Israelisches Tagebuch 21
Ich weiß, ich war lange verschwunden. Die Gründe dafür sind auch gar nicht schlecht – es ist Prüfungszeit an der Uni, und die erste Premiere des Jahres wollte auch gemeistert werden. Und so dass Ihr nicht denkt, ich lerne nichts an der Uni, würde ich gerne diesen Eintrag im Geiste eines Denkers schreiben, nämlich Foucault, eines der Väter des Postmodernismus. Es ist nämlich so, dass ich versucht habe jedem meiner Einträge den Anschein einer zusammenhängenden Erzählung zu geben, mit einer saftigen Pointe. Nun, und wie gesagt – im Geiste des Postmodernismus, kann ich Euch nur von einzelnen Momenten berichten die wenig miteinander zu tun haben, und dabei werde ich der Versuchung widerstehen, ihnen einen gemeinsamen Sinn zu geben. Also.
Ich habe grad den neuen Tarantino Film gesehen, "Inglorious Bastards". Ich bin kein Filmkritiker, trotzdem glaube ich nicht dass er in einer Reihe mit Filmen wie "Pulp Fiction" oder "Reservoir Dogs" stehen kann. Und doch hat es mich gefreut, ihn zu sehen. Es wird dort ja Deutsch gesprochen, mit der Creme-de-la-Creme der deutschen Filmindustrie wie Till Schweiger oder Daniel Brühl. Und obwohl es sich teilweise um Nazis handelte, war der Klang der Sprache wie Musik für meine Ohren.
Und wenn wir schon beim Thema sind – Nazis – Gestern war ja der 27.1, der 65 Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Ich habe der Rede die unser Präsident, Shimon Peres, vor dem Bundestag hielt zugehört, und habe mich gefragt wer von Euch diese Rede auch gehört hat. Ich fand sie schön, voller Hoffnung, und bewegend. Ich saß im Auto und hörte die Rede im Radio. Um den Stau zu umfahren, bin ich durch die Schnellstrasse 443 gefahren, quer durch die besetzten Gebiete. "Bakesch Schalom We-Radfehu" zitierte Peres aus einem der berühmtesten jüdischen Gebete. "Suche den Frieden und bringe ihn". Ich schaute beim Vorbeifahren die Einfahrtstrassen zu den Palästinensischen Dörfern, die entlang der 443 stehen, alle blockiert mit Betonklötzen, hinter denen gelangweilte, rauchende Palästinensische Taxifahrer auf nie kommende Fahrgäste warteten. "Suche den Frieden und bringe ihn" sagt Peres vor einem vollen Reichstag, und der israelische Radiosprecher sagte nach der Rede, Peres hat die deutschen mit harten Worten an die Taten ihre Großeltern erinnert. Als ob sie es vergaßen.
Vor drei Tagen war hier Ausnahmezustand – es waren teilweise 0 Grad. Im Norden hat es sogar geschneit. Aber keine Sorge, heute waren es die gewohnten 20 Grad, und ich spazierte mit einer Kommilitonin durch die Strassen von Tel Aviv. Wir haben eine Prüfung am Montag, es geht unter anderem um den erwähnten Foucault. Ich habe sie gefragt ob sie glaubt, Foucault sei der Meinung dass nichts eine Bedeutung hat. "Alles hat eine Bedeutung", erwiderte ein Offizier der neben uns auf die grüne Ampel wartete. Er hatte die hellen Uniformen der Luftwaffe an, und hat meine Kommilitonin, die nicht nur klug sonder auch hübsch ist, angegrinst. Na schön, der wird es schon wissen.
Was kann ich noch erzählen? Ich vermisse Deutschland, oder besser gesagt – ich vermisse mich in Deutschland, mit Euch, mit einer gewissen Ruhe die hier nicht zu finden ist. Bald komme ich aber, und freue mich schon, endlich gutes Bier mit anständig beschissenem Wetter und mit Euch zu genießen.
Seid alle lieb gegrüßt,
Euer Ofer
Freitag, 29. Januar 2010
Israelisches Tagebuch 20
Gestern Nacht saß ich im Auto mit einer guten deutschen Freundin, eine Musikerin wie ich, auf dem Weg von Tel Aviv nach Jerusalem (ich weiß, ich wiederhole mich, in jedem Eintrag sitze ich im Auto zwischen Jerusalem und Tel Aviv. So ist es nun mal, langsam kenne ich die israelische Autobahn 1 besser als die angenehme Schokoladenartige Fläche der A9). Wir haben zusammen die Premiere der Oper "Träumendes Kind" gespielt, die aus der ultimativen jüdischen Mischung zusammengesetzt ist – Holocaust, Flüchtlinge, Mutter-Kind Konflikt, und ein Geiger, der umgebracht wird während er das Violinkonzert von Mendelssohn spielt. Oh weh.
Diese Freundin, wir nennen sie mal G., ist mein Spiegelbild. Sie kommt aus Berlin und hat dort lange gespielt bevor sie sich entschlossen hat, nach Israel umzuziehen. Ich habe sie gefragt, wieso sie es tat. Und sie hat mich gefragt, wieso ich nach Deutschland ging. Wir Juden sagen, änderst Du Den Ort, änderst Du das Glück. G. meinte, man kann sich an einem neuen Ort neu erfinden, sich neu definieren. Ich habe ihr erzählt, mir kam es anderes vor, als ich nach Berlin kam. Ich kann mich noch heute klar daran erinnern, mit welchen großen Augen ich durch die Strassen und Plätze gegangen bin. Oft saß ich in der U2 auf dem Weg in die Lindenoper, wo ich meinen Hornunterricht bekam, und habe die Werbeplakate gelesen. Noch heute spüre ich den Geschmack der mir damals unbekannten deutschen Worte in meinem Mund. Fern-Uni-Hagen. Bei-Stör-Fall-Bitte-Ruhig-Bleiben. Aus-Stellung-Des-Bundes-Der-Vertriebenen. Manchmal wünsche ich es mir, ich könnte wieder dem Klang der deutschen Sprache wie beim ersten Mal zuhören, ohne die Worte zu verstehen. Was ich aber sagen will ist dass ich mir in Deutschland nie fremd vorkam. Nicht für eine Sekunde. Dass habe ich meiner Freundin G. gesagt – ich musste mich dort nicht "neu" erfinden. Ich hatte das Gefühl, ich erlebe die Geschichten meiner Großeltern wieder. Ich gehe durch die Straßen, ich lesen Ihre Namen, die in meiner Familie eine Art Mythologie geworden sind. Letzterndes war meine Familie, wenn man auf die letzten Jahrhunderte schaut, in Europa zuhause, nicht im Nahen Osten.
