Freitag, 28. Januar 2011

Israelisches Tagebuch 43

Im vierten Stock des "Tacheles" Kunstzentrums in Berlin sitze ich einem jungen Mahler gegenüber. Die Luft ist kühl, man könnte sogar sagen – die Luft ist kalt, ich schaue über dem Kopf des in seiner Kunst versinkenden Mahlers und blicke durch das schmutzige Fenster hinaus. Draußen ist Berlin, grau und unfreundlich, ich sehe nur die Dachrillen des Hauses gegenüber, dunkle, verschwommene Flecken die ich als Raben interpretiere werfen unklare Schatten auf die beschlagene Fensterscheibe.

Der Mahler hebt seinen Kopf, schaut mich mit einem eindringlichen Blick an, und sagt ein kleines, vom russischen Akzent umgebendes "So".

Er dreht das Blatt um, ein schwermutiger Mann blickt mir entgegen, mit roten und schwarzen Farben, und ich erinnere mich daran dass Malerei die wahrhaftigere Kunst ist, zumindest wenn sie mit der Fotographie verglichen wird, sowie die "Klio" von Picasso, die Muse der Geschichte, die in den Spiegel blickend die dunklen Ströme ihrer inneren Gefühlswelt sieht.

Der ernsthafte Blick meines eigenen Bildes begleitet mich den ganzen Tag, die tiefen roten Falten in der Stirn und der schwarze, von dem Mahler erahnte Schatten zwischen Unterlippe und Kinn. Ich bin erkältet und Berlin ist diesmal nicht sehr freundlich zu mir, ich suche nach Büchern für die Uni und werde nicht mal bei Dussmann fündig, "Sie können sie bestellen, aber wir liefern nicht nach Israel," sagt die junge, schwarz gekleidete Dame beim Infoschalter, und ich erahne die auf mich zukommende, nie ausgesprochene und dafür umso heftigere Enttäuschung meiner Doktormutter. Statt Freunde zu sehen muss ich mich im Bett verkriechen und den Schneeflocken zusehen, und wenn mein Fieber sich endlich leicht senkt befinde ich mich wieder auf dem Weg gen Süden, nach Nürnberg.

Lieber Georg aus Tel Aviv verzieht sein Gesicht und spuckt den Namen "Nürnberg" aus als ob allein das Aussprechen dieses Wortes mit heftigen Schmerzen verbunden ist. "Aber wieso ausgerechnet Nürnberg", fragt er, und seine Stimme zerbricht in einer Mischung aus Entsetzen und Flehen. Wieso Nürnberg?

Nun, ich habe im Laufe dieses Tagebuchs schon Einmal ein Lobeslied zu Ehren der fränkischen Hauptstadt geschrieben, also bitte ich hiermit um Verzeihung dass ich es nicht erneut mache. In allen Städten, in denen ich gelebt habe, habe ich versucht ein in den Steinen festgeschriebenes Geheimnis zu entdecken, eine Urwahrheit, ob in Jerusalem, Berlin oder New York. Wer aber ständig nach versteinerten Botschaften schaut, der übersieht die Menschen, überhört sie, und verdonnert sich selber zu einer Isolierung die zwar poetisch wunderschön zu beschreiben ist, gleichzeitig aber eine nicht poetische Einsamkeit erzeugt.

Und Nürnberg?

