Mittwoch, 7. März 2012

Israelisches Tagebuch 52

Liebe Freunde,

Ich verrate Euch ein kleines Geheimnis, Ihr müsst mir aber versprechen, mir nicht allzu sehr böse zu sein. Ich war nämlich letzte Woche für ein Paar Tage in München, und habe mich ja bei keinem gemeldet – mit einer guten Ausrede, allerdings. Es handelte sich um einen Forschungsbesuch zwecks meiner These, und ich war von früh bis spät im Archiv einer gewissen sudetendeutschen Organisation begraben, um Berge von Büchern und Akten zu lesen. Ich wäre liebend gerne zumindest nach Nürnberg gefahren, die Zeit war dafür einfach zu knapp. Soviel zu meiner guten Ausrede.

An einem Abend habe ich eine Karte für die bayerische Staatsoper bekommen, es gab meine geliebte "Butterfly", und so fand ich mich in einem See von gut gekleideten Münchnern und Münchnerinnen, das rollende "R" flog mir um die Ohren, und meine schicke neue H&M Kordjacke kam mir von wie ein gebrauchter Waschlappen aus dem 19ten Jahrhundert. Aber was tut man nicht für die Kunst!...

Die Vorstellung war wunderbar, das Bühnenbild traditionell und schön, und beim letzten Akt habe ich wie immer Tränen in den Augen gehabt. Bevor ich hier aber meine übertrieben romantische Seele auf Eure Bildschirme schmiere, erzähle ich Euch von einer wunderbaren Begegnung die ich direkt nach der Vorstellung hatte.

Ich wusste nämlich dass mein alter Freund aus Berliner Zeiten, S., eine Stelle im Staatsorchester hat. Und tatsächlich, als ich zum Orchester geschaut habe, sah ich sein unverkennbares Gesicht. Nur die Haare waren lediglich etwas ergraut. Nach dem Applaus habe ich mich dann so schnell wie möglich zum Bühneneingang begeben, um ihn zu erwarten.

Und tatsächlich – nach ein Paar Minuten – kam er raus. Er sah mich an, und blieb stehen, wie vom Blitz getroffen. "Ofer?!!" – er konnte es nicht glauben – "Was machst denn Du hier?". Man muss dazu sagen, wir haben uns seit ca. 8 Jahren nicht mehr gesehen, sodass die Überraschung durchaus berechtigt war. Er liest zwar ab und zu (na ja, wahrscheinlich mehr ab als zu) diesen Blog, aber wie Ihr wusste er nicht dass ich in die bayerische Hauptstadt komme. Wir sind dann ein Paar Biere trinken gegangen, und haben uns für den nächsten Abend wieder verabredet.

Und so kam es, dass wir am nächsten Tag in der Nähe des Max-Weber-Platzes, gemeinsam mit ein Paar anderen Kollegen aus Berliner Zeiten, das wunderbare helle bayerische Bier genossen haben. Wieso aber erzähle ich es Euch? Bis jetzt, muss ich gestehen, ist die Geschichte schön aber doch nicht so interessant. Es war das bei mir entstandene sonderliche Gefühl, das mich zum Beschreiben dieser Gegebenheit veranlasst.

Wie ich da saß, und mich mit S. und D. ausgetauscht habe, wie geht es jenem und was machen die und der, habe ich das Gefühl erwartet, dass ich immer beim Unterhalten mit Freunden aus Deutschland habe – Neid. Klingt hart, ich weiß, aber es entspricht der Wahrheit. Neid. Neid darüber, dass diese Freunde weiter in solchen Spitzenorchestern sitzen, mit den besten Kapellmeistern und Sängern, mit einem Gehalt das das Drei- bis Fünffache von meinem ist, mit einer (von ihnen oft unterschätzten) Ruhe, Ruhe im Leben, Ruhe im musikalischen Schaffen. Neid über das unbeschwerte Leben, darüber, dass sie zur Arbeit fahren können durch Strassen die gut und sicher sind, dass sie wissen, Ihr Arbeitsplatz ist bis zum Ende aller Zeiten sicher, und darüber, klingt ja fast schon makaber, dass ihr blöder Ministerpräsident nicht mit ihrem Leben gegen einen anderen blöden Iraner pokert, von wegen "schau wer die größere Rakete hat".