Für G. war der Umzug nach Israel eine Erleichterung. Sie meinte, in Deutschland sei alles schon klar definiert, geregelt, gesetzt. Man läuft dort in klare Richtungen. Vielleicht übertreibt sie ein wenig, aber im Vergleich mit Israel hat sie wohl Recht. Hier gibt es noch viel was ungefähr ist, es gibt viele Bereiche des Lebens wofür es hier noch keine Gesetze gibt. Der größte Wunsch eines Musikers in Deutschland, dem ich auch nachging, ist eine feste Stelle zu bekommen, die mit finanzieller Sicherheit verbunden ist – genau die Sicherheit die man in Israel mit einer vergleichbaren Stelle nie hat. Ich sitze ja in einem Opernorchester, was nicht schlechter ist als das durchschnittliche deutsche A-Orchester. Und trotzdem muss ich mich langsam fragen, wie ich meine Miete zahlen soll wenn Kinder noch dazu kommen. (Und wieder kommt die Bitte von Gili – ich soll sagen, dass sie nicht schwanger ist. Noch nicht.)
Leider muss ich jetzt Schluss machen – mein Kurs geht gleich los. Ich drücke Euch alle ganz fest,
Euer Ofer
Diese Freundin, wir nennen sie mal G., ist mein Spiegelbild. Sie kommt aus Berlin und hat dort lange gespielt bevor sie sich entschlossen hat, nach Israel umzuziehen. Ich habe sie gefragt, wieso sie es tat. Und sie hat mich gefragt, wieso ich nach Deutschland ging. Wir Juden sagen, änderst Du Den Ort, änderst Du das Glück. G. meinte, man kann sich an einem neuen Ort neu erfinden, sich neu definieren. Ich habe ihr erzählt, mir kam es anderes vor, als ich nach Berlin kam. Ich kann mich noch heute klar daran erinnern, mit welchen großen Augen ich durch die Strassen und Plätze gegangen bin. Oft saß ich in der U2 auf dem Weg in die Lindenoper, wo ich meinen Hornunterricht bekam, und habe die Werbeplakate gelesen. Noch heute spüre ich den Geschmack der mir damals unbekannten deutschen Worte in meinem Mund. Fern-Uni-Hagen. Bei-Stör-Fall-Bitte-Ruhig-Bleiben. Aus-Stellung-Des-Bundes-Der-Vertriebenen. Manchmal wünsche ich es mir, ich könnte wieder dem Klang der deutschen Sprache wie beim ersten Mal zuhören, ohne die Worte zu verstehen. Was ich aber sagen will ist dass ich mir in Deutschland nie fremd vorkam. Nicht für eine Sekunde. Dass habe ich meiner Freundin G. gesagt – ich musste mich dort nicht "neu" erfinden. Ich hatte das Gefühl, ich erlebe die Geschichten meiner Großeltern wieder. Ich gehe durch die Straßen, ich lesen Ihre Namen, die in meiner Familie eine Art Mythologie geworden sind. Letzterndes war meine Familie, wenn man auf die letzten Jahrhunderte schaut, in Europa zuhause, nicht im Nahen Osten.
Für G. war der Umzug nach Israel eine Erleichterung. Sie meinte, in Deutschland sei alles schon klar definiert, geregelt, gesetzt. Man läuft dort in klare Richtungen. Vielleicht übertreibt sie ein wenig, aber im Vergleich mit Israel hat sie wohl Recht. Hier gibt es noch viel was ungefähr ist, es gibt viele Bereiche des Lebens wofür es hier noch keine Gesetze gibt. Der größte Wunsch eines Musikers in Deutschland, dem ich auch nachging, ist eine feste Stelle zu bekommen, die mit finanzieller Sicherheit verbunden ist – genau die Sicherheit die man in Israel mit einer vergleichbaren Stelle nie hat. Ich sitze ja in einem Opernorchester, was nicht schlechter ist als das durchschnittliche deutsche A-Orchester. Und trotzdem muss ich mich langsam fragen, wie ich meine Miete zahlen soll wenn Kinder noch dazu kommen. (Und wieder kommt die Bitte von Gili – ich soll sagen, dass sie nicht schwanger ist. Noch nicht.)
Leider muss ich jetzt Schluss machen – mein Kurs geht gleich los. Ich drücke Euch alle ganz fest,
Euer Ofer
Sonntag, 10. Januar 2010
Israelisches Tagebuch 19
"Kinder sind Freude", so sagt es Schlomo Bar, ein ehemalig berühmter israelischer Sänger mit einer starken Tendenz zur Spiritualität und zum, nun ja, Kinderkriegen.
(Gili schaute grade über meine Schulter und bat mich darum, nachdem ich ihr übersetzt habe was hier steht, Euch ausdrücklich zu sagen dass sie nicht schwanger ist. Noch nicht.)
Meine letzte Woche stand im Zeichen von Kindern. Sie sind hier in Israel keine seltene Erscheinung, im Gegensatz zu Deutschland, wo man sie nur im Zoo findet – im wahrsten Sinne des Wortes. Gott hat uns gesagt, mehret Euch, und die Regierung hat seinen Worten noch mehr Gewicht verliehen – Kinderkriegen kann in Israel zu einem lukrativen Geschäft werden, vor allem nach dem fünften Kind. Auch beim eigentlichen Kriegen, also Machen, also… Ihr wisst was ich meine, hilft die Regierung. Funktioniert es nicht auf die normale, klebrige und stöhnungsvolle Art, zahlt die Regierung jede Art von Therapie oder Hilfe, Hauptsache man vermehrt sich. Es ist nun mal so in Israel, man erzählt uns von den Geburtsmaschinen auf der anderen Seite, und dass es in einigen Jahren dazu kommen könnte dass es zwischen "Fluss und Meer" (Jordan und Mittelmeer) mehr Nichtjuden gibt als Juden. Oh nein! Also schnell ins Schlafzimmer!