In Nürnberg suche ich nicht nach Steinen. Ich will gar nicht wissen welche Stimmen sich in den Sandsteinen der Altstadt verfangen sind, ich bin nicht nach Nürnberg gezogen, die Menschen missachtend, um die gebrochenen Überreste von Fragen und Antworten die ich aus Israel mitgenommen habe wieder in Ordnung zu bringen. Diese Stadt, gerade eben weil sie für mich vom Anfang an keinerlei Bedeutung hatte, war der erste Ort wo ich, von meinen blöden Überinterpretationen des "so soll ein Mensch sein" Bildes entkleidet, einfach SEIN konnte. Und auf dieser Ebene habe ich Menschen entdeckt, Freundschaften, die fürs Leben sind. Ich bin immer überrascht wenn ich nach Nürnberg fliege, mit welcher Wärme ich von meinem (ich darf doch so schreiben, oder?) Orchester, den Nürnberger Philharmonikern, empfangen werde, obwohl sie und ich wissen dass es genügend (und bessere) Hornisten in Deutschland leben die bei denen liebend gerne spielen würden. Und doch werde ich von allen Kollegen umarmt, vom GMD bis zu den Orchesterbüroangestellten, von der Horngruppe (samt Familien) ganz zu schweigen. Und wenn ich nach einer Probe in meine alte WG fahre, so ist es als ob die Zeit stillsteht, die Tür geht auf und aus der Küche riecht man das feine Kochen des adligsten Kochs Deutschlands, und ich werde von meinen einstigen Mitbewohnern umarmt, wie eine Familie, wie ein Hafen.

Deswegen Nürnberg.

Neun Tage war ich also in Deutschland, eine Woche davon saß ich zitternd unter einer Decke. Gestern stopfte ich die ganzen Pullis zurück in meinen Koffer, zusammen mit Unmengen von Lebkuchen, und bin zurück nachhause, zu Gili und Ori geflogen.

Und jetzt ist es Freitagabend, gleich fahren wir nach Jerusalem um die Schabbat im Kreise meiner Familie zu empfangen, Gili ist mit einer Freundin Kaffe trinken gegangen, und ich schreibe Euch mit einer Hand, da die andere den Kopf meiner schlafenden Tochter Ori stützt. Sie schaut mich mit großen, grauen Augen an, ihr rebellisches Haar umgibt ihren Kopf wie ein Heiligenschein, und ihre kleinen Hände rudern durch die Luft. Ich sage ihr, ich habe sie vermisst. Es war nicht die Sehnsucht die ich aus anderen Zeiten kannte, als Gili und ich tausende Kilometern voneinander getrennt waren, jene süße, aufregende Sehnsucht, die man immer wieder spürt und doch ist sie immer wieder wie zum ersten Mal da, überraschend und süßschmerzlich. Nein, dieses Mal tat mir meine Seele Weh, so weit weg von Ori zu sein, von diesen kleinen Händen und fragendem Blick. Ich habe sie gestern den ganzen Abend umarmt und ihr ihr Lieblingslied gesungen, "ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" von Marlene Dietrich, aber tief im Herzen sagte ich mir – ich weiß ganz gewiss, zu wem ich gehöre.

Seid Alle lieb aus Tel Aviv gegrüßt,

Euer Ofer

Montag, 3. Januar 2011

Israelisches Tagebuch 42

Liebe Freunde,

es ist spät geworden, ich wollte um diese Zeit schon längst im Bett sein, aber in einem Haus in dem ein kleines Baby wohnt gibt es immer was zu tun, was aufzuräumen, zu erledigen, und dazu kommen noch die Berge von Büchern die meine Universitätsprofessoren mir freundlicherweise zum Stopfen meiner nicht vorhandenen Zeitlöcher gegeben haben.

Wieso schreibe ich aber nicht? Wieso benutze ich nicht dieses wunderbare Medium, das an Euch geschriebene Wort, um die mich begebenden Zaubermomente festzuhalten? Davon gibt es nämlich mehr, als man zählen kann. Zum Beispiel letzte Nacht, als ich Gili gesagt habe, Ori wird sowieso bald vom Hunger aufwachen, also soll sie noch ein Weilchen auf meiner Brust schlafen ohne dass wir einen Umstand machen sie ins Bettchen zu bringen. Vier Stunden später bin ich aber selber aufgewacht, senkte meinen Blick, und schaute meine Tochter an, wie sie glücklich schlafend auf mir lag, die Arme rechts und links gestreckt. Oh Glück, oh Freude.

