Samstag, 12. Februar 2011

Israelisches Tagebuch 45

Eine kurze Studie in Geographie

Die gute deutsche Sprache hat ihre innere Weisheit, bewiesen durch nähere Betrachtung gewisser Ausdrücke, denen man im alltäglichen Sprachgebrauch keine besondere Aufmerksamkeit schenkt. Zum Beispiel – Nahost. Ihr denkt sicherlich – schenken wir dem Nahen Osten nicht mehr als genug Aufmerksamkeit?

Das Ihr dies tut steht außer Frage, sicherlich. Aber habt Ihr schon bemerkt, dass man auf Englisch "Middle East" sagt, also Mittlerer Ost? Woher kommt es also, dass man auf Deutsch den Osten nah bei sich sieht? Ist es vielleicht das Resultat der türkischen Kanonen die auf Wien geschossen haben, Schüsse die für die beteiligten Österreicher ganz schön NAH vorgekommen sind? Wenn der Mittelpunkt der Welt Preußen ist, dann ist Jerusalem in der Tat östlich aber nah, Afghanistan ein kleines Stückchen ferner, also Mittelnah, und Siam, Korea und Peking ganz schön fernöstlich sind.

Ich muss hier hinzufügen – Diskussionen mit Deutschen über die genaue Platzierung des Ostens können bös ausgehen. Als Beispiel kann ich eine Unterhaltung nennen, die ich einst mir dem Vater einer ehemaligen Lebensabschnittsgefährtin von mir geführt habe. Es ging um Leipzig und Dresden, und ich, ausländisch unwissend, verwendete den Ausdruck "Ostdeutschland" um diese zwei Prachtstädte geographisch einzuordnen. "Dresden und Leipzig, genauso wie Berlin und Schwerin, " brüllte der freundliche fast-aber-doch-nicht-Schwiegervater-gewordene Mann, "liegen in Mitteldeutschland! Ostdeutschland ist Königsberg!"

Es ist also alles eine Frage des Betrachtungspunkts, dachte ich mir als ich mich in den Kleiderschrank der Nachbarn zum Nachtschlaf verkroch. Am besten kann man diese neu gewonnene Weisheit mit dem interessanten Vergleich ausschildern:

Wenn ich einen Israeli frage, wie fern Deutschland liege, antwortet er – "gar nicht soweit, weniger als 4 Flugstunden entfernt, naja, wir sind hier die letzte Bastion Europas, eine Art Grenzland."

Die umgekehrte Frage, also wie weit von Berlin Tel Aviv nun liege, beantwortet der Durchschnittsdeutsche folgendes – "Mensch, eigentlich ganz schön weit weg, es ist ja Asien, oder?" hebt seine Augenbrauen, schaut den Fragesteller irritiert an, und setzt fort – "also sicherlich fünf und sechs Stunden weit weg."

Berlin–Jerusalem: 2908 Km. (und wenn wir schon dabei sind: Berlin–Kairo: 2899). Durchschnittliche Flugzeit: 3 Stunden und 50 Minuten. Ist ja an sich wirklich nicht so weit weg, wenn man zum Beispiel bedenkt, Las Palmas liege 3603 Km weit weg von Berlin – also sollte den Deutschen Falafel besser schmecken als Paella. Las Palmas ist aber im Westen, und West bleibt West, eine glänzende Einheit von Berlin bis Kaliforniern, dem unterstellt man nicht solche kleinlichen Abstufungen wie nah, fern oder mittel.

Auf die Berlin-Jerusalem Entfernung zurückzukommen – man denkt, die Geographie sei eine ziemlich klare Angelegenheit. Und doch sieht man wie die Israelis sich schon die Euromünze mit dem Davidstern auf der Rückseite vorstellen, während die Deutschen sich in Sicherheit wiegen und glauben, die ganze Nahostdiskussion ist gut um der Wochenendausgabe der "Süddeutsche" Stoff für die Seiten 4-6 zu geben, darüber hinaus aber mit der europäischen Realität wenig zu tun hat. Und beide, und das macht mir tierisch Spaß zu schreiben, irren sich gewaltig.

Was passiert aber wenn man noch die Nord-Süd Achse hinzunimmt? M. aus Berlin sagte über die oben erwähnte a-lá-"Kopf im Sand stecken" europäische Ignoranz, man ignoriert dass ein Ägypter nach Italien regelrecht schwimmen kann.

