich verspreche es Euch, über die Lesung von gestern zu schreiben, nun muss ich zum Dienst, die Kunst ruft…

Donnerstag, 11. November 2010

Israelisches Tagebuch 39

Liebe Freunde,

die Luft in Israel wird kühler, wenn ich nachts nach Jerusalem fahre muss ich mich sogar warm anziehen. In Deutschland duftet es jetzt schon langsam nach Zimt und gebranntem Zucker, hier schleicht sich ein Geruch eines ersten Regens – "Jore" heißt er hier – und an einigen Strassen stehen Orangenverkäufer mit den ersten Geschenken des Winters.

Gili und ich schweben in dieser winterlichen Luft, putzen unsere Wohnung, machen sie gemütlich und häuslich, weil – nun, weil wir ja bald Eltern werden. Schon jetzt springt mein Herz jedes Mal wenn das Handy mitten in einer Probe klingelt, wenn Gili etwas tiefer einatmet, wenn sie ihren Bauch hält, wenn sie nach mir ruft.

Darum geht es aber nicht in diesem Eintrag. Diesmal ist es was besonderes – da ich mal zur Abwechslung etwas von Euch hören möchte. Und zwar, weil das Goethe Institut Tel Aviv mich eingeladen hat, am 23.11 (Dienstag) über meinen Blog einen Vortrag zu halten. Ich freue mich und bin ein wenig nervös, zugegeben, ich habe ja als Hornist immer wieder Lampenfieber, was soll ich denn tun wenn ich mich nicht mehr hinter meinem Instrument verstecken kann? Jedenfalls, werde ich einige meiner Einträge dort vorlesen, und da es sich im Laufe des Jahres schon einiges an Material gesammelt hat, wollte ich Euch darum bitten, ein wenig Zeit zu nehmen, einiges durchzulesen und mir zu sagen welche Einträge Euch am besten gefallen. Ich bin für jede Reaktion dankbar – und freue mich auch natürlich zu hören, was Euch so gefällt - und was nicht.

Ich habe diesen Eintrag mit der Erwartung auf unser Kind eröffnet, weil es auch der Grund ist, weshalb ich so wenig schreibe. Ich befinde mich, sozusagen, in einer sehr schönen, aber nicht zuletzt nonverbalen Phase meines Lebens. Ich warte, halt.

Vielen Dank an alle, die mir eine Rückmeldung schicken werden, und danke auch an alle, die seit einem Jahr sich die Zeit nehmen, meine Gedanken und Texte zu lesen und somit mir weiterhin das Gefühl geben, ein Stückchen von mir lebt nach wie vor in Deutschland.

Als rieche es hier ein wenig nach Zimt...

Seid Alle lieb gegrüßt,

Euer Ofer

p.s. Die Rückmeldungen könnt Ihr als Kommentar hinterlassen, oder direkt an mich schreiben: oferwaldman@gmail.com

http://www.goethe.de/ins/il/tel/ges/de6748608v.htm

Montag, 25. Oktober 2010

Israelisches Tagebuch 38

Liebe Freunde,

ich beneide Euch. Vom tiefsten Herzen. "Wieder Ofer mit seinen tragischen Äußerungen", sagt Ihr. Aber nein, es geht hier nicht um Bier und Schnee, Wurst und TVK*. Es geht um viel mehr, es geht um Hoffnung, oder besser gesagt – um Hoffnungsträger.

Der heutige Beitrag fängt in einem kleinen Zimmer in Berlin-Kreuzberg an, vor ca. zehn Jahren. Kleines Öferchen, relativ frisch in Deutschland, saß bei seinem (inzwischen nicht mehr so) guten Freund T., und genoss ein wenig Alkohol und ein wenig andere Substanzen die dem Gesetz zwar fremd, dem berliner (oder eigentlich jedem) studentischen Dasein wohl vertraut sind. Es waren meine "jungfräulichen" Jahre in Deutschland, ich habe gerade angefangen Eure Sprache zu verstehen, und dieses Deutschland kennen zu lernen. Es hat sich damals auch ein Prozess der Desillusionierung in Gange gesetzt – wer meine Beiträge liest weiß, dass mein lieber Herr Papa mir so einiges über Europa und Deutschland erzählt hat, was ehr für die 30er passen würde (natürlich ohne die Bösen). Auf einmal sah ich mich mit der Realität konfrontiert, die Deutschen sind durchaus in der Lage, zu spät zu kommen, zu fluchen, mit offenem Mund zu kauen, und weitere solchen unvorstellbaren Scheußlichkeiten.