Ich weiß es nicht, ich finde keinen Grund dafür, weshalb ich davor scheue, über Ori zu schreiben. Vielleicht weil dies ein Blog über Israel ist, über Schwierigkeiten und Konflikte, über Ungewissheit und getrübte Zukunft. Ich gestehe – ich habe eine Art Gefühl einer Verpflichtung diesem Blog gegenüber entwickelt, eine gewisse Verantwortung. Nicht nur weil Ihr, meine Freunde, ihn liest – sondern weil andere sich dadurch ein anderes Bild von Israel machen, von Israelis. Weil er vielleicht eines Tages als stiller Beweis dienen wird, Beweis von vernünftig denkenden Menschen, von einer versuchten, in diesem Land selten gewordenen moralischen Haltung Menschen gegenüber. Aber kann ich die Grenzen der von mir gespürten Verantwortung so klar ziehen? Sind sie nicht viel weiter ausgedehnt worden seitdem ich Ori habe?

M. aus Berlin sagte, wenn ein Mensch ein Kind habe, werde seine Präsenz auf der Erde breiter. Ich verstehe jetzt was sie damit gemeint hat. Dieses Gefühl bringt mit sich aber das einfache und klare Verständnis – das Verständnis jenes Unterschieds zwischen 99 Prozent und 100 Prozent Verantwortung.

Und was passiert wenn die eine Verantwortung auf die andere trifft? Wenn die klagende, böses-ahnende die aus meinen Texten hervorgeht sich der anderen, der intimeren und sofortigeren gegenübersteht?

Ihr entschuldigt mich, Ori macht gerade Geräusche und wird gleich wach, und ich will Gili noch ein wenig schlafen lassen.

Seid umarmt,

Euer Ofer

p.s. (ein wenig später) Ori schläft jetzt, und ich böser Jude habe es fast vergessen - Frohes Neues Jahr Euch Allen, Alles Liebe und Gute für 2011, mögen wir uns in diesem neuen Jahr uns öfter sehen!

Freitag, 24. Dezember 2010

Israelisches Tagebuch 41

Liebe Freunde,

Glücklich– und Müde. Das sind die zwei Adjektive, mit denen man mein Leben zurzeit beschreiben kann. Die kleine meinem Leben gebende Sonne scheint aus dem Lächeln meiner Tochter, und rechtfertigt den Namen den wir ihr gegeben haben – Ori (auf Deutsch Orri, also mit einem kurzen "O"). Er bedeutet soviel wie "mein Licht" oder das Imperativ "Scheine!", was sie auch fleißig tut.

Die Geburt, die Krankenhausaufenthalt, die Rückkehr nachhause – das alles war noch so märchenhaft, so unglaublich. Der Moment, in dem den durch die wie ein Tag fliegende Woche in mir akkumulierten Gefühlsstau sich löste ereignete sich ein Paar Stunden nachdem wir endlich zuhause waren. Ich nahm Ori in meine Armen, legte eine CD von Emma Kirkby in die Anlage, und schaute wie die Augen meiner Tochter sich wundernd öffneten. Es können mir tausend Ärzte sagen dass Babys in dem Alter nicht in der Lage sind dieses oder jenes Wahrzunehmen – ich kann aber mit Sicherheit sagen, die bezauberten Töne des "Laudate Dominum" von Mozart streichelten ihre Seele, mit einer nur der Seele des geborenen Kindes ausweichende Reinheit. Ich schaute meine Tochter an, und habe geweint.

Liebe Freunde, ich werde Euch über Windeln, Schlaflose Nächte und solches später berichten. Jetzt aber will ich Euch, da die meisten von Euch einen Geburtstag eines anderen im Großraum Bethlehem geborenen Kindes feiert, ein frohes Fest wünschen, schöne Stunden mit Euren Familien und Freunden, und wenn Ihr heute ein Glas Glühwein trinkt – denkt an uns, an kleine Ori, und an ihre sie liebenden Eltern.