Ob er dort mehr Demokratie finden wird, bleibt offen. Das gehört aber in eine andere Diskussion.

Euch allen ein schönes Wochenende,

Euer Ofer

Dienstag, 8. Februar 2011

Israelisches Tagebuch 44

Liebe Freunde,

Ich schäme mich. Mehr dazu später.

Als ich zehn Jahre alt war, rief mich meine Mutter ins Wohnzimmer. Ihrer Stimme war ein einzigartiges Aufregen zu entnehmen, eine zurückgehaltene Dringlichkeit. Ich bin ihrem Ruf gefolgt, und fand sie vor dem Fernseher. "komm her mein Kind. Schau, und merk Dir was Du siehst."

Was habe ich gesehen? Ich durchwühle durch all meine Kindheitserinnerungen, und finde diesen Tag, diesen Moment im Wohnzimmer meiner Eltern, vor flackernden Bildern im Fernseher. Menschenmassen mit komischen bunten Kleidern und unmöglichen Friseuren, ein Meer von Fahnen und aufgeregte Reporter die auf hundert Sprachen in alle Welt strahlen – die Mauer ist gefallen, Berlin ist wieder eins. "Merk Dir, was Du siehst, mein Kind, " sagte meine Mutter, ihre Augen glänzten, und mein Vater der schnell ins Zimmer eilte murmelte nur, "unglaublich, unglaublich", und zündete sich eine Zigarette nach der anderen.

Wer hätte das gedacht, wer hätte den Deutschen, diesem an Gehorsamkeit und gescheiterte Revolutionen gewöhnte Volk zugetraut, diese politische Wende herbeizuführen, und zwar ohne Blut, ohne auf dem Weg Frankreich zu besetzen? Weil, das wisst Ihr ja, so was hat man von Euch erwartet. Man sagte, die Deutschen, wenn sie wieder vereint sind, werden wieder an Polen knabbern, oder die EU für sich erobern (oh Moment mal, das ist doch passiert, oder?) oder einfach der ganzen Welt sagen – lässig, und ohne die berühmte deutsche Höflichkeit zu vergessen – liebe Leute, dieses Spiel mit der Demokratie ist nicht unsers. (Das erinnert mich an eine geniale Geschichte, die ich von meiner guten Freundin V. gehört habe – sie saß in einem Konzert der zeitgenössischen Musik in München, vor ihr saßen zwei Herren, und nach einer halben Stunde hörte sie wie der eine seinem Freund auf tiefstem Bayerisch sagte – "An sich ist Toleranz kein deutsches Wort").

Wer hätte es Euch zugetraut. Das ist die Hauptfrage hier.

Und wer hätte Arabern eine friedliche Revolution zugetraut? Ich meine, sie sind doch Araber, Demokratie ist nicht ihr Spiel, Redefreiheit und Menschenrechte erst recht nicht, oder? Ich werfe hier vielleicht den ersten Stein, aber ich werfe ihn senkrecht gen Himmel mit der Erwartung, er werde meinen Kopf treffen. Weil auch ich habe diese Sünde begangen, und bei jeder endlosen Nahostkonfliktdiskussion mit einer ernsthaften, allwissenden Miene gesagt – Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten, die Araber kennen, können und wollen so was gar nicht haben. So. Es sind doch Araber, Mensch, sie sind nicht so wie wir, es gibt ja eine Mindestmenge an Schnee die man in seinem Leben gesehen haben muss bevor man die französische Revolution überhaupt begreifen kann. Oder habt Ihr eine bessere Idee, wie man die Europäer (mich inbegriffen, natürlich) von den demokratieuntauglichen Völkern, also all den anderen, unterscheiden könnte? Wo steckt dieser Sinn für Menschenrechte, wenn nicht im Schnee? Vielleicht in der Bratwurst?