Aber er kam nicht, dieser Neid. Gar nicht. Es ist nicht so, dass alle von mir geführten Gründe keinen Bestand hätten. Haben sie ja auch. Bei Euch ist zurzeit die größte Gefahr, dass die FDP verschwindet, bei mir hier droht eher das gesamte Land zu verschwinden. Und doch – und doch saß ich da, und habe mich gefreut. Und war auch ein wenig stolz. Stolz darüber, dass ich trotz des schweren Umzugs nach Israel es geschafft habe, Kontakt zu meinen Freunden – zu Euch – zu behalten. Dass ich es hier geschafft habe, eine herzschmelzende Familie aufzubauen. Dass ich ein Studium gefunden habe, wo ich meine breiten Fachkenntnisse über Deutschland zum Ausdruck bringen kann. Dass es inzwischen viele Menschen gibt, die meine – diese – Worte gern lesen, sich darüber Gedanken machen, diese Worte an andere verschicken, darauf reagieren. Dass ich in einem Orchester sitze und meine Erfahrungen und das, was ich von meinen Freunden und Kollegen in Berlin und Nürnberg gelernt habe weitergeben kann. Ich blickte halt nicht mehr neidisch darauf, was S. und D. haben – obwohl ihr Leben durchaus beneidenswert ist – sondern war stolz, dass auch ich mal ein solches Leben geführt habe, ja, sogar mehr – dass ich mich so glücklich schätzen kann, dieses Leben einmal geführt zu haben. Ich hatte ja immer Angst, meine Verbindung zu Deutschland zu verlieren, dass die zehn Jahre die ich unter Euch verbracht habe keinen bleibenden Eindruck hinterlassen werden. Aber die Tatsache, dass ich das hier schreibe, dass Ihr das lest, die Tatsache, dass S. sich so gefreut mich wieder zu sehen und mich anerkannt hat (das ist ja das Wort, "Anerkennung"), dass M. aus dem Hochtaunus mit mir wieder den Kontakt aufgenommen hat, dass die Familie S. zu mir nach Israel kommt und Familie L. auch schon hier war, dass meine teuere M. mit ihrer Tochter uns auch bald besucht, und das, obwohl ich schon seit 2.5 Jahre nicht mehr in Deutschland lebe – ja Ihr merkt, ich könnte weiter und weiter schreiben, ich erwähne hier ja nur einen Bruchteil dessen, was ich an Kontakte mit meiner "alt-neuen" Heimat habe – das sind alles Zeugnisse, dass ich um meinen "deutschen Platz" nicht fürchten kann, und sogar mehr – dass ich mich mit meinem Leben hier versöhnt habe.

Bevor ich diesen glücklichen Eintrag zum Abschluss bringe, habe ich eine "Redaktionsbemerkung" – oder wie man es üblicherweise in Zeitungen bezeichnet, "in eigener Sache". Anscheinend ist man auch außerhalb von meinem Freundeskreis an meine Zeilen interessiert, sodass ich mich damit ein wenig auseinandersetzen muss, wie ich diesen Blog in Zukunft gestalte. Ich werde ihn weiter an Euch schicken – er wird aber vermutlich ein wenig allgemeiner werden, also nicht nur für das "Fachpublikum" das die Gerüche von Hornventilöl und Falafelfrittieröl voneinander unterscheiden kann. Ich wäre auch über jede Anregung dankbar, über jeden Themenvorschlag, da Ihr schon wahrscheinlich müde davon seid, meine deutsch-israelische Seelenachterbahn zu verfolgen.

Euch allen schicke ich die liebsten Grüße,

Euer Ofer

Mittwoch, 25. Januar 2012

Israelisches Tagebuch - Gastbeitrag













Liebe Freunde,

ausnahmsweise stelle ich einen Gastbeitrag in meinen Blog, und zwar keinen gewöhnlichen. Es handelt sich um einige Bilder, die mein guter Freund und begnadeter Fotograf Kai von Kotze aus Nürnberg, der sich gerade auf Welttour befindet, während seines Israelbesuchs geschossen hat. Es sind Bilder aus Ramallah – und Kai war so freundlich es mir zu erlauben, sie als Ergänzung zu den letzten Beiträgen hinzuzufügen.

Ich habe zwei weitere Bilder, die ich selber beim Check Point Kalandia gemacht habe, auch hinzugefügt.

Alle Kommentare, Fragen oder Anregungen zu diesen Bildern können wie immer bei meinem Blog hinterlassen werden – Kai wird sie dort lesen können – oder direkt an seine Emailadresse kaivonkotze@gmail.com geschickt werden.

Die Bilder sprechen für sich – deswegen schreibe ich diesmal nichts dazu.

Liebste Grüße,

Euer Ofer

Sonntag, 15. Januar 2012

Israelisches Tagebuch 51

Beachtung

(Eine Fortsetzung des letzten Eintrags)

Es ist merkwürdig – es gibt keine Pause zwischen Jerusalem und Ramallah. Das ist wahrscheinlich der Musiker in mir der das Wort "Pause" dafür verwendet, gemeint ist – zwischen den beiden Städten gibt es keine Lücke, beinah hätte ich gesagt – keine klare Trennung, die gibt es aber, obwohl man über die Wortwahl "klar" ja streiten könnte. Jerusalem streckt sich ja bis zum Check Point, die Palästinenser die auf der "anderen" Seite leben behaupten aber von sich, sie seien ja auch noch Jerusalemer, es ist halt so – und das ist keinesfalls nahöstlich – der Mund spricht eine Sprache, der Pass eine andere, die Mauer eine dritte.

Im fließenden Übergang wird Jerusalem zu Ramallah, gleiche Steinhäuser, gleiche nasse, rotdunkle Erde, nur die Werbeschilder sind auf einmal auf Arabisch. Ich war eigentlich nie in dieser Stadt, und jetzt, da es ja "Spannungen" gibt, verbietet es die Armee. Ich musste ein Formular ausfüllen, auf dem es stand – "es ist mir durchaus bewusst dass ich mich in ein Kampfgebiet begebe, dass ich Tod und Verletzungen riskiere, und dass ich, falls es brennslich wird, von keinem irgendwelche Rettungsmaßnahmen erwarten dürfte". Nett.