Frohe Weihnachten aus Israel,

Euer Ofer

Freitag, 26. November 2010

Israelisches Tagebuch 40

Liebe Freunde,

ein israelischer Sänger schlägt dumpfe Töne aus seiner Gitarre und ruft mit rauer Stimme nach Regen, es ist ein Lied aus den 90gern, aber immer wieder aktuell, "vielleicht hilft es," sagt die Nachrichtensprecherin im Radio, und meine Hand schwebt über den Klimaanlageknopf im Auto, um sich dann doch für das offene Fenster zu entscheiden. Es ist Ende November, eine angenehmen warme Luft streichelt mein Gesicht, ich fahre wieder durch die besetzten Gebiete zur Uni, hier gibt es ja keinen Stau, wie soll es einen geben, seitdem die Araber hier durchfahren dürfen haben die meisten Israelis Angst vor dieser Strasse.

"Wegen der Regenknappheit ruft das Hauptrabinneramt in Jerusalem zum allgemeinen Fasten am Montag auf," berichtet die Radiodame weiter, ich warte vor dem Checkposten, es kommt ein kurzer Moment der Panik weil einer der Autofahrer, den ich durch seinen Rückspiegel als einen älteren Nationalreligiösen Herrn identifizieren kann, wollte dem Soldaten in der Wachhütte einen Schokoriegel zuwerfen. Der arme Junge dachte, es sei eine Handgranate, und warf sich schreiend zum Boden.

Regen, gib uns Regen, schreit der Sänger weiter, 18 israelische Bauern sind mit einem Heißluftballon über ihre Felder geflogen und tanzten den berühmten Regentanz von "Honi Ha´maagel", ein alter heiliger der vor vielen Jahren Gott herausgefordert, um sich einen Kreis gemalt und gesagt hatte – bis es regnet, gehe ich nicht mehr aus dem Kreis heraus. "Der Korb von dem Ballon ist quadratisch, und Honis Kreis war ja rund – uns ist also zumindest die Quadratur des Kreises gelungen", knistert das Lachen eines Bauers mit einer Stimme, die so trocken wirkt wie sein Land.

Jetzt spricht ein Professor und sagt, seit Beginn der Wetteraufzeichnung vor 83 Jahren ist nie so wenig Wasser während des Monats November in den See Genezareth geflossen. Und ich denke mir – wer ist 1927 auf die Idee gekommen, das Wetter aufzuzeichnen, gab es damals nichts besseres zu tun, und wer weiß wie viel Wasser damals bei Honi geflossen ist, und ob es für ihn überhaupt von Bedeutung wäre, er hat sich wahrscheinlich einfach gern in seinem Kreis gedreht, und sowieso – ohne diese Aufzeichnung hätten wir ja eine schlechte Nachricht weniger.

Schabat Schalom aus Tel Aviv,

Euer Ofer

Mittwoch, 24. November 2010

Israelisches Tagebuch - Sondereintrag

"Erbe"

(Dieser Eintrag wurde in Zusammenhang mit der "Begegnungen" Reihe beim Goethe Institut in Tel Aviv geschrieben. Für Die Einladung, bei dieser Reihe mich und mein Tagebuch vorstellen zu dürfen, und vor allem für das Gefühl dass ich von Yael Goldmann und Dr. Georg Blochmann bekommen habe, für einen Tag mich wie ein echter Schriftsteller fühlen zu dürfen – samt Kordjacke – bin ich den beiden zutiefst dankbar.)

Es bleibt am Ende eine Frage, die mir des Öfteren gestellt wird, wenn ich über mein langes Aufenthalt in Deutschland erzähle, über meine Zuneigung gegenüber diesem Land, seinen Leuten, seiner Kultur – und seiner Sprache. Die Frage wäre gültig auch wenn es um, sagen wir, Namibia gehen würde, oder Island. Sie hat aber natürlich viel mehr Brisanz eben weil es sich um Deutschland handelt. Es gibt einen jüdischen Satz, der oft in Bezug auf Deutschland verwendet wird – nicht von seinem Honig, nicht von seinem Stachel. Der Stachel ist als Jude nicht vermeidbar. Der Honig aber, auf den wollte ich auch nicht verzichten. Also stelle ich mich der deutsch-israelischen Geschichte, mit all ihren Facetten. Und um auf die Frage zurückzukommen – wieso, also wieso Deutschland, bedarf die Antwort eine kurze Geschichte. Na gut, vielleicht doch nicht so eine kurze.

