Mittwoch, 8. April 2020

Galiläa Quarantäne Teil 2

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

ich habe in meinem Garten ein Modell gebaut, mit der Knesset, dem Ministerpräsidentenbüro, und Barrikaden, und frage mich, ob ich so der 1968-Typ bin, oder eher 1848, es ist ein Problem, wenn man nur deutsche Revolutionen als Vorbild hat, denn sie sind alle so kläglich gescheitert. Die Hütten, denen der Frieden gelten soll, sind von Palästinensern bevölkert, sodass meine dummen Mitjuden in Israel lieber den Palästen zujubeln, nach dem Motto, lieber Koscher gefickt (entschuldigt) als universell befriedigt.

Frohes Fest!

Dienstag, 17. März 2020

Galiläa Quarantäne Teil 1

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

meine Mutter schlägt vor, bunte Schutzmasken für die Kinder zu nähen. Sie ist vor zwei Jahren in Rente gegangen, unvorbereitet, womit sie schon Einiges an Erfahrung gesammelt hat, wie man mit unerwartet großen Zeitmengen umgeht. Ganz schön nützlich zurzeit. Jedenfalls schickte sie uns ein Bild einer bunten Schutzmaske, rosa mit kleinen Mickymaus-Figürchen. Ich weiß nicht, wie wir an die Maske kommen, seit heute gilt ein Shut Down, und Jerusalem, das für die meisten Israelis sowieso wie ein Stück Ausland im eigenen Land gilt, rückte damit in weitere Ferne. 

Sowieso, Shut Down, oder auf Hebräisch – Seger – ist ein Wort, das man eher mit dem Konflikt in Verbindung bringt. Dem Konflikt mit den Palästinenser*innen. Jedes Mal, wenn dieser eskaliert, ist die erste Reaktion des Militärs ein Seger. Seger bedeutet, dass alle Zugangsstraßen zu einem Ort versperrt sind, von müden Soldaten und genervten Polizisten. Ich frage mich, ob wir demnächst auch müde Soldaten und genervte Polizisten am Ortseingang haben werden. Ich stehe nicht so auf Rollenspiele, aber es sind nun mal keine normalen Zeiten, man muss halt Neues ausprobieren, um die Zeit totzuschlagen. Ich bin bereit, für einige Zeit die palästinensische Rolle zu übernehmen, wenn sie im Gegenzug den Gedanken genauso lang ertragen müssen, Netanyahu sei ihr Ministerpräsident. Ein Seger hat übrigens einige Untergattungen, wie zum Beispiel „Seger Noschem“, oder zu Deutsch „Atmender Seger“. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher, was das bedeutet – ich war Musiker in der Armee, habe also nie am Check Point in den besetzten Gebieten gestanden. Jedes Mal, wenn ich „Seger Noschem“ höre, stelle ich mir vor wie Ramallah oder Nablus wie eine riesige Brust aufschwellen und wieder absinken. Manchmal wird der Seger prophylaktisch angesetzt, zum Beispiel vor den jüdischen Feiertagen, an denen schon oft Anschläge verübt wurden. Es gehört schon fast zu der feierlichen Stimmung vor einem Fest, sagen wir Neujahr. Im Radio werden schöne Lieder aus den 1960ern gespielt, als Israel noch klein war und immer Recht hatte, der Moderator erzählt, dass der Staatspräsident seine Wünsche an das Volk Israels schickt, in Usbekistan entdeckte man ein jüdisches Dorf, das man anlässlich des Neujahrs komplett nach Israel geholt hat, und auf die besetzten Gebiete wurde ein Seger gelegt. Prosit Neujahr. 

Die bunte Maske meiner Mutter erinnerte mich übrigens an was vollkommen anderes, ich weiß nicht wie ich plötzlich zum Seger kam. Ich wollte schreiben, dass dekorierte Masken mich an den Winter 1991 erinnerten. Damals haben wir in der Schule die Kartonboxen dekoriert, in denen unsere Gasmasken, Atropin-Spritzen und Gas-sichere Trinkhalme verstaut waren. Irgendwann schloss die Schule für drei Monate, bis die Amerikaner und Sadam Houssein ihre Meinungsverschiedenheiten vorläufig beigelegt haben, und wir keine irakischen Raketen fürchten mussten. Aber das ist, wie gesagt, eine andere Geschichte, und man sollte mit seinen Ideen sparsam umgehen. Zeit haben wir ja genug.

Euer

Ofer

Samstag, 14. November 2015

Ein Aufruf zur nachdenklichen Trauer

Nach den Anschlägen in Paris:

Meine Trauer und Anteilnahme gelten meinen europäischen Freunden, in Paris und auch anderenorts: jetzt kommt die schwierigste Prüfung von allen, an der so viele schon gescheitert sind, nämlich jene der begriffenen, verinnerlichten Differenzierung.    