Wie alle Israelis, bestand meine erste Reaktion auf die Bilder aus dem Al-Tahrir Platz in Kairo aus nackter Angst. Natürlich stehen wir auf Demokratie, und wir ziehen gern immer wieder über unsere Nachbarn her, die uns Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen machen während sie selber alle von Diktatoren regiert werden. Aber komisch genug, haben wir uns (mehr als die Araber, anscheinend) an diese Diktatoren gewöhnt. Wollen wir wirklich wissen, was 80 Millionen Ägypter wählen würden, sollte es zu freien Wahlen im Lande des Nil kommen? Nein danke. Sie werden sicherlich die "Muslime Brüder" wählen, die als erstes den Friedenvertrag mit Israel für nichtig erklären. So haben sie doch bedroht. Diese Angst hat Bestand – die "Muslime Brüder" stehen in der Tat nicht auf uns, um es milde auszudrücken – und ihr Wahlsieg wäre für Israel fatal.

Schaut Euch aber die Menschen an, die seit über einer Woche auf dem "Platz der Befreiung" (das ist die Bedeutung von Al-Tahrir) weilen – hört was sie sagen, achtet auf die Transparenten in ihren Händen. Diese Menschen, dieses Volk, so groß wie das deutsche, haben an Euren Unis studiert, haben bei Euren Firmen gearbeitet, haben Eure Restaurants geputzt - und während wir alle (wie gesagt, der Stein trifft demnächst meinen Kopf) dachten, unter dem Kopftuch schweben dunkle Islamdeutschlandgedanken, dachten sie sich – das können wir auch, diese Freiheit, diese Gleichheit, diese Demokratie, das geht auch jenseits des Mittelmeers. Und dazu kann ich nur sagen – bei der nächsten Sarrazin Diskussion, beim nächsten Mal wenn in Deutschland Zweifel über den Sinn der Integration hochkommen – denkt an das Bild aus dem Platz der Befreiung, denkt an das Bild aus dem Brandenburger Tor, weil sie eins und dasselbe Bild sind.

Ich schäme mich also, dass ich meine Angst, meine Vorurteile den Arabern gegenüber mich taub und blind habe machen lassen. Dass ich Hass zu sehen dachte wo Hoffnung ist, dass ich die Vergangenheit da gesucht habe, wo die Zukunft entsteht. Und wie ein prominenter israelischer Journalist geschrieben hat – ich verbeuge mich vor dem mutigen ägyptischen Volk. Meine Tochter ist zwar zu klein um sich später an diese Tage erinnern zu können. Ich werde ihr aber in vielen Jahren davon erzählen, wie ich mit ihr in meinen Armen vor dem Fernseher stand und der arabischen demokratischen Revolution Zeuge wurde.

In diesem Sinne,

mit den liebsten Grüßen,

Euer Ofer

p.s. eine kleine Korrektur - "an sich ist Toleranz kein deutsches Wort" ist ein Zitat von dem Satiriker Gerhard Polt. Danke Volker!

Freitag, 28. Januar 2011

Israelisches Tagebuch 43

Im vierten Stock des "Tacheles" Kunstzentrums in Berlin sitze ich einem jungen Mahler gegenüber. Die Luft ist kühl, man könnte sogar sagen – die Luft ist kalt, ich schaue über dem Kopf des in seiner Kunst versinkenden Mahlers und blicke durch das schmutzige Fenster hinaus. Draußen ist Berlin, grau und unfreundlich, ich sehe nur die Dachrillen des Hauses gegenüber, dunkle, verschwommene Flecken die ich als Raben interpretiere werfen unklare Schatten auf die beschlagene Fensterscheibe.

Der Mahler hebt seinen Kopf, schaut mich mit einem eindringlichen Blick an, und sagt ein kleines, vom russischen Akzent umgebendes "So".

Er dreht das Blatt um, ein schwermutiger Mann blickt mir entgegen, mit roten und schwarzen Farben, und ich erinnere mich daran dass Malerei die wahrhaftigere Kunst ist, zumindest wenn sie mit der Fotographie verglichen wird, sowie die "Klio" von Picasso, die Muse der Geschichte, die in den Spiegel blickend die dunklen Ströme ihrer inneren Gefühlswelt sieht.

Der ernsthafte Blick meines eigenen Bildes begleitet mich den ganzen Tag, die tiefen roten Falten in der Stirn und der schwarze, von dem Mahler erahnte Schatten zwischen Unterlippe und Kinn. Ich bin erkältet und Berlin ist diesmal nicht sehr freundlich zu mir, ich suche nach Büchern für die Uni und werde nicht mal bei Dussmann fündig, "Sie können sie bestellen, aber wir liefern nicht nach Israel," sagt die junge, schwarz gekleidete Dame beim Infoschalter, und ich erahne die auf mich zukommende, nie ausgesprochene und dafür umso heftigere Enttäuschung meiner Doktormutter. Statt Freunde zu sehen muss ich mich im Bett verkriechen und den Schneeflocken zusehen, und wenn mein Fieber sich endlich leicht senkt befinde ich mich wieder auf dem Weg gen Süden, nach Nürnberg.