Ich merkte keine Spannungen, nur dass die Preise die neben den bunten Handybildern auf den Werbetafeln wesentlich niedriger sind als bei uns. Ihr merkt, ich versuche jegliche Klischees auszuweichen. Überhaupt, ich dachte, ich beende diesen Beitrag mit der Geschichte von Kalandia. Aber es kamen zwei Reaktionen, die mich zum Weiterschreiben bewegt haben. K. aus New York meinte, es sei schwierig, mit Palästina unpolitisch umzugehen. Das stimmt – ich habe versucht, die Bilder des Lebens die sich mir durch die Busfenster zeigten mithilfe meines politischen Wissens zu entziffern. Komischerweise gelang es mir nicht. Ich wollte mich wie ein Tourist, ich wollte mich wie im Ausland fühlen, es ging aber nicht. Es war kein Ausland. Es war sogar weniger Ausland als Bayern einem Berliner Ausland ist.

Die zweite Reaktion kam von M. aus Berlin. "Gruselig," so hörte sich das an, meine Beschreibung von Kalandia, "schwarz weiß und ein Bisschen nach Momo im Nahen Osten." Diese Reaktion machte mich ebenfalls sehr nachdenklich. Schwarz weiß wie im Film? Das wäre eigentlich nicht schlecht, da schwarz weiße Filme ja geeignet sind, die Kanten, die Konturen einer Realität deutlicher zu zeigen. Und wenn man in einer Realität lebt, deren Konturen durch das alltägliche Stumpfwerden auf Dauer zu verschwimmen drohen, ist so was manchmal vom Vorteil. Aber so sehr ich mich danach sehne, Momo im Nahen Osten zu sein, gelingt es mir nicht. (In einer Zwischenbemerkung muss ich gestehen – in Deutschland gelang es mir besser. Es ist aber eine andere Geschichte.)

Üblicherweise wurde uns Arafats Ruhestätte gezeigt, es hat geregnet und wir blieben im Bus, ich drückte meine Nase gegen die kalte Scheibe und schaute den Mammutsbau an, wo der Gründervater des modernen Palästina liegt. Davor streckt sich ein großer Platz, wo alle Flaggen der Staaten, die dem Staat Palästina ihre Anerkennung zusicherten, sich nass an ihren Stangen klatschten. Das schwarz-rot-goldene deutsche Morgengrauen fehlte, wie die amerikanische oder israelische Flagge. Was für eine Überraschung.
Wir verließen Ramallah, und fuhren durch idyllische Dörfer bis wir die riesige Baufläche der neu gegründeten Stadt Rawabi erreichten. Die Zeit war knapp, also wurden wir schnell in einen kleinen Saal geeilt, wo der Projektleiter uns eine ausführliche Darstellung der Bauarbeiten ablieferte. Er redete und redete, und ich konnte den Gedanken nicht vermeiden - so sahen sie aus, die Väter des Zionismus, als sie vor über hundert Jahren über die Gründung Tel Avivs sprachen, und so wie sie, werden wahrscheinlich aus nach diesem Mann irgendwann ein Platz oder eine Grundschule genannt.

Aber es fehlte mir etwas. Er sprach über Bauelemente, über die Lieferanten des Projekts, über Umweltschutz und Schulbau, über Grünanlagen und Beschäftigungsaussichten, über die nah liegende Bir-Seet Universität, über Strassen und Laternen und Solaranlagen und und und. Aber er verlor kein Wort über Israel. Über mich. Über seinen Nachbar, der ihm gegenüber saß und höflich Notizen machte. Er erwähnte kurz, die Siedlung die auf dem Berg nebenan liegt erschwere den Bau der Hauptstrasse zwischen Ramallah und der neuen Stadt Rawabi. Ich schaute aus dem Saalfenster. Die Kräne tanzten ihren Tanz, hoben und senkten Steine und Metallstangen. Und in der klaren Luft, im entfernten Horizont, konnte man die Hochhäuser Tel Avivs sehen.

Ich nehme an, hier gilt der Satz – so wie Du mir, so ich Dir. Es ist aber ein beschießenes, wenn auch wohlverdientes Gefühl, unbeachtet zu sein. Nicht anerkannt, wenn auch als den Bösen in der Geschichte.

Danach, im luxuriösen Mövenpick Hotel in Ramallah, trafen wir den eigentlichen Gründer von Rawabi. In der Luft hing eine dünne Marlboro Wolke, es wurde Kaffee serviert, und er – Bashar al Masri – hielt eine kurze Rede, in der er Israel doch immer wieder erwähnte, als Inspiration, nicht mehr und nicht weniger – und als Quelle von vielen der Produkten, die für den Bau notwendig sind. (Ironie des Schicksals, muss man sagen. Die Palästinensischen Bauarbeiter bauten über vierzig Jahre unsere Siedlungen. Jetzt bauen wir die palästinensische Antwort darauf.) Aber als Nachbar fehlte auch hier jede Erwähnung. So wie Du mir, so ich Dir.

Später, als wir in einer Bar in der Ramallah City zusammen saßen um dem Tag einen würdigen Abschluss zu geben, fragte ich den Organisator wo die Toiletten seien. "Eine Etage tiefer, aber tue mir den Gefallen, lass Dich nicht als Israeli erkennen. Naja, so wie Du aussiehst wird es kein Problem sein, " er klopfte auf meine Schulter, und rückte meine H&M Kordjacke zurecht, "aber sei achtsam."