Vor ein Paar Tagen habe ich einen guten Freund in die Klinik begleitet. Er und seine Frau haben sich entschlossen Kinder zu kriegen. Ihr denkt, der erste Schritt wäre in etwa Reizwäsche zu kaufen oder die Babypille gegen Viagra auszutauschen. Nein nein, nicht in Israel. Hier bekommt der Begriff "Auserwähltes Volk" eine sehr pragmatische Bedeutung. Bevor man sich die Hose runterzieht, muss man den Ärmel hochkrempeln – und Blut abgeben. Es ist nun mal so, dass die Juden während ihrer 2000 Jahre im Exil sich untereinander vermehrt haben sodass sie aus einem sehr begrenzten Genpool entstehen (gelegentlich angereichert von Kosaken und anderen die unsere Frauen vergewaltigt haben – Ihr denkt nicht ernsthaft, meine grauen Augen kommen in etwa vom biblischen Abraham, oder?) was zu schwierigen Erbkrankheiten führen kann. Man geht also in eine Klinik und macht einen Gentest – zum größten Teil vom Staat finanziert – um zu schauen, was in einem so steckt. Die Krankenschwester fragt woher der Mann und die Frau kommen – oder ihre Großeltern. Bei meinem Freund war es ein Volltreffer – beide kommen aus Aschkenasim-Familien, also aus Europa, und müssen auf 17 Krankheiten getestet werden. Er wartet noch auf die Ergebnisse. Wenn Gili und ich mal soweit sind, werde ich die Krankenschwester darum bitten, mich auf das "Hornspielen-Gen" zu testen, so was möchte man seinen Kindern doch nicht weitergeben.
Am gleichen Tag musste ich nach Jerusalem fahren, um eine meiner Vorlesungen zu besuchen. Es war spannend wie immer, und als ich den Raum verlies schreite und bebte mein Handy mit der frohen Nachricht, dass eine gute deutsche Freundin im Kreissaal ist, gleich bei mir ums Eck (auf dem Mount Scoupus, wo meine Uni liegt, gibt es auch ein Krankenhaus). Sie und ihr Mann arbeiten in Israel, und so kam es dass ich der erste war der sie dort besuchte. Ich kriege immer feuchte Augen bei so was, es ist ja so rührend, für mich zumindest. Ich glaube, für sie war es in dem Moment ehr schmerzvoll. Am nächsten Tag war es aber soweit – ein wunderschönes Mädchen kam auf die Welt. Ich wollte sie unbedingt sehen, also ging ich wieder ins Krankenhaus. Dort, in einem ruhigen Zimmer mit einem atemberaubenden Blick auf die Wüste und das Tote Meer saß meine Freundin, und schaute ihr Kind an. Rechts und links von ihr saßen und standen andere Mütter, religiöse jüdische Frauen mit bunten Kopftüchern, schweigende Palästinenserinnen mit glücklichen Augen, hier und dort konnte man das leise Weinen von Neugeborenen hören, und die netten Stimmen der Krankenschwestern. Zurück in ihrem Zimmer, erzählte mir meine Freundin über ihre Zimmernachbarin. Sie kommt aus einer nah liegenden Siedlung, ist 28 Jahre alt, und hat grad ihr achtes Kind bekommen. Sie kann Jiddisch, was fast wie Deutsch klingt, und so haben sie sich unterhalten. Irgendwann kam eine arabische Krankenschwester ins Zimmer, und meine Freundin sprach sie auf Arabisch an, eine Sprache die sie gut beherrscht. "Oh Gott", sagte ihre jüdische Nachbarin später, als die Krankenschwester das Zimmer verlies. "Du bist aus Deutschland, kannst aber auch Arabisch??!!" Ihr schwebte wahrscheinlich ein satanisches Mischmonster vor Augen, eine Art Nazi-Mohammad oder Hitler mit Palästinensertuch. Alle jüdische Urängste, vereint in einer Gestalt.
Wie bin ich von Kindern auf die verdammte Politik wieder gekommen? Entschuldigt mich bitte. Politik hin oder her, eins bleibt klar – Kinder sind Freude.
Liebste Grüße an Euch alle,
Ofer
p.s. Bitte schreibt mir wie es Euch geht, ich höre so wenig aus Deutschland zurzeit. Ich schreibe diesen Blog um Euch zu erzählen wie es mir hier geht, es sollte aber kein Monolog werden!
(Gili schaute grade über meine Schulter und bat mich darum, nachdem ich ihr übersetzt habe was hier steht, Euch ausdrücklich zu sagen dass sie nicht schwanger ist. Noch nicht.)
Meine letzte Woche stand im Zeichen von Kindern. Sie sind hier in Israel keine seltene Erscheinung, im Gegensatz zu Deutschland, wo man sie nur im Zoo findet – im wahrsten Sinne des Wortes. Gott hat uns gesagt, mehret Euch, und die Regierung hat seinen Worten noch mehr Gewicht verliehen – Kinderkriegen kann in Israel zu einem lukrativen Geschäft werden, vor allem nach dem fünften Kind. Auch beim eigentlichen Kriegen, also Machen, also… Ihr wisst was ich meine, hilft die Regierung. Funktioniert es nicht auf die normale, klebrige und stöhnungsvolle Art, zahlt die Regierung jede Art von Therapie oder Hilfe, Hauptsache man vermehrt sich. Es ist nun mal so in Israel, man erzählt uns von den Geburtsmaschinen auf der anderen Seite, und dass es in einigen Jahren dazu kommen könnte dass es zwischen "Fluss und Meer" (Jordan und Mittelmeer) mehr Nichtjuden gibt als Juden. Oh nein! Also schnell ins Schlafzimmer!
Vor ein Paar Tagen habe ich einen guten Freund in die Klinik begleitet. Er und seine Frau haben sich entschlossen Kinder zu kriegen. Ihr denkt, der erste Schritt wäre in etwa Reizwäsche zu kaufen oder die Babypille gegen Viagra auszutauschen. Nein nein, nicht in Israel. Hier bekommt der Begriff "Auserwähltes Volk" eine sehr pragmatische Bedeutung. Bevor man sich die Hose runterzieht, muss man den Ärmel hochkrempeln – und Blut abgeben. Es ist nun mal so, dass die Juden während ihrer 2000 Jahre im Exil sich untereinander vermehrt haben sodass sie aus einem sehr begrenzten Genpool entstehen (gelegentlich angereichert von Kosaken und anderen die unsere Frauen vergewaltigt haben – Ihr denkt nicht ernsthaft, meine grauen Augen kommen in etwa vom biblischen Abraham, oder?) was zu schwierigen Erbkrankheiten führen kann. Man geht also in eine Klinik und macht einen Gentest – zum größten Teil vom Staat finanziert – um zu schauen, was in einem so steckt. Die Krankenschwester fragt woher der Mann und die Frau kommen – oder ihre Großeltern. Bei meinem Freund war es ein Volltreffer – beide kommen aus Aschkenasim-Familien, also aus Europa, und müssen auf 17 Krankheiten getestet werden. Er wartet noch auf die Ergebnisse. Wenn Gili und ich mal soweit sind, werde ich die Krankenschwester darum bitten, mich auf das "Hornspielen-Gen" zu testen, so was möchte man seinen Kindern doch nicht weitergeben.