Lieber Georg aus Tel Aviv verzieht sein Gesicht und spuckt den Namen "Nürnberg" aus als ob allein das Aussprechen dieses Wortes mit heftigen Schmerzen verbunden ist. "Aber wieso ausgerechnet Nürnberg", fragt er, und seine Stimme zerbricht in einer Mischung aus Entsetzen und Flehen. Wieso Nürnberg?

Nun, ich habe im Laufe dieses Tagebuchs schon Einmal ein Lobeslied zu Ehren der fränkischen Hauptstadt geschrieben, also bitte ich hiermit um Verzeihung dass ich es nicht erneut mache. In allen Städten, in denen ich gelebt habe, habe ich versucht ein in den Steinen festgeschriebenes Geheimnis zu entdecken, eine Urwahrheit, ob in Jerusalem, Berlin oder New York. Wer aber ständig nach versteinerten Botschaften schaut, der übersieht die Menschen, überhört sie, und verdonnert sich selber zu einer Isolierung die zwar poetisch wunderschön zu beschreiben ist, gleichzeitig aber eine nicht poetische Einsamkeit erzeugt.

Und Nürnberg?

In Nürnberg suche ich nicht nach Steinen. Ich will gar nicht wissen welche Stimmen sich in den Sandsteinen der Altstadt verfangen sind, ich bin nicht nach Nürnberg gezogen, die Menschen missachtend, um die gebrochenen Überreste von Fragen und Antworten die ich aus Israel mitgenommen habe wieder in Ordnung zu bringen. Diese Stadt, gerade eben weil sie für mich vom Anfang an keinerlei Bedeutung hatte, war der erste Ort wo ich, von meinen blöden Überinterpretationen des "so soll ein Mensch sein" Bildes entkleidet, einfach SEIN konnte. Und auf dieser Ebene habe ich Menschen entdeckt, Freundschaften, die fürs Leben sind. Ich bin immer überrascht wenn ich nach Nürnberg fliege, mit welcher Wärme ich von meinem (ich darf doch so schreiben, oder?) Orchester, den Nürnberger Philharmonikern, empfangen werde, obwohl sie und ich wissen dass es genügend (und bessere) Hornisten in Deutschland leben die bei denen liebend gerne spielen würden. Und doch werde ich von allen Kollegen umarmt, vom GMD bis zu den Orchesterbüroangestellten, von der Horngruppe (samt Familien) ganz zu schweigen. Und wenn ich nach einer Probe in meine alte WG fahre, so ist es als ob die Zeit stillsteht, die Tür geht auf und aus der Küche riecht man das feine Kochen des adligsten Kochs Deutschlands, und ich werde von meinen einstigen Mitbewohnern umarmt, wie eine Familie, wie ein Hafen.

Deswegen Nürnberg.

Neun Tage war ich also in Deutschland, eine Woche davon saß ich zitternd unter einer Decke. Gestern stopfte ich die ganzen Pullis zurück in meinen Koffer, zusammen mit Unmengen von Lebkuchen, und bin zurück nachhause, zu Gili und Ori geflogen.

Und jetzt ist es Freitagabend, gleich fahren wir nach Jerusalem um die Schabbat im Kreise meiner Familie zu empfangen, Gili ist mit einer Freundin Kaffe trinken gegangen, und ich schreibe Euch mit einer Hand, da die andere den Kopf meiner schlafenden Tochter Ori stützt. Sie schaut mich mit großen, grauen Augen an, ihr rebellisches Haar umgibt ihren Kopf wie ein Heiligenschein, und ihre kleinen Hände rudern durch die Luft. Ich sage ihr, ich habe sie vermisst. Es war nicht die Sehnsucht die ich aus anderen Zeiten kannte, als Gili und ich tausende Kilometern voneinander getrennt waren, jene süße, aufregende Sehnsucht, die man immer wieder spürt und doch ist sie immer wieder wie zum ersten Mal da, überraschend und süßschmerzlich. Nein, dieses Mal tat mir meine Seele Weh, so weit weg von Ori zu sein, von diesen kleinen Händen und fragendem Blick. Ich habe sie gestern den ganzen Abend umarmt und ihr ihr Lieblingslied gesungen, "ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" von Marlene Dietrich, aber tief im Herzen sagte ich mir – ich weiß ganz gewiss, zu wem ich gehöre.