Ich kletterte die Treppen herunter, und ging in einen schmalen Gang, über dem das internationale Frau-Mann Zeichen hing. Vor der Tür wartete ein Bursche und grinste mich an, ich schätzte ihn nicht älter als 22 Jahre. "You are not from here", sagte er fragend, und Ich spürte meinen Herzschlag im Hals, immer schneller. Angst? "No no", sagte ich und versuchte ebenfalls zu grinsen. "I come from Germany." "Germany?", seine Augen leuchteten, "Wonderful! I love Germany! I think you are great! I am Mahmmud. What is your name?". Ich musste nicht mal eine Denkpause anlegen, den Drill kenne ich schon, aus Konzerten in braunen Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern, oder aus der Jerusalemer Altstadt zu Zeiten des zweiten palästinensischen Aufstandes, der Intifada.

"Stefan", grinste ich, und versuchte, wie ein Stefan auszusehen. "nice to meet you."

Ich bin im Bus eingeschlafen und merkte gar nichts vom Rückweg nach Jerusalem. Alle waren müde, und so gingen wir still auseinander, ich stieg in mein Auto, schimpfte auf meine nicht funktionierenden Scheibenwischer, und fuhr los, Richtung Tel Aviv, nachhause, zu Ori. Ich versuchte unbeachtet ins Bett zu klettern, Gili schlief ruhig weiter, aber Ori, die meine sensiblen Ohren bekommen hat, öffnete kurz die Augen. "Aba", murmelte sie, "Papa."

Seid alle liebst gegrüßt,

Euer Ofer

Mittwoch, 11. Januar 2012

Israelisches Tagebuch 50

Wer Harry Potter gelesen hat, kennt diesen Moment am Bahnhof, in dem man das Gleis Nummer "viereinhalb" sucht. Um daran zu gelangen, in diese Spalte innerhalb der Realität, muss man seine Augen schließen und gegen eine Wand laufen, eine magische Pforte in eine Zauberwelt.

Der Weg zum Diplomatenviertel in Jerusalem ist ein ähnlicher. Es befindet sich in einer Grauen Zone, zwischen "unserem" und "ihrem" Jerusalem, das eine erkennt das andere nicht, kann es aber nicht ignorieren. Diese zwei Jerusalems umarmen sich unfreiwillig, nicht zu fest, um die Einwohner der anderen Seite nicht zu berühren, nicht zu locker, wahrscheinlich weil jede Hälfte davor Angst hat, die andere zu verlieren, oder vielleicht sogar sich selbst.

Man fährt von der Altstadt gen Norden, vorbei an dem berühmten "American Colony" Hotel, ehemaligem Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde in Jerusalem, vorbei an Scheich G´arach, Schauplatz zahlreicher Auseinandersetzungen zwischen Landhungrigen rechtsextremen Israelis und Dach-über-dem-Kopf hungrigen Palästinensern. Man fährt rechts Richtung Ölberg, Mt. Scoupus, Augusta Victoria, und da, zwischen dem westlichen, israelischen Jerusalem und dem arabischen, östlichen, an diesem "viereinhalb" Gleis, liegt das Diplomatenviertel. Schweden, Spanier, Belgier, eng beisammen sitzend, dicke Autos mit europäischen Kennzeichen und dicken Scheiben, nasse, hohe Steinmauern, und ein Souvenirladen mit Kreuzen aus Olivenholz.

Eine kurze Erklärung – Jerusalem wird nicht als die Hauptstadt Israels anerkannt. Alle Botschaften befinden sich in Tel Aviv – auch die deutsche. Die Diplomaten die in Jerusalem sitzen beschäftigen sich ausschließlich mit der palästinensischen Bevölkerung. Das heißt nicht, es sitzt dort zum Beispiel eine amerikanische Konsulat für Palästina – könnt Ihr Euch einen amerikanischen Präsidenten vorstellen, der einen solchen Satz über die Lippen bringt? – es ist einfach "Eine Vertretung in Ost-Jerusalem". Eine Vertretung die die Hauptstadt, in der sie sitzt, nicht anerkennt, oder doch, aber als eine Hauptstadt eines Staates, den es (noch) nicht gibt. Klar doch. Bonn und Berlin, in einem vereint.

An einem nassen Morgen traf ich mich dort mit einer Gruppe von Palästinensern und Israelis, organisiert (und finanziert) von einer deutschen Stiftung. Geführt wurde die Gruppe von einem jüdischen Israeli deutsch-amerikanischer Herkunft, selber eine Art "viereinhalb" Gleis, (eben an einem anderen Bahnhof), und dementsprechend auch charmant und kosmopolitisch. Der Grund dieses Treffens war eine gemeinsame Reise nach Ramallah, die größte palästinensische Stadt im Westjordanland (nach Jerusalem – aufgepasst!), Sitz der Autonomiebehörde und Zentrum der jungen palästinensischen Wirtschaft.