Am gleichen Tag musste ich nach Jerusalem fahren, um eine meiner Vorlesungen zu besuchen. Es war spannend wie immer, und als ich den Raum verlies schreite und bebte mein Handy mit der frohen Nachricht, dass eine gute deutsche Freundin im Kreissaal ist, gleich bei mir ums Eck (auf dem Mount Scoupus, wo meine Uni liegt, gibt es auch ein Krankenhaus). Sie und ihr Mann arbeiten in Israel, und so kam es dass ich der erste war der sie dort besuchte. Ich kriege immer feuchte Augen bei so was, es ist ja so rührend, für mich zumindest. Ich glaube, für sie war es in dem Moment ehr schmerzvoll. Am nächsten Tag war es aber soweit – ein wunderschönes Mädchen kam auf die Welt. Ich wollte sie unbedingt sehen, also ging ich wieder ins Krankenhaus. Dort, in einem ruhigen Zimmer mit einem atemberaubenden Blick auf die Wüste und das Tote Meer saß meine Freundin, und schaute ihr Kind an. Rechts und links von ihr saßen und standen andere Mütter, religiöse jüdische Frauen mit bunten Kopftüchern, schweigende Palästinenserinnen mit glücklichen Augen, hier und dort konnte man das leise Weinen von Neugeborenen hören, und die netten Stimmen der Krankenschwestern. Zurück in ihrem Zimmer, erzählte mir meine Freundin über ihre Zimmernachbarin. Sie kommt aus einer nah liegenden Siedlung, ist 28 Jahre alt, und hat grad ihr achtes Kind bekommen. Sie kann Jiddisch, was fast wie Deutsch klingt, und so haben sie sich unterhalten. Irgendwann kam eine arabische Krankenschwester ins Zimmer, und meine Freundin sprach sie auf Arabisch an, eine Sprache die sie gut beherrscht. "Oh Gott", sagte ihre jüdische Nachbarin später, als die Krankenschwester das Zimmer verlies. "Du bist aus Deutschland, kannst aber auch Arabisch??!!" Ihr schwebte wahrscheinlich ein satanisches Mischmonster vor Augen, eine Art Nazi-Mohammad oder Hitler mit Palästinensertuch. Alle jüdische Urängste, vereint in einer Gestalt.
Wie bin ich von Kindern auf die verdammte Politik wieder gekommen? Entschuldigt mich bitte. Politik hin oder her, eins bleibt klar – Kinder sind Freude.
Liebste Grüße an Euch alle,
Ofer
p.s. Bitte schreibt mir wie es Euch geht, ich höre so wenig aus Deutschland zurzeit. Ich schreibe diesen Blog um Euch zu erzählen wie es mir hier geht, es sollte aber kein Monolog werden!
Donnerstag, 31. Dezember 2009
Israelisches Tagebuch 18
"Bergluft, klar wie Wein…" so beschreibt ein berühmtes Lied die jerusalemer Luft. Klar wie Wein? Dieser Satz klingt auf Hebräisch sehr schön und poetisch, für mich bleibt er aber ehr unverständlich. Die jerusalemer Luft aber, klar und süß, einmalig in der ganzen Welt, ist ein Teil von mir. Ich kann sie in mir hervorrufen egal wo ich bin, ob ich grade die verpestete Luft unter der Brücke am Bahnhof Zoo in Berlin atme oder die schwere, dicke Luft die man um sich hat in den Gängen die zum Orchestergraben führen, in Nürnberg wie in Tel Aviv.
Jedes Mal, wenn ich nach Jerusalem fahre, genieße ich diesen Moment – kurz bevor man die Stadt sieht, in der letzten Kurve von der israelischen Strasse Nummer 1, mache ich das Autofenster auf und atme tief ein.
Gestern Abend bin ich wieder nach Jerusalem gefahren. Mit mir im Auto saß ein guter Freund, der sich ein "Israelischer Weiß-Deutscher" nennt, oder ein "Weißer Deutsch-Israeli", na ja, dass kommt wenn man in Weißrussland geboren wurde, in Israel aufgewachsen ist und in Deutschland lebt. Er ist kurz zu Besuch nach Israel gekommen, und als ich eine Einladung von einem deutschen Zentrum für eine "echte deutsche Silvesterparty" (echt bis auf die Tatsache, dass sie ein Tag zu früh stattfand) bekommen habe dachte ich, ihn nehme ich mit.
Das Zentrum liegt auf der "grünen Linie", der offizielle Name der ehemaligen (und hoffentlich, irgendwann, zukünftigen) Grenze zwischen den Palästinensischen Gebieten und Israel. Ihr fragt, wie ein Haus "auf der Grenze" liegen kann? Oh, das ist einfach. Als die Menschen von der Uno die Grenze zwischen Israel und dem jordanischen Königsreich (das damals die Palästinenser besetzt hat) markiert haben, nahmen sie sehr grobe Landkarten und einen sehr dicken grünen Stift. Und so kam es, dass ein Strich von dem Stift auf der Karte in der Realität ungefähr 500 Meter breit ist, und keiner weiß – ist diese Strasse auf der israelischen Seite? Auf der jordanischen? Auf jeden Fall liegt dieses Haus in einer atemberaubenden Lage – man kann vom Balkon den Ölberg sehen, die Altstadt mit dem Tempelberg, und an einem klaren Tag große Teile der judäischen Wüste.