Euer Ofer

Freitag, 30. August 2013

Eine feige Bemerkung

Milan Kundera schrieb mal, Verrat sei so eine Sache die einzig beim ersten Mal weh tut, als ob sich etwas einspielen, einüben sollte, das Verratsmuskel. Hat sich dieses einmal geregt, so wird jedes Mal leichter, natürlicher, eine leichte Bewegung der Hand, ein Wink und ein kurzer Blick.

Was soll ich denn schon verraten können, woher der Pathos schon wieder, fragt Miriam aus Berlin in meinem Kopf, obwohl sie genauso besorgt ist wie ich, ich weiß es, ich spüre in meiner Nase den Leinengeruch der auf uns wartenden Bettdecken in Berlin Charlottenburg.

Es sammeln sich wieder Kriegswolken am Horizont, dieses Mal sollten sie giftig sein. Zwei Schlangen bieten sich an. Die eine, vor der Postfiliale wo die Gasmasken vergeben werden – der Internetversanddienst ist kollabiert an dem Tag, an dem Obama seine Lederjacke anzog -  stinkt nach Schweiß, stinkt nach Menschen auf die keine nach Leinen riechenden Bettwäsche in Berlin Charlottenburg warten. Sie stinkt nach eingeübter Angst, sie besteht aus Menschen die ihre Angst verrichten wie eine Hure den Liebesakt.

Meine alte polnische Klavierlehrerin lächelte mich neulich an, ihre Augen waren von einem Cognac-Samstag versüßt, und sagte  – Juden sollten ihren Kindern zwei Sachen vererben. Sprachen und Pässe.

Und so bevorzuge ich die andere Schlange, die die demnächst möglicherweise ruhig vor dem Büro von Lufthansa oder Austrian Airlines bilden wird, ich habe ja den passenden Dialekt für jede Gelegenheit. Verrat ist doch höflich, da macht man sich nichts vor. Man wiegt Giftgaskontingenten gegen einander ab und tauscht die israelische Sim-Karte gegen die deutsche ein, in einer leichten, eingeübten Handbewegung.


(Allen Puristen die mich jetzt beschimpfen sage ich – Ihr habt Recht. Was ist mein leichtes Zittern gegen das vorstellbare Leiden in Syrien, gegen das große Sterben. Ich versuche mich an diesem großen Sterben vorbei zu schleichen. Ich will nicht, dass es merkt, da läuft jemand mit zwei kleinen Mädchen, einer Frau und einem Hornkoffer vorbei. Wir lesen alle die gleichen Nachrichten und sehen die gleichen Bilder, nur bei mir droht demnächst das Blut aus dem Bildschirm auf die Tastatur überzulaufen. Also, verzeiht mir wenn ich denen, die Recht haben, sage – Ihr könnt mich mal. Danke.)

Dienstag, 26. Februar 2013

Ohne Titel


Heute hatten wir wieder ein Treffen der Lesegruppe – diesmal ging es um Heine. Oh, wie kultiviert, junge Israelis und junge Deutsche, umgeben von Büchern von Rosenzweig, Kafka, Buber, Scholem, Freud, Klemperer, Arendt, wie wunderbar, wir diskutieren die Symbolik des Rheins, Loreley und Rabbi von Bacharach, ist der Rhein bei Heine das Symbol des Todes fragt eine hübsche deutsche Doktorandin (Thema: irgendein drittklassiger deutsch-jüdischer Bühnenautor aus den 20gern) und schwingt eine schmale Hüfte über die andere, wie aufregend aufklärend, Deutsche und Juden reden wieder über Deutsche und Juden,  ist es Purim jetzt, fragt ein deutscher Theologie-Student aus Göttingen, sein Wissen über den Judentum angebend, nein, es sind Schüsse, erwidere ich und mache das Fenster zu, unser Campus liegt schlecht. 

Samstag, 19. Januar 2013

Israelisches Tagebuch 64


Liebe Freunde,

Donnerstagmorgen, fünf Tage vor dem Wahltag, bin ich leicht erkältet aufgewacht neben meiner sich im tiefsten Schlaf befindlichen Tochter. Klar, dachte ich, sie hat noch sechzehn Jahre bevor sie wählen muss, an ihrer Stelle hätte ich auch einen ruhigen Schlaf. Es ist wirklich nicht einfach zu erklären wie Ernst man die Wahlen hier in Israel sieht – oder, ehrlich gesagt, jede Wahlen. Auch die in 2009, oder 2006, oder 1977, oder 1949. Und täglich grüßt das Murmeltier, nur dass es bei uns immer der 9 November ist. Ob Ihr Merkel oder Steinbrück wählt, Rösle- oops – Brüde- oops – Lindner, Trittin oder Gysi – Ihr wisst dass Eure Demokratie weiter bestehen wird. Klar darf man sich nicht auf die Lorbeeren ausruhen, jedoch ist die größte Gefahr für das Projekt "Demokratisches Deutschland" eher die Langeweile (was nicht immer ungefährlich ist). Bei uns sind es ca. 50 Prozent der Parteien, bei denen bei der Wahl zwischen Gott, Boden, jüdischem Staat, Jerusalem, Schlag auf Iran und koscheren McDonalds Restaurants die Demokratie nicht mal über die bei uns herrschende zwei-Prozent Hürde kommen würde.