Es ist viel auf dieser Reise passiert. Zu viel, um alles beschreiben zu können. Wir haben eine neu gegründete Stadt namens Rawabi gesehen, die mit Geld aus Katar, Arbeitern aus dem Westjordanland, Küchentüren aus Bethlehem und Zement aus Israel gebaut wird. Wir haben das neuste Hotel Ramallahs gesehen, Mövenpick, fünf Sterne, groß und beeindruckend, mit einer ewigen, doch so nahöstlichen Marlboro Wolke auf jeder Etage.

Aber das alles wird auf ein anderes Mal warten müssen. Ich will Euch hier über einen Ort erzählen, der an keinem Gleis liegt, einen Ort, um dessen Zugang zu erreichen man auch gegen eine Wand laufen muss, aber die Wand ist hart und man knallt sich dagegen, immer wieder. Dieser Ort ist der Check-point-charlie des 21. Jahrhunderts, die liegen ja überall, diese Check-point-charlies, im internationalen Gewässer vor der Küste Italiens, oder an dem Rio Grande im Süden der USA. "Hier hört die westliche Welt auf" – kennt Ihr diesen Satz? Friedrichstrasse, U-Bahnhof Kochstrasse, Café Adler und John la Carre. Bei uns heißt der Ort Kalandia. Kalandia, mit einem "K" das tief im Hals sitzt, mit sechs Meter hohen Mauern, auf denen, wie ein Friseur aus den 80gern, Stacheldrahtlocken. Das ist das wichtigste Tor zwischen Ramallah und Jerusalem, hier passieren jeden Tag tausende Siedler, Palästinenser, UNO Mitarbeiter, Diplomaten, Militärs.

Ich blickte auf mein neues, schickes Handy, und schaute nach der Uhr. Es war kurz nach Mittag, und ich dachte – Ori schläft jetzt ein, ob ich das Kindermädchen anrufen sollte, lieber nicht, ich wollte keine Verbindung herstellen zwischen Kalandia und dem Schlafzimmer meiner Tochter.

Der Bus fuhr glatt durch das Tor, unkontrolliert, klar doch, wir fahren ja aus Israel raus. Besatzungstourismus. "Wollt Ihr es sehen?" fragte der geübte Grenzgänger der uns führt. Der Busfahrer navigierte auf den Parkplatz, eine viertel Stunde haben wir, dann müssen wir weiter. Ein Mädchen aus unserer Gruppe kennt sich hier aus, "folgt mir," sagte sie, wir gingen in eine Halle, Wellblech und erdrückender Geruch von Urin, und ein kleiner Junge der mit seinem Fahrrad durch die doch kühle Jerusalemer Luft in der Halle seine 8ter dreht. Hier warten jeden morgen die Palästinenser, die aus den "Gebieten" (wie in Israel das Westjordanland heißt) nach Jerusalem wollen. Einige von ihnen wollen arbeiten, andere müssen in ein israelisches Krankenhaus, vielleicht einen Verwandten besuchen. Die Siedler und Europäer dürfen im Auto sitzen bleiben, sie müssen erst gar nicht in diese Halle, sie werden durch das Tor durchgewunken.

Die Halle ist jetzt fast leer, man hört von draußen ein Radio aus einem mit offenen Fenstern stehenden Taxi und das summen der Fahrradreifen des kleinen Jungen, der immer noch seine 8ter um uns dreht, ich schaue ihn an, er kommt mir leicht behindert vor, mit einem stummen Lächeln. Ein alter Mann kommt auf uns zu. Krummer Gang, leicht unrasiert, eine Marlboro Zigarette brennt zitternd in seiner Hand. Er bleibt vor uns stehen. "Das ist Kalandia hier, Kalandia, versteht Ihr, " sagt er auf englisch mit unverkennbarem arabischen Akzent, legt eine kurze Pause, und fährt fort mit einer kurzen Rede, die schon gut geübt ist. Die Soldaten, was ist das für ein Leben, die schmalen Durchgänge, was ist das für ein Leben, von Ramallah nach Jerusalem sind es einige Kilometer, am morgen dauert es aber über zwei Stunden, "was ist das für ein Leben," sagt er, und bleibt plötzlich still. Sein Blick wandert von einem zum anderen, er schaut, wie gut die Rede bei uns ankam, er merkt dass etwas nicht stimmt. Wo wir herkämen, will er wissen. "Palästina, Israel, Deutschland" sagen wir durcheinander. Er ist offensichtlich enttäuscht, er hat sich vielleicht eine Spende erhofft. Er nimmt einen langen Zug von der zitternden Zigarette. Besatzungstourismus.

Da, wo die Halle in viele Gänge mündet, jeder so breit für einen einzigen Menschen, steht ein Schild, "Angenehme Aufenthalt", und darunter eine Uhr, die stillsteht. Mir wird schlecht und ich kehre in den Bus zurück. Wir fahren weiter, jetzt sehe ich die andere Seite von der Mauer, riesige Graffiti von berühmten Palästinensern die in israelischen Gefängnissen sitzen, einige Bilder erkenne ich wieder, sie sind auch bei uns berühmt, einige wurden sogar in dem "Schalit-Geschäft", dem Umtausch gegen den israelischen Soldaten, aus dem Haft entlassen. Wir kommen an einem Verkehrskreis. Ein kräftiger Mann, Mitte dreißig, läuft hin und zurück über den Kreis, dirigiert die Autos. Er trägt keine Uniform – wir sind noch zu nah an dem Check Point, er traut sich nicht – aber alle geben ihm, dem Ampelmann, den nötigen Respekt. Unser Busfahrer aber versucht etwas zu schnell in den Kreis zu fahren, und wird prompt mit einem bösen Blick begegnet. Ich lehne meinen Kopf zurück, und schaue auf die Uhr im Bus. Sie blinkt eine unbestimmte Zeit, und ich denke an Ori, und hoffe dass sie noch schläft wenn ich hier rauskomme.