Sorgenlos wie ich bin habe ich das Auto in einer arabischen Strasse geparkt und bin mit meinem Freund die Treppen hochgeklettert in das Haus. Deutsche, Israelis, und Palästinenser, die meisten mit einer Flasche "Goldstar" in der Hand (das ultimative israelische Bier, das einem am nächsten Tag das Gefühl gibt, man wäre lieber an einem Attentat gestorben) haben uns dort begrüßt. "Servus, Marhaba, Schalom" sind um uns geflogen in jedem Zimmer das wir betraten. Das Haus war offensichtlich ein altes Arabisches Haus – die dicken Steinwände, der Steinboden mit den bunten Mustern, die grünen Fenster, und die hohen, gebogenen Decken sind ein Merkmal für die wunderschöne arabische Baukunst.
Es fühlte sich aber schon ein wenig merkwürdig – wie ein Treffen von Menschen, die im Exil leben, obwohl die meisten von ihnen (und ich ja auch) aus Jerusalem kommen. Aber irgendwie herrschte in dem Raum eine leise Sehnsucht nach Deutschland, die Sehnsucht derer die in Deutschland ein zweites Zuhause, eine Wahlheimat gefunden haben, und die mit aller Kraft zeigen wollten – wir gehören dazu, wir lachen über Ostfriesenwitzen, (habt ihr den gehört – wieso lacht man über die Ostfriesen? Sodass man nicht immer über die Bayern weinen muss), wir lieben gutes Bier und gutes deutsches Brot, wir gehören (nicht nur) zu dieser stickigen Masse von diesen sich gegenseitig abschlachtenden Barbaren des Nahen Ostens.
Der Höhepunkt des Abends war – wie denn sonst – "Dinner for one". Makaber, kann ich sagen, kam es mir vor. Wir Saßen alle in einem Raum, der deutsche Pfarrer der Augusta-Victoria Kirche, mein deutscher Dozent von der Uni, Palästinensische Uno-Mitarbeiter aus den besetzen Gebieten, junge Antifa Mädchen aus Deutschland mit einem Palästinensertuch (oder besser, mit einem Palästinenser) um den Hals, und verlorene Israelis wie ich und mein Freund, und haben mit einer unmöglich bunten Mischung von Akzenten und Sprachfehlern "Same procedure as every year Miss Sophie? Same procedure as every year, James!" gerufen.
Der herbe Geschmack von Exil, der leise Geruch von Fremdsein herrschten im Raum, und ich dachte mir – ich kenne das, aus Deutschland, aus Tel Aviv, und nun auch aus Jerusalem. Und wie der Geruch von Kamelenscheisse auf die man getreten ist, so ist auch das Gefühl des Fremdseins – es lässt einen nie wieder los.
Euch allen einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr,
Euer Ofer
Jedes Mal, wenn ich nach Jerusalem fahre, genieße ich diesen Moment – kurz bevor man die Stadt sieht, in der letzten Kurve von der israelischen Strasse Nummer 1, mache ich das Autofenster auf und atme tief ein.
Gestern Abend bin ich wieder nach Jerusalem gefahren. Mit mir im Auto saß ein guter Freund, der sich ein "Israelischer Weiß-Deutscher" nennt, oder ein "Weißer Deutsch-Israeli", na ja, dass kommt wenn man in Weißrussland geboren wurde, in Israel aufgewachsen ist und in Deutschland lebt. Er ist kurz zu Besuch nach Israel gekommen, und als ich eine Einladung von einem deutschen Zentrum für eine "echte deutsche Silvesterparty" (echt bis auf die Tatsache, dass sie ein Tag zu früh stattfand) bekommen habe dachte ich, ihn nehme ich mit.
Das Zentrum liegt auf der "grünen Linie", der offizielle Name der ehemaligen (und hoffentlich, irgendwann, zukünftigen) Grenze zwischen den Palästinensischen Gebieten und Israel. Ihr fragt, wie ein Haus "auf der Grenze" liegen kann? Oh, das ist einfach. Als die Menschen von der Uno die Grenze zwischen Israel und dem jordanischen Königsreich (das damals die Palästinenser besetzt hat) markiert haben, nahmen sie sehr grobe Landkarten und einen sehr dicken grünen Stift. Und so kam es, dass ein Strich von dem Stift auf der Karte in der Realität ungefähr 500 Meter breit ist, und keiner weiß – ist diese Strasse auf der israelischen Seite? Auf der jordanischen? Auf jeden Fall liegt dieses Haus in einer atemberaubenden Lage – man kann vom Balkon den Ölberg sehen, die Altstadt mit dem Tempelberg, und an einem klaren Tag große Teile der judäischen Wüste.
Sorgenlos wie ich bin habe ich das Auto in einer arabischen Strasse geparkt und bin mit meinem Freund die Treppen hochgeklettert in das Haus. Deutsche, Israelis, und Palästinenser, die meisten mit einer Flasche "Goldstar" in der Hand (das ultimative israelische Bier, das einem am nächsten Tag das Gefühl gibt, man wäre lieber an einem Attentat gestorben) haben uns dort begrüßt. "Servus, Marhaba, Schalom" sind um uns geflogen in jedem Zimmer das wir betraten. Das Haus war offensichtlich ein altes Arabisches Haus – die dicken Steinwände, der Steinboden mit den bunten Mustern, die grünen Fenster, und die hohen, gebogenen Decken sind ein Merkmal für die wunderschöne arabische Baukunst.
Es fühlte sich aber schon ein wenig merkwürdig – wie ein Treffen von Menschen, die im Exil leben, obwohl die meisten von ihnen (und ich ja auch) aus Jerusalem kommen. Aber irgendwie herrschte in dem Raum eine leise Sehnsucht nach Deutschland, die Sehnsucht derer die in Deutschland ein zweites Zuhause, eine Wahlheimat gefunden haben, und die mit aller Kraft zeigen wollten – wir gehören dazu, wir lachen über Ostfriesenwitzen, (habt ihr den gehört – wieso lacht man über die Ostfriesen? Sodass man nicht immer über die Bayern weinen muss), wir lieben gutes Bier und gutes deutsches Brot, wir gehören (nicht nur) zu dieser stickigen Masse von diesen sich gegenseitig abschlachtenden Barbaren des Nahen Ostens.
Der Höhepunkt des Abends war – wie denn sonst – "Dinner for one". Makaber, kann ich sagen, kam es mir vor. Wir Saßen alle in einem Raum, der deutsche Pfarrer der Augusta-Victoria Kirche, mein deutscher Dozent von der Uni, Palästinensische Uno-Mitarbeiter aus den besetzen Gebieten, junge Antifa Mädchen aus Deutschland mit einem Palästinensertuch (oder besser, mit einem Palästinenser) um den Hals, und verlorene Israelis wie ich und mein Freund, und haben mit einer unmöglich bunten Mischung von Akzenten und Sprachfehlern "Same procedure as every year Miss Sophie? Same procedure as every year, James!" gerufen.