Seid Alle lieb aus Tel Aviv gegrüßt,

Euer Ofer

Montag, 3. Januar 2011

Israelisches Tagebuch 42

Liebe Freunde,

es ist spät geworden, ich wollte um diese Zeit schon längst im Bett sein, aber in einem Haus in dem ein kleines Baby wohnt gibt es immer was zu tun, was aufzuräumen, zu erledigen, und dazu kommen noch die Berge von Büchern die meine Universitätsprofessoren mir freundlicherweise zum Stopfen meiner nicht vorhandenen Zeitlöcher gegeben haben.

Wieso schreibe ich aber nicht? Wieso benutze ich nicht dieses wunderbare Medium, das an Euch geschriebene Wort, um die mich begebenden Zaubermomente festzuhalten? Davon gibt es nämlich mehr, als man zählen kann. Zum Beispiel letzte Nacht, als ich Gili gesagt habe, Ori wird sowieso bald vom Hunger aufwachen, also soll sie noch ein Weilchen auf meiner Brust schlafen ohne dass wir einen Umstand machen sie ins Bettchen zu bringen. Vier Stunden später bin ich aber selber aufgewacht, senkte meinen Blick, und schaute meine Tochter an, wie sie glücklich schlafend auf mir lag, die Arme rechts und links gestreckt. Oh Glück, oh Freude.

Ich weiß es nicht, ich finde keinen Grund dafür, weshalb ich davor scheue, über Ori zu schreiben. Vielleicht weil dies ein Blog über Israel ist, über Schwierigkeiten und Konflikte, über Ungewissheit und getrübte Zukunft. Ich gestehe – ich habe eine Art Gefühl einer Verpflichtung diesem Blog gegenüber entwickelt, eine gewisse Verantwortung. Nicht nur weil Ihr, meine Freunde, ihn liest – sondern weil andere sich dadurch ein anderes Bild von Israel machen, von Israelis. Weil er vielleicht eines Tages als stiller Beweis dienen wird, Beweis von vernünftig denkenden Menschen, von einer versuchten, in diesem Land selten gewordenen moralischen Haltung Menschen gegenüber. Aber kann ich die Grenzen der von mir gespürten Verantwortung so klar ziehen? Sind sie nicht viel weiter ausgedehnt worden seitdem ich Ori habe?

M. aus Berlin sagte, wenn ein Mensch ein Kind habe, werde seine Präsenz auf der Erde breiter. Ich verstehe jetzt was sie damit gemeint hat. Dieses Gefühl bringt mit sich aber das einfache und klare Verständnis – das Verständnis jenes Unterschieds zwischen 99 Prozent und 100 Prozent Verantwortung.

Und was passiert wenn die eine Verantwortung auf die andere trifft? Wenn die klagende, böses-ahnende die aus meinen Texten hervorgeht sich der anderen, der intimeren und sofortigeren gegenübersteht?

Ihr entschuldigt mich, Ori macht gerade Geräusche und wird gleich wach, und ich will Gili noch ein wenig schlafen lassen.

Seid umarmt,

Euer Ofer

p.s. (ein wenig später) Ori schläft jetzt, und ich böser Jude habe es fast vergessen - Frohes Neues Jahr Euch Allen, Alles Liebe und Gute für 2011, mögen wir uns in diesem neuen Jahr uns öfter sehen!

Freitag, 24. Dezember 2010

Israelisches Tagebuch 41

Liebe Freunde,

Glücklich– und Müde. Das sind die zwei Adjektive, mit denen man mein Leben zurzeit beschreiben kann. Die kleine meinem Leben gebende Sonne scheint aus dem Lächeln meiner Tochter, und rechtfertigt den Namen den wir ihr gegeben haben – Ori (auf Deutsch Orri, also mit einem kurzen "O"). Er bedeutet soviel wie "mein Licht" oder das Imperativ "Scheine!", was sie auch fleißig tut.