Diese Geschichte wurde immer zu Anlässen besonderer Nähe ausgepackt, wie zum Beispiel am Freitagnachmittag in der Jerusalemer Wohnung meiner Eltern, kurz vor der heiligen Schlafstunde. Sie wurde immer nur mir erzählt, dem musikalischen Nesthäkchen, vielleicht als Beweis für die (tief verborgene) musikalische Begabung unserer Familie. Da sie mir in mehreren Varianten erzählt wurde, je nach Lust und Laune, und da Ihr bedenken müsst – sie wurde von meinem Vater vor vielen Jahren erlebt, und von ihm dann an mich weitergegeben, und ich gebe sie jetzt weiter an Euch – also bekommt Ihr sie quasi über dritte Hand – könnt Ihr nicht allerernstes erwarten, sie würde eins-zu-eins zu den tatsächlichen Ereignissen passen, die ihr zum Grunde liegen. Sie ist also nicht frei von den Früchten der (lebhaften) Vorstellungskraft zweier Waldman-Generationen. Die Geschichte dieses Tagebuchs beweist aber, Ihr nehmt es mir nicht allzu übel.

Und jetzt, genug drum herum geredet – und zurück zur Geschichte.

Es war, so erzählt es mein Vater, am Anfang der 50gern. Die Waldman Familie lebte in einer Wohnung in der King George Strasse (Liebevoll genannt "Rechov hamelech King George Strasse", wobei "Rehov" Straße bedeutet, "Hamelech" – der König), unweit des vorläufigen Sitzes des israelischen Parlaments, der Knesset. Meine Großeltern stammten beide aus Wien (sie wurden in Wien aufgezogen. Geboren wurden sie ein wenig östlicher, darüber redet aber keiner, da "östlicher" in der damaligen Nachbarschaft von Rehavia zwangsläufig "niedriger" bedeutete), und so hat sich um sie ein kleiner Kreis bunter Typen versammelt mit Namen, die ich immer wieder von meinem Vater und meinen Tanten höre, wie der verrückte Tryphus, Tante Klara mit den obligatorischen drei Dackeln, und andere "Jekkes" ("Jekke" ist eine allgemeine Bezeichnung für deutschstämmige Juden, die Pünktlichkeit, Ordnungswahn, und eine gewisse – meiner Meinung nach natürlich gut begründete – kulturelle Arroganz bedeutet), deren durstigen Seele bei jedem deutschen Satz, aufgeweicht durch den Wiener Dialekt meiner Großeltern, dankbar aufging.

Eines Tages kam mein Großvater zurück nachhause, umgeben von einer Luft voller Feierlichkeit, in seiner Hand, mit braunem Papier umwickelt, eine große Pappkartonbox. Er balancierte die Box vorsichtig auf einer Hand während die andere seinen Hut abnahm, und ging in das Wohnzimmer. Meine Oma, mit ihrem scharfen Sinn für besondere Momente, eilte zu meinem Großvater, streckte ihren Kopf ihm entgegen um seinem aufgeregten Flüstern besser zuhören zu können, und nach einigen Sätzen von denen mein Vater nur einige "wooooos" und "jau mei….." verstanden hat, verschwand sie in ihrem Schlafzimmer, um fünf Minuten später heraus zu kommen mit ihrem besten, prächtigen Schabbat-Kleid angezogen und mit dem knappen Satz: "I bin mol weg."