Zurück zu jener Kreuzberger Wohnung – während ich mich mit der damaligen Lebensabschnittsgefährtin (ich wollte dieses Wort immer schon schreiben) meines (wie gesagt, ebenfalls) damaligen guten Freundes unterhielt, öffnete sich die Tür, und eine Gestalt kam herein, die mich prompt zutiefst beeindruckt hat. Fades blondes Haar, rote Wangen, kleine, blaue wässrige Augen, eine Nase, die in der Regel mein Jahresgehalt kosten würde, und über allem, eine Art, lieber Gott, eine Art die allen im Zimmer sofort das verriet, was ich noch nicht mal ahnen konnte – dieser junge Mann wird mein Deutschlandbild retten, dieser junge Mann ist – tief atmen – ein Adliger.

WAS? Die gibt´s noch? Das muss wohl ein Scherz sein. Ich dachte aber…. Der Krieg…. Revolution…

Nein nein. Ich dachte falsch. Ich wollte es nicht glauben, also bat ich den jungen Herrn (meine Gesprächspartnerin musste mich davon abbringen, mich zu verbeugen) darum, mir seinen Personalausweis zu zeigen. Und da stand es (besser gesagt – da stand es nicht, da der Platz nicht ausreichend war) – ich kann mich heute nicht mehr an den ganzen wahren Namen erinnern, aber es war so was wie "Freiherr Baron Graf Prinz König Kaiser zu, von und über den Wolken". (es ist mir durchaus bewusst, ich zitiere hier Loriot. Mit höchster Achtung.)

Es sind viele Jahre seitdem vergangen, und ich habe mich inzwischen daran gewöhnt dass diese Relikte aus anderen Zeiten noch unter Euch leben, mit Namen so lang wie der Alexturm, adlig und schweigend, reich und, na ja, reich. Ich habe mich eine Zeit lang sogar mit dem Gedanken amüsiert, mich von so einem adoptieren zu lassen. Ich frage mich, ob es mir dann auch so erginge, wie jenem Freiherr Baron zu Guttenberg. Der lieber Freiherr bringt es ja auf den Punkt – einen geilen Namen muss man haben, kombiniert mit einem Schloss und einem Drachen in der Garage, und hopsala ist man ein Hoffnungsträger der gesamten Nation. "Ach, mon-chér", sagt von und zu zu seiner Gattin, die ebenfalls zu und von ist, "die letzten 90 Jahren waren ein Intermezzo, so wie beim letzten Konzert von Herrn Papa. Jetzt dürfen wir wohl wieder. Was denkst Du, soll ich Deiner Mutter zum Geburtstag Sachsen schenken?"

Wieso kann so was in Israel nicht funktionieren? Wieso kann ich, zum Beispiel, nicht "Ofer Frederik von der Galiläa, Herrscher über Israel, Bezwinger des Kamels" heißen? Damit würde ich es hier sicherlich zum Ministerpräsidenten bringen. Ach, Moment Mal – dafür müsste man hier aber auch die CSU einführen.

Vielleicht ein anderes Mal.

Bis dahin, seid mir alle lieb gegrüßt,

Euer

Ofer von und zum Orchestergraben



*Tarifvertrag der deutschen Kulturorchester

Dienstag, 19. Oktober 2010

Israelisches Tagebuch 37

Liebe Freunde,

ich schaffe es einfach nicht, einen durchgehenden, kohärenten Text zu verfassen. Meine Ideen überleben einen, zwei Sätze, um dann erschöpft sich auf den Punkt zu freuen. Aber ich kann doch nicht einfach einen Satz in die Welt schicken, dass käme einer Beleidigung gleich, was ich Euch aber um keinen Fall zumuten möchte.

Die andere Variante ist aber auch nicht allzu sonnig – nämlich das Schweigen. Ich bin Euch dankbar, dass Ihr Euch über meine langen Pausen nicht beschwert – es kann natürlich auch ein Zeichen dafür sein, dass Ihr wenig Interesse findet an dem, was ich schreibe. Diese Möglichkeit schließe ich natürlich kategorisch aus, und zwar – zugegeben – aus reiner Eitelkeit, jene Eitelkeit die jedem Hornisten bekannt ist, der davon ausgeht, die ganze Welt ist davon fasziniert dass er (oder sie) aus einem langen Rohr komische Töne produzieren kann. Na bravo.

Um dieses erwähnte Schweigen zu brechen, möchte ich Euch ein Paar solche Eindrücke des Alltags beschreiben, und zwar in kurzen Absätzen.