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Liebe Grüße,

Euer Ofer

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Israelisches Tagebuch 49


Liebe Freunde,

wie lang ist es her – ein halbes Jahr? Vielleicht sogar mehr. Als ich Euch zum letzten Mal schrieb, wohnten wir noch im Zentrum von Tel Aviv, Ori hob nur mit viel Mühe den Kopf, der arabische Frühling war noch sonnig und warm, und Lafontaine knutschte die Wagenknecht noch hinter (roten) verschlossenen Vorhängen.

Jerusalem ist ein wenig winterlich geworden, es überrascht mich, es überrascht die Menschen auf den Straßen, obwohl der Dezember seinem Ende zuneigt und die ersten Hannucka Kerzen schon brennen. Die letzten Wochen waren eigentlich ganz schön warm – am letzten Wochenende haben wir Ori´s ersten Geburtstag draußen gefeiert, auf dem Spielplatz vor unserer neuen Wohnung im Norden Tel Avivs.

Ich dachte – die Tatsache, dass ich nicht mehr schreibe, ist ein trauriger Beweis der menschlichen Natur. Ich entferne mich von meinem früheren Leben in Deutschland (von Deutschland entferne ich mich kaum. Ich lese, schriebe und rede soviel Deutsch wie seit längerer Zeit nicht mehr – wegen meines Studiums), ich weiß nicht mehr, was auf dem Spielplan in Nürnberg steht, ich weiß nicht mehr, ob die S-Bahn in Berlin noch (oder schon) fährt, ich weiß dass der Rösler der neue FDP-Mann ist, es steht im von mir abbonierten "SPIEGEL", aber egal wie oft ich da drin blättere, nirgends steht dort welcher Laden an meiner Ecke in Berlin zu- oder aufgemacht wurde, oder ob man beim "Wanderer" noch draußen sitzen kann.

Aber dann kam eine Traurige Nachricht aus Berlin, und auf einmal habe ich gemerkt – auch wenn das Leben mich in seinem starken Fluss manchmal überwältigt, bleibt ein Teil von mir immer da, in Deutschland, wo ich immerhin zehn Jahre meines Lebens verbracht habe. Ein früherer Kollege von mir aus Berlin, Henry, ist gestorben – und die Kollegen vom RSB hielten es für richtig, auch mich zu informieren. Ihre Geste hat mich so berührt, nicht nur, weil ich seinem Andenken alle Ehre geben wollte – was natürlich das Erste und Wichtigste ist - sondern weil es mir das Gefühl gegeben hat, ich bin noch ein Teil dieser menschlichen Zusammenhänge, dieses menschlichen Gewebes.

Heute brennen die Kerzen in Israel, und am Samstag werden auch bei Euch viele Kerzen brennen. In Nürnberg, in Berlin, bei meinen Freunden, bei Euch, die ich so vermisse.

Ich wünsche Euch ein fröhliches Lichterfest – ob Hannucka oder Weihnachten, Hauptsache im Kreise der Familie und Freunde – ein besinnliches Fest, mit viel Wärme, mit Freude und Gesang, und wenn Ihr schon an einen Juden denkt – denkt auch an mich.

Es gibt noch viel mehr zu erzählen, aber das wird auf das nächste Mal warten müssen – aber nicht zu lang. Versprochen.

Euer Ofer

Samstag, 21. Mai 2011

Israelisches Tagebuch 48

Ich liebe diesen Moment, kurz vor dem Auftritt, wenn man nur mit Socken auf dem kalten Fußboden steht, es hat ja was rebellisches, mit Frack und Fliege aber ohne Schuhe herumzulaufen. In Nürnberg war es ein grau-schwarzer Teppich, an der israelischen Oper ist es ein hässlicher Plastikfußboden, und in der israelischen Philharmonie – wo ich zur Zeit spiele – ist es ein angenehmer Steinfußboden, der die Zehen schön kühlt und auf den die doch angezogenen Lackschuhe so herrliche "Klak-Klak" Geräusche machen.

Ja ja, ich bin der Kulturmensch der Woche, seit Montag spiele ich abwechselnd die Zauberflöte und die Alpensinfonie von Strauss. Ich erinnere mich an meine Tage als Praktikant an der Deutschen Oper Berlin wo ich mit B. fröhlich zusammen gesungen habe "sie ist würzig, und wird eingesalzt" (zweiter Akt, original – sie ist würdig, und wird eingeweiht. Musikerhumor.) Meinen Kollegen geht es schon langsam auf die Nerven dass ich bei dieser Oper immer mitsinge, es ist auch, zugegeben, eine nervige Gewohnheit, aber ich freue mich endlich mal eine Oper auf Deutsch bei uns zu erleben. Und da einige der Sänger mit der wunderbaren Aussprache eines Türstehers an der Reeperbahn singen, sehe ich mich geradezu gezwungen, zum Schutz der deutschen Sprache mich zu erheben. Dazu muss man aber sagen – bei den meisten Sängern merkt man die Massenwanderung von israelischen Musikern nach Deutschland – sie singen nahezu akzentfrei.