Ich bin abgelenkt, eigentlich wollte ich vom Donnerstagmorgen berichten. Ich musste früh raus da ich auf eine Beschneidung in Jerusalem eingeladen war. Im Auto hörte ich Wahlsendungen der verschiedenen Parteien, "starker Führer für ein starkes Israel", "Wir sind die echten Kämpfer – bei uns sind unter den ersten zehn Listenplätzen 9 Kampfsoldaten" und so weiter – habe ich schon 9 November gesagt? – und ein wenig Musik, bis ich das Haus in der Pionierstraße erreicht habe. Bei der Beschneidung handelte es sich um den Sohn eines engen Freundespaares. Die Frau ist mit mir zur Schule gegangen, sie saß blass auf einem Stuhl und kämpfte gegen den Drang hin- und wegzuschauen. Der Mann ist ein ehemaliger religiöser Siedler, er kehrte Gott seinen Rücken zu und führt ein säkulares Leben, jedoch seine gesamte Familie kommt aus Siedlungen im Westjordanland, und so standen um das betäubte Baby Kreise von bärtigen Männern in weißen Hemden, Gebete murmelnd, während der Mohel seine Arbeit verrichtete. Beschneidung ist ein furchtbares Wort. Bei uns heißt es Brit – Allianz, oder Bund. Die Brit ist ein Symbol für die Allianz zwischen Gott und den Juden, angefangen mit Abraham im alten Testament durch eine Kette abgeschnippelter Verfolgter, bis zu der murmelnden vibrierenden Runde am letzten Donnerstag um den Sohn meiner Freunde. Erst nachdem die Vorhaut entfernt wurde – ich habe nicht hingeschaut, ich bin eine Memme – darf man den Namen des Kindes laut rufen. "Amos," rief der Mohel, "Willkommen im Volke Israels." Alle im Saal nickten zustimmend, Amos ist der Name des Propheten der als einfacher Hirte für soziale Gerechtigkeit plädierte, eine Art jüdischer Sozialist.

Es ist schon erstaunlich, dachte ich mir während ich, Mazal Tov sagend, Menschen küsste und umarmte die in fünf Tagen Parteien wählen werden die ich als faschistisch bezeichne. Es sind Menschen, mit denen ich normalerweise schreiend auf Demonstrationen kommuniziere, und hier stehen wir mit Kaffee und Kuchen und plaudern höflich über das Wetter, der linke Verräter mit dem Apartheidbefürworter.

So ist das immer bei Juden, oder eigentlich vielleicht bei allen Menschen. Die gemeinsam erlittenen Verletzungen, die Jahrtausende Verfolgung durch Rabbi-Scheren, vor allem wenn die vor unsere Augen geführt wird, rückt uns näher zusammen. Es sind die Verletzungen anderer – auch wenn es sich hier ebenfalls um "Blut-Allianz" handelt – bei denen unsere Geister sich scheiden.

Ich wünsche Euch allen ein friedliches Wochenende,

Euer Ofer

p.s. es würde mich freuen, wie immer, wenn Ihr diese Worte – falls sie Euch gefallen haben - weiterverbreiten werdet.


Dienstag, 15. Januar 2013

Israelisches Tagebuch 63 - die Wahlen kommen!


Ein Wegweiser der israelischen Politik

Liebe Freunde,

Es ist keine leichte Aufgabe, ausländische Leserschaft über die politischen Verhältnisse in Israel aufzuklären, zwei Wochen vor den Wahlen. Man könnte sagen – es ist nie einfach, einem Außenstehenden klar zu machen wer gegen wen ist, ob in den USA, Griechenland oder Niedersachsen. Jedoch stellt die israelische Politik eine besonders flüssige Version des Demokratiebegriffs dar, dessen Beschreibung den Autoren zum Zurückgreifen auf ungewöhnliche Hilfsmittel zwingt. So entstand die Idee, ein ABC der israelischen Politik aufzuschreiben. Jedoch wirkt sich, wie gleich zu merken sein wird, die paradigmatische Realitätsverzerrung der hiesigen Politik sogar überraschend auf ein solch einfach scheinendes Unternehmen aus.