Schwangerschaftstraining

Gili hat es ernst gemeint – wir sollten hingehen, in das Tel Aviver Krankenhaus "Ichilow", um zu lernen wie das genau abläuft, also wie Kinder auf die Welt kommen. Ich erspare uns allen die Witze mit den Störchen, und doch kam ich mir vor wie auf einem National Geographic Set, als wir in das Trainingszimmer hineintraten. Laute Wale, und ich meine es lieb, der Naturschützer der ich bin, schwammen durch das Zimmer. Und genau wie bei National Geographic sind ihnen kleine Fische hinterher geschwommen, dünn und brüchig, vor allem aber bedingungslos ergeben. Ja Männer, wer meinen scharfsinnigen Humor nicht verstehen möchte, ich meine uns. Ihr kennt es alle aus Filmen, die Übungen mit dem Atmen, also erspare ich Euch die Einzelheiten. Die Lehrerin, eine nette Krankenschwester mit einem leichten russischen Akzent, fragte jedes Paar was sie erwarten. "Komisch", sagte sie, als es sich herausstellte dass die meisten im Zimmer ein kleines Mädchen erwarten (wir ja auch!), "heutzutage kommen mehr Jungs zur Welt."

Wie würdet Ihr als Deutsche auf diesen Satz reagieren? Wahrscheinlich würdet Ihr schon bei der Frage, was Ihr erwartet, stützen. Es ist ja in Deutschland unhöfflich so was zu fragen. Und überlegt Euch, wie ein Israeli auf diesen Satz reagieren würde? Ich zitiere das, was eine Mutter gesagt hat – und was wir alle dachten. "Na gut, wir brauchen ja Soldaten."

Mist, ich bekomme rote Augen.

Jahrestag

Es waren so viele Jahrestage in letzter Zeit, und ich habe sie alle unbeobachtet vorbeigehen lassen. Der 20 Wiedervereinigungstag (Gratuliere!) über den ich mich für Euch freue, und der erste Jahrestag meines Umzugs nach Deutschland. Ja liebe Freunde, es ist schon ein wenig mehr als ein Jahr her, seitdem ich nicht mehr allzu oft bei Euch weile (aber doch oft genug, muss man schon sagen). Einige meinen, ich sei versöhnlicher im Ton geworden, was meine Heimat angeht. Einige fragen, wann ich wieder komme. Erstaunlicherweise, kann ich dazu wenig sagen. Mein Blick ist jetzt fest auf die Geburt meiner Tochter gerichtet. Allein dieser Satz, "Die Geburt meiner Tochter", füllt meinen gesamten Horizont, und lässt wenig Platz übrig für Gedanken die mit "was wäre wenn…" anfangen. Der Bauch von Gili, so formuliere ich es, ist das Ausrufezeichen hinter dem Satz "wir leben in Israel!"


Begegnungen mit der Vergangenheit

Bei meinem vorletzten Deutschlandbesuch habe ich bei einer guten israelischen Freundin vorbei geschaut, die gerade eine Wohnung frischbezogen hat. Mit Stolz zeigte sie mir die saubere Küche, das große Wohnzimmer, und das Schlafzimmer, das einen komischen Winkel hatte. "Und hier", sagte sie, auf den Winkel zeigend, "könnte man sich ja einen Versteck einbauen, mit einem Doppelboden, so wie bei Anne Frank."

Ich gebe zu, der Gedanke war mir nicht fremd, so wie einigen anderen Israelis die in Deutschland wohnen. Es ist ein Instinkt, das Resultat jahrelanger Erziehung an israelischen Schulen, an denen man Geschichten über Geschichten hört, wie man sich in Deutschland verstecken musste. Es hat nichts damit zu tun, dass man denkt – es ist möglich, die Nazis kommen wieder. Meiner Meinung nach, ist Deutschland der letzte Ort an dem so was wieder passieren könnte. Und doch kann ich mich daran erinnern, als ich in meine Berliner Wohnung eingezogen bin und meine Nachbarn kennen gelernt habe, dass ich mich fragte – würden sie mich beschützen?

Und wenn wir schon mal beim Thema sind – meine Eltern habe mir ein Jahresabo für den "Spiegel" geschenkt. In der letzten Ausgabe stand ein Bericht über die neue Hitler-Ausstellung in Berlin. Ich zitiere: "Eine Kommode aus Hitlers Neuer Reichskanzlei wird schief aufgehängt, statt einfach auf den Boden gestellt; ein die "Volksgemeinschaft" im Krieg heroisierendes Ölgemälde wird schräg präsentiert."

Das wird es schon dem alten Nazi-Monster zeigen! Das nenne ich wahre Vergangenheitsbewältigung!

Sarrazin

Kennt Ihr den neuen Sarrazin Witz? Es gibt das jüdische Gen, auch wenn es sich manchmal versteckt. Es gibt aber auch einen versteckten deutschen Oberlippenbart.

Oh Gott, dieser Beitrag ist ja ganz schön düster geworden. Bitte entschuldigt mich – ich sitze den ganzen Tag und lese über Deutschland im Jahre 1945, was nicht gerade süße Gedanken hervorruft. Ich bemühe mich das nächste Mal!

Bis dahin, Alles Liebe,

Euer Ofer