Mein Opa setzte sich derweilen aufs Sofa im Wohnzimmer, seine Augen auf die Box fixiert, in seinen Gedanken verloren. Mein Vater benutzte die Gelegenheit um die Box etwas näher zu betrachten. Er musste nicht lange suchen bevor er das fand, wonach er gesucht hat – die Briefmarken, die meinen Papa damals brennend interessiert hatten. Komisch sahen sie aus, offensichtlich ausländisch, aber bevor mein junger Erzeuger seinem diebischen Plan nachgehen konnte hörte er die Wohnungstür sich öffnend, und gerade schnell genug war er um sich zurückzuziehen und der Kolonne Knutchen-Gebender Freunde seiner Eltern zu entkommen.

Natürlich hatte er die Szene weiter aus einer sicheren Distanz beobachtet, und zu seinem großen Verblüffen machte sich meine Oma erstmals an die Fenster, schließ sie und lies auch die Jalousien runter, um sich dann majestätisch zu ihrem Gatten zu setzten. Er, also der Gatte, also – mein Großvater, Meir Waldman, ein Wiener Rechtsanwalt und Zionist, wartete bis die Gesellschaft sich beruhigt hat. Alle waren sie da – der Tryphus, Tante Klara, der Onkel vom Erdgeschoss (über den meine Oma immer lässig sagte- Mog I net, Kenn I net, will I net.) und noch ein Paar, die mein Vater nicht kannte.

Mein Opa streifte die Box, einmal links, einmal rechts, und begann sie langsam zu öffnen. Bei jedem Reisgeräusch dachte mein Vater, sein Herz platzt gleich, da die Briefmarken beschädigt werden könnten. Aber als er den Gesichtausdruck meines Opas merkte, verging ihm dieser Gedanke. Was war da, auf dem Gesicht des alten Meir, das mein Vater auch heute, mehr als fünfzig Jahre später, immer noch ohne Worte lässt, aber voller Bewunderung? War das Sehnsucht? Heimweh?

Langsam ging die Box auf, alle hielten ihren Atem an, und mein Vater, der schon damals nicht so gut seinen Atem anhalten konnte, eilte um über die Schulter seines Vaters zu schauen. In der Box, nebeneinander stehend, waren längliche, schwarze Hüllen. Mein Opa nahm eine heraus, gab sie meiner Oma, die sich ans Grammofon machte. Aus der Hülle nahm sie eine LP heraus, legte sie auf die Drehscheibe, und setzte die Nadel darauf. Bald füllten merkwürdige, zauberhafte Klänge die kleine Jerusalemer Wohnung, und mein Opa, seine Augen voller Licht, schaute seinen Sohn an und sagte, "das, mein Sohn, was Du da hörst, ist die Matthäus Passion."

Und die alten Jekkes saßen alle da, und obwohl man sie nicht verdächtigen konnte, dem christlichen Glauben nachzuhängen, haben sie irgendwie gebetet.

Die Box soll noch irgendwo im Keller jenes Hauses an der King Georg Strasse stehen, die andere aber, die metaphorische, nahm mein Vater damals, packte die Sehnsucht, das Heimweh, die Deutsche Sprache (die er nicht spricht obwohl er jedes Wort, was ich sage, versteht) und die Kaffee-und-Kuchen Nachmittage, die Heinrich Heine Bänder, den Hut und das Gehstock meines Großvaters, legte sie behutsam zu den LPs von der Matthäus Passion, und klappte die Box zu. Er wusste vielleicht nicht, was er damit anfangen soll – er hatte vielleicht das Gefühl, die israelischen Sandalen und die Uniformen von den "Mezada" Pfadfindern die er stets trug, die so sehr von HIER waren und so wenig von DORT, könnten diese Box beschmutzen.

Aber jedes Mal, wenn die Jerusalemer Hitze wieder mal unerträglich wurde, wenn ein Schwarze Haiie uns bei der Schlange im Supermarkt wieder überholte, oder eben an jenen goldenen Freitagnachmittagen, lächelte mich mein Vater an und erzählte mir von dieser Box.