Es gab aber Wichtigeres an dieser Woche.

Sonntagfrüh bin ich in die Uni gefahren, es gab die Abschlußvorlesung über Christa Wolf und ihr Buch "Was Bleibt", und ich musste ein Referat halten über den Literaturstreit Anfang der 90er in Deutschland. Schon am Morgen gab es ein ungutes Gefühl in der Luft, es war ja "Jaum Al-Nakba", Tag der Katastrophe für die Araber, so bezeichnen sie den Tag der Gründung Israels. Verständlich, muss man sagen, da der Krieg der 1948 tobte 750,000 Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben hat. Ich schreibe – der Krieg hat vertrieben. Was heißt das aber? Ich habe irgendwo gelesen – man muss manchmal akzeptieren, dass es in gewissen historischen Momenten eine Hierarchie von Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden herzustellen gilt. War der 48´ Krieg so ein Moment? Die Israelis sagen – die Araber haben den Krieg erklärt und verloren, wir haben keinen bewusst vertrieben, nun ist es aber so und darf nicht mehr angerührt werden. Die Araber sagen – es gab eine Vertreibung, Bilder, die man sonst aus Europa kennt, von langen Flüchtlingskolonnen, mit Hab und Gut und Angst in den Augen. Wer hat Recht? Was ist hier die Wahrheit? Dieser Blog ist nicht der geeignete Ort um diese Diskussion aufzurollen. Ich kann nur sagen – ich habe Verständnis für das Leid der Palästinenser, für ihre Wut, ja manchmal auch für ihre Taten. Ich habe aber auch Verständnis für die Angst der Israelis.

Verständnis? Ich spüre diese Angst manchmal.

"Macht Widerstand kreativ?" fragt Marcel Reich-Ranicki aus dem Mund meiner Professorin. Eine scharfe Zunge hat der Typ, muss man sagen, manchmal vielleicht sogar zu scharf. Wir lesen aus der Wolfschen Erzählung – "Ich soll es gewusst haben?...."

Klak-klak. Oh nein, ich trage keine Lackschuhe in der Uni. Wir alle drehen uns zum Fenster, pressen uns an das kalte Glas, die Quelle der Schießgeräusche suchend. Die Uni liegt auf einem Berg, und unter uns streckt sich das palästinensische Städtchen Isawije. Ein schwarzer Rauchschleier dehnt sich über die Häuser, gebrochen durch kleine, Zuckerwolleähnliche, weiße Tränengaswolken. Und durch diese Schwarz-weiße Decke sehen wir die Hauptstrasse, an einer Seite die Demonstranten, an der anderen unsere Armee. Die Ersteren, die meisten von ihnen jung, zu jung, den Geruch der sich verwirklichenden palästinensischen Unabhängigkeit zusammen mit dem Gas riechend, sind gefangen in einer surrealistischen Mutprobe einander gegenüber und laufen mit Steinen gegen die Panzerwagen der Soldaten, die, kaum älter als ihre Steinwerfenden Kontrahenten, zusammenrücken, verängstigt ausschauend, und schießen eine Gasgranate nach der anderen in die Menge.

"Wenn Widerstand kreativ macht, dann haben wir dort sicherlich einen Haufen Schriftsteller da untern, " sagt ein Kommilitone von mir, ich schaue zu ihm rüber, und begreife – es sind die Geburtswehen des palästinensischen Staates da unter uns.

Mehr dazu im nächsten Eintrag,

eine schöne Woche Euch allen,

Euer Ofer

p.s. es kamen zwei Fragen wegen des letzten Eintrags – Wieso ich immer eine Bombe in meinen Einträgen habe und ob ich keine Zutaten vergessen habe.

Also, auch als ich in Berlin gewohnt habe, habe ich nach jedem dumpfen Schlaggeräusch von Außen auf die Sirenen gewartet. Es ist ein Instinkt, der nicht so schnell sterben wird. Auf die zweite Frage – wenn Ihr wollt, Radieschen können noch dazu passen. Radieschen.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Israelisches Tagebuch 47

Ofer, willst Du nicht einen Fatusch zubereiten?

Ich liebe meine Frau, das muss ich schon sagen, vor allem liebe ich diese Fragen, deren nie mit Worten ausgesprochenen Antworten die kleinen Bauelemente der Liebe sind. Es ist ja klar dass ich den Fatusch zubereite, Gili kann ihn ja gar nicht zubereiten, als ich ihr das eine Mal versucht habe diese Kunst beizubringen, ist sie lachend aus der Küche geflohen. "Man braucht Geheimnisse in der Ehe!" rief sie noch aus dem Flur, und ihr lachend vermischte sich mit Ori´s aufgeschrecktem Schrei, der nach einem kurzen, sich ausprobierenden Weinen (da ist sie nicht so sehr geübt) in entzücktes Kichern überging.

Familienglück, Tel Aviv, 2011.