A: Alternativlosigkeit, zum Beispiel. Der häufigste Satz den ich in meiner europäisch-westlich orientierten Umgebung höre ist – "ich weiß nicht wen ich wählen soll". Dabei hat der israelische Wähler, der sich gerne der "einzigen Demokratie im Nahem Osten" rühmt, mehr als genügend Möglichkeiten – 32 Parteien sind für die bevorstehenden Wahlen zugelassen. Auch in Deutschland gibt es ein Paar unverbesserliche, die es jedes Mal erneut versuchen; dort müssen sie allerdings über eine fünf-prozent Hürde springen. Bei uns genügen ca. 70,000 Stimmen – knapp unter einer ausverkauften Allianz Arena – und man ist in der Knesset, wie unser 120 Mann- und Frau starkes Parlament heißt. Das führt zu einer Zersplitterung der Parteienlandschaft, und die großen Parteien zerbröseln in ihre Einzelteile. So müssten bei uns, um mal den Vergleich mit Deutschland weiter zu ziehen, Andrea Nahles und Peer Steinbrück niemals in einer Partei sitzen, Brüderle wäre gegen Rainer, Philip gegen Rösler, und zwischen Angela Merkel und Roland Koch lägen mindestens fünf Parteien mit verschiedenen Kombinationen der Worte "Deutsch", "Frei", "Union", "Bund", "Christ", und – natürlich – "Vereint". Man könnte also meinen, bei solch einem reichen Parteienspektrum käme jeder auf seinen Geschmack. Jedoch steht schon der Ausgang der Wahlen fest – egal ob "Das jüdische Haus" mehr Stimmen als "Israel ist unser Zuhause" bekäme, "Die Bewegung" mehr als "Die Arbeit" – der nächste Ministerpräsident Israelis wird Benjamin Netanjahu, von allen als "Bibi" bekannt, heißen. Keiner gefährdet seinen Stuhl, er ragt aus dem Parteienmeer heraus als der einzige der die ganze angeblich gegen uns gerichtete Welt aufhalten kann. Die anderen Parteien kämpfen eigentlich nur darum, wer welchen Ministerposten in seinem Kabinett bekommt.

Das führt zum nächsten Wort in "A" – Apathie. Alle wissen, dass es bei den nächsten Wahlen eigentlich um kritische Themen geht - um die Identität Israels als ein demokratischer, menschrechtsachtender Staat, um eine Auslegung des Judentums die die Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts nicht vergisst. Man muss wählen gehen, ansonsten gewinnen die, die den Boden mehr achten als den Menschen der auf ihm geht. Man fühlt sich aber machtlos, gelähmt. Hier sitze ich und schreibe diese Zeilen auf Deutsch, statt auf die Straßen zu gehen und die Bilder derer herunterzureißen, die sich und meinen Staat in einem religiösen Gewaltrausch dem Himmel näher bringen wollen. Bilder auf denen immer ein Davidstern zu sehen ist, und ein Soldat, und irgendein gottverlassener Hügel im "heiligen" Westjordanland, auf einer Art die die Geschichte meines Volkes und meines Landes auf pornographischer Weise missbraucht. Und von diesen Bildern herab lächeln uns die sogenannten Nationalisten an weil sie wissen um die süße, unwiderstehliche Verführungskraft ihrer selbstherrlichen Nationalismusparolen, die die müden, komplizierten Argumente für Demokratie, Kompromiss und Pluralismus mit einem Schwenk der Nationalfahne zur Seite wischen.

Und so wird Israel wahrscheinlich auch nach den nächsten Wahlen die Siedlungen ausbauen, die Uno-Resolutionen missachten, und die Zweistaatenlösung endgültig unmöglich machen. Jedoch wird hier ein weiteres "A" kommen, die Bezeichnung eines Staatssystems, die langsam - wenn auch nur flüsternd - in den politischen Diskurs eindringt. Denn es leben mit uns auf diesem Fleck Erde Millionen von Palästinensern, rechtlos, staatenlos, fast ohne Stimme bei diesem Wahlkampf. Wenn wir aber bald keine Lösung finden, die einen unabhängigen Staat Palästina an unserer Seite als Ziel hat, müssten wir sie – nach der bestehenden Logik - weiter besetzen, kontrollieren, segregieren, diskriminieren müssen, wie in Südafrika des letzten Jahrhunderts.

Wie schon erahnt und vorausgesagt, erwies sich der Versuch das Wahlen-ABC aufzuschreiben als äußerst schwierig, und kann hier nur unvollständig abgeschlossen werden. Denn wie sollte man dieses ABC weiterführen, wenn das einzige Wort das einem  unter "B" einfällt "Bibi" lautet?

Seid alle lieb gegrüßt,

Euer Ofer