Für ein Kind wie mich hörte sich Deutschland wie ein Märchenland an. Ruhige, höfliche Menschen, die mit ihren Kindern ständig irgendwelche Konzerte besuchen, Bäckereien mit traumhaften Kuchen, und eine unvorstellbare Kultur, getragen in der kühlen Luft der Alpen. Vielleicht wollte er mich mit diesen Klischees trösten, mich vor einem harten Land und vor harten Menschen beschützen, ohne es zu merken aber pflanzte er in mir den Keim der Sehnsucht, des Heimwehs, jenes Heimweh das in meiner Familie stets von den göttlichen Klängen der Matthäus Passion begleitet wird. Diese Geschichten, diese Sehnsucht nach einem Land wo alles immer "in Ordnung" ist, lies meinen Vater als einziger wahrer Israeli da stehen, zwischen seinem Vater der seine Heimat nie vergas und seinem Sohn, mir, der sich nach einem Land sehnte das er nie kannte.

Liebe Grüße aus Jerusalem,

Euer Ofer

p.s. ich verspreche es Euch, über die Lesung von gestern zu schreiben, nun muss ich zum Dienst, die Kunst ruft…

Donnerstag, 11. November 2010

Israelisches Tagebuch 39

Liebe Freunde,

die Luft in Israel wird kühler, wenn ich nachts nach Jerusalem fahre muss ich mich sogar warm anziehen. In Deutschland duftet es jetzt schon langsam nach Zimt und gebranntem Zucker, hier schleicht sich ein Geruch eines ersten Regens – "Jore" heißt er hier – und an einigen Strassen stehen Orangenverkäufer mit den ersten Geschenken des Winters.

Gili und ich schweben in dieser winterlichen Luft, putzen unsere Wohnung, machen sie gemütlich und häuslich, weil – nun, weil wir ja bald Eltern werden. Schon jetzt springt mein Herz jedes Mal wenn das Handy mitten in einer Probe klingelt, wenn Gili etwas tiefer einatmet, wenn sie ihren Bauch hält, wenn sie nach mir ruft.

Darum geht es aber nicht in diesem Eintrag. Diesmal ist es was besonderes – da ich mal zur Abwechslung etwas von Euch hören möchte. Und zwar, weil das Goethe Institut Tel Aviv mich eingeladen hat, am 23.11 (Dienstag) über meinen Blog einen Vortrag zu halten. Ich freue mich und bin ein wenig nervös, zugegeben, ich habe ja als Hornist immer wieder Lampenfieber, was soll ich denn tun wenn ich mich nicht mehr hinter meinem Instrument verstecken kann? Jedenfalls, werde ich einige meiner Einträge dort vorlesen, und da es sich im Laufe des Jahres schon einiges an Material gesammelt hat, wollte ich Euch darum bitten, ein wenig Zeit zu nehmen, einiges durchzulesen und mir zu sagen welche Einträge Euch am besten gefallen. Ich bin für jede Reaktion dankbar – und freue mich auch natürlich zu hören, was Euch so gefällt - und was nicht.

Ich habe diesen Eintrag mit der Erwartung auf unser Kind eröffnet, weil es auch der Grund ist, weshalb ich so wenig schreibe. Ich befinde mich, sozusagen, in einer sehr schönen, aber nicht zuletzt nonverbalen Phase meines Lebens. Ich warte, halt.

Vielen Dank an alle, die mir eine Rückmeldung schicken werden, und danke auch an alle, die seit einem Jahr sich die Zeit nehmen, meine Gedanken und Texte zu lesen und somit mir weiterhin das Gefühl geben, ein Stückchen von mir lebt nach wie vor in Deutschland.

Als rieche es hier ein wenig nach Zimt...

Seid Alle lieb gegrüßt,

Euer Ofer

p.s. Die Rückmeldungen könnt Ihr als Kommentar hinterlassen, oder direkt an mich schreiben: oferwaldman@gmail.com

http://www.goethe.de/ins/il/tel/ges/de6748608v.htm