Ich übe mich in Ordentlich sein aus, vielleicht ein Relikt aus deutschen Zeiten, und lege die Zutaten für den Fatusch auf die Arbeitsfläche in der Küche. Gurken Tomaten Zwiebel Paprika Pitabrot Saatar Feta-Käse Salz Pfeffer und Olivenöl. Ich kann es versuchen, Mengen zu nennen – es käme mir komisch vor, Zahlen und Gewichteinheiten neben dem Namen Fatusch zu sehen, es wäre wie eine Übersetzung – eine "Essübersetzung", vielleicht – so wie ich einmal eine ganze Woche gebraucht habe bis ich verstand, "Kusbara" heiße bei Euch "Koriander". Oder wie die Unmöglichkeit, die genaue Zuckerpudermenge zu nennen die man auf Kaiserschmarrn streuen sollte. Nach Gefühl, halt.

Ein dumpfer Schlag ertönt aus der Ferne, Gili und ich werden kurz still, nur Ori kichert fröhlich weiter. Eins. Zwei. Drei. Wir zählten die Sekunden. Vier, Fünf, Sechs. Der fast schon sommerliche Himmel wird geschnitten durch Vögelgeschrei, ich schaue durch das Fenster, meine Augen suchen kein bestimmtes Zielobjekt, es sind meine Ohren die was suchen. Sieben, acht, neun. Ich stütze mich auf meine Hände, spüre die kalte Steinfläche auf der das Gemüse liegt, der Käse, das Brot. Zehn. Ich atme auf. Wenn es eine Bombe gewesen wäre, würden nach zehn Sekunden die ersten Polizei- und Krankenwagensirenen ertönen, hysterisch, eine weckt die andere zum Schreckenkonzert.

Ordnung muss sein, also erst das Pitabrot zerfetzen, in Stücke so klein wie… naja, wie Kaiserschmarrnstücke. Köche der Welt, vereinigt Euch! Man nimmt eine Schale, tut die Pitastücke rein, streut Salz darauf, ein wenig Pfeffer, Saatar, und Olivenöl.

(Saatar? Was zum T….? Ein Lachen rollt aus Nürnberg, wo ich mal versucht habe, einem gewissen Baron die richtige Aussprache von Saatar beizubringen. Vergeblich, allerdings. Der Gute ist fast daran erstickt. Der deutsche Name dieses Gewürzes ist übrigens Oregano, oder Origanum syriacum, für die die lieber auf Latein kochen)

Nach einer kurzen Weile, wenn die Brotstücke das Öl ein wenig aufgesaugt haben (nicht zu viel öl nehmen! Es kommt ja noch welches in den Fatusch!), schmeißt man sie in eine Pfanne, und frittiert sie kurz bis sie knackig werden (aber nicht braun oder schwarz! Sie müssen die Zähne nur leicht überraschen nebst den Tomaten und Käsestücken).

Gili steckt ihren lockigen Kopf durch die Küchentür, auf ihrem Arm Ori, beide grinsen fröhlich – bei Gili liegt es an ihren Geruchssinn der ihr den sich langsam verwirklichenden Fatusch verriet, bei Ori handelt es sich wahrscheinlich um das allgemeine Glück, Gili und mich als Eltern zu haben. Klar doch.

Das Gemüse schneidet man grob, das heißt, grob im Vergleich zum normalen arabischen Salat. Zum Beispiel, die Gurken. Hier muss aber eins festgemacht werden – es handelt sich nicht um die monströsen, fast schon perversen, nach Wasser schmeckenden, a-la-Fokushima deutschen Gurken, sondern um ihre kleinen Verwandten, also normale Gurken, die als Vorspielobjekt untauglich, für den Fatusch aber perfekt sind. Gurken, halt. Man schneidet sie in vier längliche Streifen, die man dann in grobe, also so um die 4 cm Stücke weiterschneidet. Die gleiche Größe gilt für all die Zutaten – die Würfel müssen so groß wie eine halbe Streichhölzerschachtel sein.

Angenommen, Ihr nehmt normales Gemüse (und nicht die oben erwähnte genetische Blasphemie der Natur) – braucht Ihr drei Gurken, zwei Tomaten, zwei Paprikas (die in den deutschen Supermärkten in der Regel aus Israel stammen), ein drittel Zwiebel (ich liebe die roten, aber ich liebe ja immer die Roten), und 150 gr. Feta (den Käse schneidet man in kleinere Stücke, nach Gefühl).

Es ist fast vollbracht, ich gehe ins Wohnzimmer um Gili die fröhlichen Nachrichten mitzuteilen, merke aber, Ori ist eingeschlafen, glücklich sein macht ja müde. Gili zeigt mit dem Finger auf den Lippen, Papageno schweige still, und ich gehe auf Zehespitzen zurück in die Küche. Die Pitastückchen haben sich inzwischen abgekühlt, ich schmeiße alles zusammen in eine große Schale, tue noch ein wenig Salz und Olivenöl rein, mische alles gründlich zusammen, und – Hurra! – Der Fatusch ist fertig.

Mahlzeit!

Euer Ofer

p.s. ich gebe es zu, kürzlich in einem ziemlich edlen Restaurant in Tel Aviv Fatusch mit Baguettestückchen statt Pitabrot bekommen zu haben, also müsst Ihr nicht nach x-Berg, Gostenhof, oder Dortmund reisen um einen Arabischen Supermarkt aufzuspüren.