Die Geburt, die Krankenhausaufenthalt, die Rückkehr nachhause – das alles war noch so märchenhaft, so unglaublich. Der Moment, in dem den durch die wie ein Tag fliegende Woche in mir akkumulierten Gefühlsstau sich löste ereignete sich ein Paar Stunden nachdem wir endlich zuhause waren. Ich nahm Ori in meine Armen, legte eine CD von Emma Kirkby in die Anlage, und schaute wie die Augen meiner Tochter sich wundernd öffneten. Es können mir tausend Ärzte sagen dass Babys in dem Alter nicht in der Lage sind dieses oder jenes Wahrzunehmen – ich kann aber mit Sicherheit sagen, die bezauberten Töne des "Laudate Dominum" von Mozart streichelten ihre Seele, mit einer nur der Seele des geborenen Kindes ausweichende Reinheit. Ich schaute meine Tochter an, und habe geweint.

Liebe Freunde, ich werde Euch über Windeln, Schlaflose Nächte und solches später berichten. Jetzt aber will ich Euch, da die meisten von Euch einen Geburtstag eines anderen im Großraum Bethlehem geborenen Kindes feiert, ein frohes Fest wünschen, schöne Stunden mit Euren Familien und Freunden, und wenn Ihr heute ein Glas Glühwein trinkt – denkt an uns, an kleine Ori, und an ihre sie liebenden Eltern.

Frohe Weihnachten aus Israel,

Euer Ofer

Freitag, 26. November 2010

Israelisches Tagebuch 40

Liebe Freunde,

ein israelischer Sänger schlägt dumpfe Töne aus seiner Gitarre und ruft mit rauer Stimme nach Regen, es ist ein Lied aus den 90gern, aber immer wieder aktuell, "vielleicht hilft es," sagt die Nachrichtensprecherin im Radio, und meine Hand schwebt über den Klimaanlageknopf im Auto, um sich dann doch für das offene Fenster zu entscheiden. Es ist Ende November, eine angenehmen warme Luft streichelt mein Gesicht, ich fahre wieder durch die besetzten Gebiete zur Uni, hier gibt es ja keinen Stau, wie soll es einen geben, seitdem die Araber hier durchfahren dürfen haben die meisten Israelis Angst vor dieser Strasse.

"Wegen der Regenknappheit ruft das Hauptrabinneramt in Jerusalem zum allgemeinen Fasten am Montag auf," berichtet die Radiodame weiter, ich warte vor dem Checkposten, es kommt ein kurzer Moment der Panik weil einer der Autofahrer, den ich durch seinen Rückspiegel als einen älteren Nationalreligiösen Herrn identifizieren kann, wollte dem Soldaten in der Wachhütte einen Schokoriegel zuwerfen. Der arme Junge dachte, es sei eine Handgranate, und warf sich schreiend zum Boden.

Regen, gib uns Regen, schreit der Sänger weiter, 18 israelische Bauern sind mit einem Heißluftballon über ihre Felder geflogen und tanzten den berühmten Regentanz von "Honi Ha´maagel", ein alter heiliger der vor vielen Jahren Gott herausgefordert, um sich einen Kreis gemalt und gesagt hatte – bis es regnet, gehe ich nicht mehr aus dem Kreis heraus. "Der Korb von dem Ballon ist quadratisch, und Honis Kreis war ja rund – uns ist also zumindest die Quadratur des Kreises gelungen", knistert das Lachen eines Bauers mit einer Stimme, die so trocken wirkt wie sein Land.

Jetzt spricht ein Professor und sagt, seit Beginn der Wetteraufzeichnung vor 83 Jahren ist nie so wenig Wasser während des Monats November in den See Genezareth geflossen. Und ich denke mir – wer ist 1927 auf die Idee gekommen, das Wetter aufzuzeichnen, gab es damals nichts besseres zu tun, und wer weiß wie viel Wasser damals bei Honi geflossen ist, und ob es für ihn überhaupt von Bedeutung wäre, er hat sich wahrscheinlich einfach gern in seinem Kreis gedreht, und sowieso – ohne diese Aufzeichnung hätten wir ja eine schlechte Nachricht weniger.

Schabat Schalom aus Tel Aviv,

Euer Ofer