Der herbe Geschmack von Exil, der leise Geruch von Fremdsein herrschten im Raum, und ich dachte mir – ich kenne das, aus Deutschland, aus Tel Aviv, und nun auch aus Jerusalem. Und wie der Geruch von Kamelenscheisse auf die man getreten ist, so ist auch das Gefühl des Fremdseins – es lässt einen nie wieder los.
Euch allen einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr,
Euer Ofer
Dienstag, 22. Dezember 2009
Israelisches Tagebuch 17
Dem Polizeibeamten an der Passkontrolle sage ich noch "guten Tag", dem israelischen Sicherheitsbeamten der drei Meter dahinter steht sage ich "Shalom", ich ziehe die eine Identität aus und die andere an, ich trage den 1. FCN Schall und den blauen Pass, ich zahle mit einer deutschen EC-Karte beim Duty-free und stecke die Schokoladen, die ich gekauft habe, in meine Tasche, zwischen dem Buch "Das jüdische Jahrhundert" und Stefan Zweigs "Schachnovelle". Gibt es hier eine Diskrepanz? Passt hier irgendwas nicht zusammen? Diese Welten, meine Welten, sind hinter meinen Augen festgeschrieben, ich muss nicht durch Berlin fahren um zu wissen wie eine Weddinger Wohnung aussieht durch eine verschmutzte S-Bahn Fensterscheibe, dieser exakte Unterton von Grau den man in Israel nicht sehen kann ist mir so vertraut, sodass ich nicht mehr mit dem Finger auf den Moment zeigen kann wo er es noch nicht war.
Ich verlasse Berlin, mal wieder, ich schüttele den Schnee von meinen Schuhen und gehe meine lange Unterhose auf den Flughafentoiletten ausziehen. Das erste Zeichen dass man sich auf dem Weg nach Israel findet ist hier allgegenwärtig – die Sicherheitskontrollen. Ich weiß, ich erwähne dieses Thema sehr oft, aber ich habe nur ein Paar Tage gebraucht um mich wieder einzuberlinern, und der glückliche Blick auf den Gesichtern der Israelis um mich die von fünf verschiedenen Beamten angetastet werden ist mir fremd und rätselhaft.
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Der folgende Satz klingt wie der Anfang eines Witzes – Es treffen sich ein russischer Akkordeonist, eine ukrainische Geigerin, ein weißrussischer Bassist, eine russische Schlagzeugerin, ein deutscher Klarinettist und ein israelischer Hornist (meine Band, halt). (Fast) alle sind Juden, also welche Sprache sprechen sie? Natürlich Deutsch. Was denn sonst? Obwohl so viel Zeit verging, die deutsche Sprache ist das Merkmal der jüdischen Elite geblieben, man spricht sie und fühlt sich gleich intellektueller, man schmeckt den Apfelkuchen im Mund und denkt an große Kirchen und Paläste, an Literatursalons und sonstige kulturelle Angelegenheiten, fein und kostbar, die bei direkter Berührung mit der israelischen Sonne sich in Luft auflösen.
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Berliner Momente – vergammelte Äpfel vor einem Bioladen, 20 Euro das Stück, Feigen die so verpackt sind als ob sie aus Meissner Porzellan wären, und der U-Bahn Fahrer der das Wort "Bitte" bei der Ansage "Einsteigen Bitte" so ausspricht, als ob es der zweite Name seiner Schwiegermutter wäre.
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Ein Passagier bittet mich darum, seiner Tochter Platz zu machen. Na ja, bittet ist zu viel gesagt, er denkt dass ich kein Hebräisch kann und zeigt mit seinen Händen dass ich nach Links rutschen soll. Er liest gerade dass, was ich schreibe, ohne zu versuchen es zu verheimlichen, und ist offensichtlich gestört von der Tatsache dass ich deutsche Worte aus einer hebräischen Tastatur produziere.
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Am Flughafen in Tel Aviv erwartet mich Gili, und eine ganze Menge Celsius-Grade, ich werde den 1. FCN Schall in die Tasche stecken und ihr hebräische Liebesworte sagen. Hand in Hand werden wir zum Auto gehen, den israelischen Sender "Galgalatz" einschalten, und ich werde meiner deutschen Seelenhälfte sagen – gute Nacht, schlaf gut, wir sehen uns in Februar.
Euer Ofer
Ich verlasse Berlin, mal wieder, ich schüttele den Schnee von meinen Schuhen und gehe meine lange Unterhose auf den Flughafentoiletten ausziehen. Das erste Zeichen dass man sich auf dem Weg nach Israel findet ist hier allgegenwärtig – die Sicherheitskontrollen. Ich weiß, ich erwähne dieses Thema sehr oft, aber ich habe nur ein Paar Tage gebraucht um mich wieder einzuberlinern, und der glückliche Blick auf den Gesichtern der Israelis um mich die von fünf verschiedenen Beamten angetastet werden ist mir fremd und rätselhaft.
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Der folgende Satz klingt wie der Anfang eines Witzes – Es treffen sich ein russischer Akkordeonist, eine ukrainische Geigerin, ein weißrussischer Bassist, eine russische Schlagzeugerin, ein deutscher Klarinettist und ein israelischer Hornist (meine Band, halt). (Fast) alle sind Juden, also welche Sprache sprechen sie? Natürlich Deutsch. Was denn sonst? Obwohl so viel Zeit verging, die deutsche Sprache ist das Merkmal der jüdischen Elite geblieben, man spricht sie und fühlt sich gleich intellektueller, man schmeckt den Apfelkuchen im Mund und denkt an große Kirchen und Paläste, an Literatursalons und sonstige kulturelle Angelegenheiten, fein und kostbar, die bei direkter Berührung mit der israelischen Sonne sich in Luft auflösen.
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Berliner Momente – vergammelte Äpfel vor einem Bioladen, 20 Euro das Stück, Feigen die so verpackt sind als ob sie aus Meissner Porzellan wären, und der U-Bahn Fahrer der das Wort "Bitte" bei der Ansage "Einsteigen Bitte" so ausspricht, als ob es der zweite Name seiner Schwiegermutter wäre.
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Ein Passagier bittet mich darum, seiner Tochter Platz zu machen. Na ja, bittet ist zu viel gesagt, er denkt dass ich kein Hebräisch kann und zeigt mit seinen Händen dass ich nach Links rutschen soll. Er liest gerade dass, was ich schreibe, ohne zu versuchen es zu verheimlichen, und ist offensichtlich gestört von der Tatsache dass ich deutsche Worte aus einer hebräischen Tastatur produziere.
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Am Flughafen in Tel Aviv erwartet mich Gili, und eine ganze Menge Celsius-Grade, ich werde den 1. FCN Schall in die Tasche stecken und ihr hebräische Liebesworte sagen. Hand in Hand werden wir zum Auto gehen, den israelischen Sender "Galgalatz" einschalten, und ich werde meiner deutschen Seelenhälfte sagen – gute Nacht, schlaf gut, wir sehen uns in Februar.
Euer Ofer
Sonntag, 13. Dezember 2009
Israelisches Tagebuch 16
Freitag früh war es soweit. Ich habe Gili um drei Uhr in der früh aus dem Bett geholt, sodass sie mich zum Flughafen bringt. Wir sind letztes Jahr so oft geflogen, sie hat ja in New York gelebt und ich in Deutschland, sodass wir uns an Flughäfen heimlich fühlen. Es tut uns beiden gut die großen Anzeigetafeln mit den ganzen Städtenamen zu sehen, das ewige Neon-Tagelicht zu genießen, es gibt uns das Gefühl, wir sind lebendig.
Wer mal schon in Israel am Flughafen war weiß wovon ich rede, wenn ich sage dass die Sicherheitskontrollen diesmal nicht so lang dauerten, also nur 45 Minuten. Die nette Dame mit dem müden Lächeln und dem Revolver in dem Gürtel fragte mich, wo ich wohne, und ich gebe zu – genauso wie vor zwei Monaten, als ich Deutschland verließ – ich habe ein wenig gestottert bevor ich geantwortet habe – Tel Aviv.
Die anderen Israelis in der Schlange vor dem Check-in waren, wie Israelis es so oft in Schlangen sind, unerträglich. "Ich habe nur eine Frage" sagte mir eine Frau, und raste mit drei riesigen Koffern zum Schalter. "Ich war schon vorher da, und musste nur kurz aufs Klo", sagte ein älterer Herr, und mit der Energie eines 16Jährigen überholte er mich und gab seinen Koffer an die Mitarbeiterin von "Israir". In dem Moment überwältigten mich die Müdigkeit, der Zorn und mein Verlangen nach einer Zigarette, und ich murmelte einige Fluchworte auf Deutsch, die (Gott sei Dank) keiner verstand. In dem Moment aber, als die Menschen um mich gehört haben, dass ich Deutsch rede, habe ich an Ansehen gewonnen und bekam endlich auch die Gelegenheit, meinen Koffer abzugeben und weiter zu gehen zum Duty-Free Bereich, wo ich wie immer eine Stange Zigaretten und ein Buch gekauft habe, um dann eine letzte Kippe zu rauchen und zum Einstiegstor zu gehen.
Ich hatte Angst, ich gebe es zu. Ich hatte Angst davor, nicht mehr sprechen zu können, mich nicht mehr als Teil dieser Stadt, dieses Landes zu fühlen, wie ein Tourist also. Am Flughafen Schönefeld ging alles sehr schnell, und plötzlich war ich draußen, in der Kälte, in Berlin. Jetzt kommt noch einmal ein sentimentaler Teil, bitte entschuldigt mich. Ich habe Freudetränen in den Augen gehabt. Und als ich in die S-Bahn gestiegen bin, nur um zu verstehen dass sie aufgrund von Störungen nicht dahin fährt, wo ich hin muss, habe ich es gespürt – ich bin zuhause.
Was soll ich noch schreiben? Ich habe schon Glühwein getrunken, und Maroni gegessen, ich fahre von Freunden zu Freunden auf meinem Motorrad das treu auf mich gewartet hat, ich spiele wieder mit meinen geliebten "Meschugeles" (wer uns nicht kennt – "Di Meschugeles" sind meine Klezmer-Balkan Musikgruppe), ich bin also, kurz gesagt, glücklich. Gestern, auf dem Weg von Prenzlauerberg nach Charlottenburg, wo ich jetzt wohne, musste ich auf eine Ampel warten, die ewig rot war. Ein Autofahrer, der gesehen hat wie sehr ich friere, ließ mich vorfahren – und ich dachte, ich bin im Himmel. In Israel würde so was nie passieren. Na ja, in Israel friert man aber auch nicht.
Frohen dritten Advent,
Euer Ofer
Wer mal schon in Israel am Flughafen war weiß wovon ich rede, wenn ich sage dass die Sicherheitskontrollen diesmal nicht so lang dauerten, also nur 45 Minuten. Die nette Dame mit dem müden Lächeln und dem Revolver in dem Gürtel fragte mich, wo ich wohne, und ich gebe zu – genauso wie vor zwei Monaten, als ich Deutschland verließ – ich habe ein wenig gestottert bevor ich geantwortet habe – Tel Aviv.
Die anderen Israelis in der Schlange vor dem Check-in waren, wie Israelis es so oft in Schlangen sind, unerträglich. "Ich habe nur eine Frage" sagte mir eine Frau, und raste mit drei riesigen Koffern zum Schalter. "Ich war schon vorher da, und musste nur kurz aufs Klo", sagte ein älterer Herr, und mit der Energie eines 16Jährigen überholte er mich und gab seinen Koffer an die Mitarbeiterin von "Israir". In dem Moment überwältigten mich die Müdigkeit, der Zorn und mein Verlangen nach einer Zigarette, und ich murmelte einige Fluchworte auf Deutsch, die (Gott sei Dank) keiner verstand. In dem Moment aber, als die Menschen um mich gehört haben, dass ich Deutsch rede, habe ich an Ansehen gewonnen und bekam endlich auch die Gelegenheit, meinen Koffer abzugeben und weiter zu gehen zum Duty-Free Bereich, wo ich wie immer eine Stange Zigaretten und ein Buch gekauft habe, um dann eine letzte Kippe zu rauchen und zum Einstiegstor zu gehen.
Ich hatte Angst, ich gebe es zu. Ich hatte Angst davor, nicht mehr sprechen zu können, mich nicht mehr als Teil dieser Stadt, dieses Landes zu fühlen, wie ein Tourist also. Am Flughafen Schönefeld ging alles sehr schnell, und plötzlich war ich draußen, in der Kälte, in Berlin. Jetzt kommt noch einmal ein sentimentaler Teil, bitte entschuldigt mich. Ich habe Freudetränen in den Augen gehabt. Und als ich in die S-Bahn gestiegen bin, nur um zu verstehen dass sie aufgrund von Störungen nicht dahin fährt, wo ich hin muss, habe ich es gespürt – ich bin zuhause.
Was soll ich noch schreiben? Ich habe schon Glühwein getrunken, und Maroni gegessen, ich fahre von Freunden zu Freunden auf meinem Motorrad das treu auf mich gewartet hat, ich spiele wieder mit meinen geliebten "Meschugeles" (wer uns nicht kennt – "Di Meschugeles" sind meine Klezmer-Balkan Musikgruppe), ich bin also, kurz gesagt, glücklich. Gestern, auf dem Weg von Prenzlauerberg nach Charlottenburg, wo ich jetzt wohne, musste ich auf eine Ampel warten, die ewig rot war. Ein Autofahrer, der gesehen hat wie sehr ich friere, ließ mich vorfahren – und ich dachte, ich bin im Himmel. In Israel würde so was nie passieren. Na ja, in Israel friert man aber auch nicht.
Frohen dritten Advent,
Euer Ofer
Dienstag, 8. Dezember 2009
Israelisches Tagebuch 15
Es wird ein kurzer Eintrag, vielleicht nur ein Gedanke.
Heute Abend haben wir ein Konzert gespielt, in Rishon LeZion. Dvoraks Cellokonzert, La Wals von Ravel, ein unerträgliches israelisches zeitgenössisches Stück, und zum krönenden Abschluss, die Orchestersuite aus "Der Rosenkavalier" von Strauss. Ich habe den Rosenkavalier schon gespielt, in Berlin und in Nürnberg. Die Bilder, die ich im Kopf habe wenn ich diese Musik spiele, sind aber aus Salzburg – wo ich die Wiener Staatsoper mit einer prächtigen Inszenierung erlebt habe. Schöne Frauen, schöne Männer, schöne Kleider, großzügiges Bühnenbild, nach bestem österreichischen Geschmack.
Der letzte Akkord verschwand im Konzertsaal, der (deutsche) Dirigent lies das Orchester aufstehen, und das Publikum applaudierte freudig und laut. Ich ging mit meinen Kollegen von der Bühne ins Treppenhaus, und dann in den großen Orchesteraufenthaltsraum. An einer Seite des Raums steht ein riesiger Fernsehapparat, auf dessen Bildschirm grade die Nachrichten liefen. Ich schaute sie kurz an, beim Vorbeigehen. Siedler, zornig und handgreiflich, füllten die Bildfläche. Sie kämpften heute gegen die Polizei, weil diese ihnen das Regierungsbefehl erteilen wollte, in dem steht – sie dürfen für die nächsten 10 Monate in den Siedlungen nichts bauen. Für sie ist das ein böses Omen, ein Vorspiel für die Evakuierung die mit einem Friedensprozess verbunden ist. Also kämpfen sie mit allen Mitteln dagegen. Vor meinen Augen sehe ich wie hassvoll sie alles beschimpfen, was mir heilig ist. Sie hassen die Linken, sie hassen die Araber, sie hassen Obama und Netanyahu, sie hassen, glaube ich, Menschen wie wir.
Ich kam aus meiner heilen Welt der K und K Monarchie und begriff, auf einmal, wo ich lebe. Wird es hier zu einem Bürgerkrieg kommen? Das Wort ist dem heutigen israelischen Dialog nicht fremd. Wird er aber kommen? Oder werden wir in ein anderes gegenseitiges Abschlachten mit den Arabern gespült? Ich fühle mich wie jemand der einer gigantischen Katastrophe entgegen geschleudert wird, klein und machtlos. Oh je.
Gute Nacht aus Tel Aviv,
Euer Ofer
Heute Abend haben wir ein Konzert gespielt, in Rishon LeZion. Dvoraks Cellokonzert, La Wals von Ravel, ein unerträgliches israelisches zeitgenössisches Stück, und zum krönenden Abschluss, die Orchestersuite aus "Der Rosenkavalier" von Strauss. Ich habe den Rosenkavalier schon gespielt, in Berlin und in Nürnberg. Die Bilder, die ich im Kopf habe wenn ich diese Musik spiele, sind aber aus Salzburg – wo ich die Wiener Staatsoper mit einer prächtigen Inszenierung erlebt habe. Schöne Frauen, schöne Männer, schöne Kleider, großzügiges Bühnenbild, nach bestem österreichischen Geschmack.
Der letzte Akkord verschwand im Konzertsaal, der (deutsche) Dirigent lies das Orchester aufstehen, und das Publikum applaudierte freudig und laut. Ich ging mit meinen Kollegen von der Bühne ins Treppenhaus, und dann in den großen Orchesteraufenthaltsraum. An einer Seite des Raums steht ein riesiger Fernsehapparat, auf dessen Bildschirm grade die Nachrichten liefen. Ich schaute sie kurz an, beim Vorbeigehen. Siedler, zornig und handgreiflich, füllten die Bildfläche. Sie kämpften heute gegen die Polizei, weil diese ihnen das Regierungsbefehl erteilen wollte, in dem steht – sie dürfen für die nächsten 10 Monate in den Siedlungen nichts bauen. Für sie ist das ein böses Omen, ein Vorspiel für die Evakuierung die mit einem Friedensprozess verbunden ist. Also kämpfen sie mit allen Mitteln dagegen. Vor meinen Augen sehe ich wie hassvoll sie alles beschimpfen, was mir heilig ist. Sie hassen die Linken, sie hassen die Araber, sie hassen Obama und Netanyahu, sie hassen, glaube ich, Menschen wie wir.
Ich kam aus meiner heilen Welt der K und K Monarchie und begriff, auf einmal, wo ich lebe. Wird es hier zu einem Bürgerkrieg kommen? Das Wort ist dem heutigen israelischen Dialog nicht fremd. Wird er aber kommen? Oder werden wir in ein anderes gegenseitiges Abschlachten mit den Arabern gespült? Ich fühle mich wie jemand der einer gigantischen Katastrophe entgegen geschleudert wird, klein und machtlos. Oh je.
Gute Nacht aus Tel Aviv,
Euer Ofer
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